Intellectual Fight

Intellektuelle Boxer messen sich im Ring und im Schachspiel

Am Freitag wird die Intellectual Fight Night in Berlin ausgetragen. Es geht ums Schachboxen. Abwechselnd wird drei Minuten Schach gespielt und drei Minuten geboxt. Vier Fäuste für ein Schachmatt.

Foto: Reto Klar

Sie sitzen sich gegenüber. Schwitzen, atmen schwer. Ihre Hände sind bandagiert, ihre Oberkörper frei. Und zwischen ihnen steht ein Schachbrett (kein Druckfehler). Dann ertönt die Glocke und in Windeseile stehen die beiden Männer auf, lassen sich die Boxhandschuhe anziehen und stellen sich kampfbereit in den Ring. Fäuste hoch, Füße fest auf dem Boden, Körper angespannt. Schach und Boxen, Brett und Ring. Das klingt nur im ersten Moment nach einer absurden Kombination findet Sven Rooch: „Strategie und Konzentration – das ist sowohl beim Schach als auch beim Boxen wichtig.“ Der 27-jährige Berliner Feuerwehrmann ist der amtierende Mittelgewichtsweltmeister im Schachboxen. Freitagabend will er seinen Titel bei der Intellectual Fight Night in der Columbiahalle verteidigen.

Schach und Boxen also. Im ersten Moment wollen diese beiden Disziplinen nicht wirklich zusammenpassen. Sven Rooch gibt zu: „Die Pole könnten nicht weiter auseinander liegen: Die klassische Kampfsportart gepaart mit der Denksportart schlechthin. Aber wie gesagt: Was auf den ersten Blick paradox klingt, muss es nicht immer unbedingt sein.“ Wer sich körperlich und geistig fit halten will, scheint jedenfalls rundum versorgt. Um beide Sportarten zu verbinden, sollte man aber auch beides gut können. Wie der gebürtige Dresdner, der vor zwei Jahren für seine Ausbildung zum Feuerwehrmann nach Berlin kam.

„Ich habe schon immer Schach gespielt, mit meinem Großvater und meinem Vater. Und mit dem Boxen habe ich schon etwa mit zwölf Jahren angefangen“, erzählt der junge Mann, der sich selbst einen „Bewegungsmenschen“ nennt und, gefragt auf die WM-Vorbereitung, bescheiden sagt: „Fithalten geht bei der Feuerwehr ja auch gut.“ Großes Posing und Einschüchterung, wie man es sonst von Boxern vor dem Kampf kennt – Fehlanzeige. Aber es geht eben auch um das Schachboxen. Und ein grimmig dreinschauender Schachgegner würde irgendwie auch eigenartig wirken.

„Eine teuflische Kombination“

Und am Schachbrett geht er los, dieser Kampf, bei dem immerhin „der schlaueste und stärkste Mann der Welt“ gefunden werden soll. Gewonnen hat, wer den Gegner entweder Schachmatt setzt, K.o. schlägt oder am Ende nach Punkten vorne liegt. Der Wettkampf hat elf Runden, immer abwechselnd drei Minuten Schach und drei Minuten Boxen. Am kniffeligsten wird es beim Wechsel vom Boxen zum Schach – und dabei natürlich im Laufe des Kampfes immer ein wenig mehr.

Nach einem Kinnhaken und bei einem Puls von 180 könnte es unter Umständen auch mal schwierig sein, den strategisch besten Zug zu machen oder den Springer vom Läufer zu unterscheiden. „Eine teuflische Kombination“, sagt Iepe Rubingh, der niederländische Künstler und nach eigenen Angaben Erfinder des Schachboxens. Das war 2003. Aus einer „Performance“ wurde ein professioneller Wettkampfsport, als Iepe Rubingh 2013 die Firma Chess Boxing Global, die die Intellectual Fight Nights ausrichtet, gründete.

Bei der WM im letzten Jahr in Moskau schlug Sven Rooch den Spanier Jonathan Rodriguez-Vega „knapp am Brett“. Das ist beim Schachboxen häufig so: „Die meisten Kämpfe werden am Brett entschieden“, sagt Sven Rooch. Wahrscheinlich, weil dort der größte Knackpunkt dieser Sportart liegt: „Entscheidend ist es, die Ruhe im Geist zu behalten.“ Im Ring könne man vielleicht noch einmal mit guter Beinarbeit oder einer perfekten Deckung ausgleichen. Große Aufregung herrscht bei Sven Rooch übrigens nicht. Dafür sieht er das Schachboxen auch zu sehr als „Hobby“ und die WM als schöne Chance: „Ich bin schon sehr ehrgeizig und habe großen Respekt vor dem Kampf“, sagt Sven Rooch. „Aber ich versuche das alles auch zu relativieren. Ich meine, wenn ich an eine WM denke, dann denke ich an die Fußball-WM. Bei uns ist das ja nicht so.“

Nur niedrige Preisgelder

Mit den Preisgeldern zum Beispiel. Das bewege sich eher „im Rahmen einer Aufwandsentschädigung“, sagt der Schachbox-Weltmeister, dessen Familie für den Kampf morgen aber schon aus Dresden angereist kommt. Kollegen von der Feuerwache in Spandau hätten sich „jetzt nicht so angekündigt.“ Obwohl die seinen Sport spannend finden und „neugierig“ sind. Schließlich trainiert er auch mal dort für seinen Sport, geht in den Kraftraum oder joggt. Ansonsten trainiert er neben seinen Schichten regelmäßig in seinem Verein, dem Chess Boxing Club Berlin.

Der wurde 2004 ebenfalls von Rubingh gegründet und ist „der erste Schachboxverein der Welt“, wie der Internetauftritt verspricht. Rund 100 Mitglieder hat der Verein inzwischen, die Alterspanne liegt bei 16 bis etwa 50 Jahren. Darunter sind auch ein paar Frauen. Ansonsten wünscht er sich mehr Sportler, die das Schachbox-Geschäft beleben: Weltweit gebe es „nur so 30 bis 40 Schachboxer“, die in Niveau und Gewichtsklasse eine Konkurrenz darstellen.

Mit welchem Song Sven Rooch in der Columbiahalle einlaufen wird, das weiß er noch nicht. Noch hat er nicht „den einen Song“ für sich gefunden, die Erkennungsmelodie, die jeder Boxer vor dem Kampf zur Motivation auflegt. „Ich entscheide das an dem Tag selber. Je nachdem, welches Lied dann zu meiner Stimmung passt.“ Wenn sich Sven Rooch und der Spanier Jonathan Rodriguez-Vega morgen gegenüber sitzen, verschwitzt und schwer atmend, dann werden jedenfalls beide in der Stimmung sein, dieses eine Wort zu sagen, das sich für einen Schachboxer besser anfühlt, als ein K.o.: Schachmatt.