Profiboxen

Warum Startrainer Ulli Wegner jetzt Denis Boytsov betreut

Der Russe Denis Boytsov ist 28 Jahre alt, Schwergewichtler und die neue Hoffnung des Sauerland-Teams. Trainer Uli Wegner schwärmt von seinen Möglichkeiten und will ihn vor allem mental aufbauen.

Foto: ppl;cse / pa/ZB

Die Schlagzeilen vor dem vorläufig letzten in der ARD live übertragenden Profiboxabend gehören Jürgen Brähmer. Der 36-jährige Halbschwergewichtler verteidigt seinen WM-Titel in Oldenburg am Sonnabend (23 Uhr) gegen den vier Jahre jüngeren Polen Pawel Glazewski. Und obwohl der Champion aus dem Berliner Team Sauerland seinen Herausforderer nicht unterschätzen will, denkt er bereits an noch lukrativere Gegner. Für Duelle gegen Felix Sturm, Robert Stieglitz oder auch seinen Team-Kollegen Arthur Abraham würde er sogar die Gewichtsklasse wechseln. „Ich müsste rund drei Kilo abnehmen. Das wäre kein Problem. Die Fans würden solche Kämpfe sicher honorieren“, sagte der mittlerweile zweifache Familienvater. Sohn Joris kam am 19. November zur Welt. Tochter Jasmin ist zweieinhalb.

Sauerlands wichtigster Kampf

Einer, der Brähmer nur zu gern aus den Schlagzeilen verdrängen würde, ist Denis Boytsov. 28 Jahre alt, Schwergewichtler und seit seiner Zusammenarbeit mit der Sauerland-Truppe die designierte Hoffnung auf einen dauerhaften Durchbruch in der Königsklasse. „Veranstalter auf der ganzen Welt hatten Interesse, ihn zu verpflichten. Doch letztendlich – und darüber sind wir äußerst froh – hat sich Denis für unser Team entschieden“, sagte Sauerland-Geschäftsführer Chris Meyer bei der Vertragsunterzeichnung Ende Juli 2013 in Berlin. Bislang hat die Hoffnung aber getrogen. Und weil dem so ist, bestreitet der gebürtige Russe in Oldenburg den aus Sauerland-Sicht mittelfristig wichtigsten Kampf des Abends. Erstmals unter den Fittichen von Cheftrainer Ulli Wegner trifft Boytsov auf den Brasilianer George Arias. Dabei geht es nicht darum, dass der Junioren-Weltmeister von 2004 gewinnt, sondern wie er gewinnt.

„Denis ist eigentlich ein Juwel. Er hat eine tolle Veranlagung fürs Boxen, ist aber mental noch zu anfällig. Darin muss ich ihn, oder besser: muss das ganze Team ihn unterstützen“, sieht Trainer Wegner seine Hauptaufgabe. Dreh- und Angelpunkt in Boytsovs sportlicher Talfahrt war seine sensationelle Niederlage gegen den neuseeländischen LKW-Fahrer Alex Leapai, der es dann einen Kampf später fertig gebracht hatte im WM-Duell mit Wladimir Klitschko in fünf Runden nicht einmal zu schlagen. „Es tut mir immer noch sehr weh, gegen eine solche Flasche verloren zu haben“, sagt Boytsov und lächelt ein bisschen verlegen, während er sich seine Handbandagen überstreift. Die zum Greifen nahe Chance, selbst gegen Über-Schwergewichtler Klitschko in den Ring zu klettern, eine Millionenbörse zu kassieren, kommt vielleicht nie wieder.

Rückstand durch Operation

„Ich habe Denis ziemlich deutlich gesagt, dass ich wenig Geduld haben werde, wenn er nicht spurt. Aber auch, dass er sich auf mich verlassen kann, wenn er sich reinhängt“, steckt Wegner den Rahmen für seinen neuesten Schützling ab. Boytsov hatte zuvor in der Trainingsgruppe von Jürgen Brähmers Coach Karsten Röwer gearbeitet. Der Trainerwechsel sei „eine einvernehmliche Teamentscheidung, in Absprache mit Karsten gewesen", so Wegner.

Boytsovs zwischenzeitliche Probleme rühren aus dem juristischen Streit um die Abwicklung des einst größten europäischen Boxteams Universum Promotion in Hamburg. Viel darüber sprechen mag er nicht, schließlich gab es schwere Drohungen (angeblich bis hin zum Mord) gegen ihn und seinen Manager Gagik Khachatryan. „Die Zeit war bitter, aber jetzt bin ich wieder da“, schiebt Boytsov die Erinnerung – auch an zeitweise drückende Schulden wegen verweigerter Börsen – beiseite. Dazu kam, dass er sich einer Ellenbogen-Operation unterziehen musste, die ihn athletisch zurückwarf. „Der Junge ist 28. Da geht das Leben als Schwergewichtler doch erst so richtig los“, motiviert Wegner. Und ein bisschen denkt er auch an sich. Ein Schwergewichts-Champion fehlt in seiner Sammlung.