Olympia

Sporthilfe-Chef Ilgner rät Deutschland zu Selbstbewusstsein

Berlin zielt darauf, die Olympischen Spiele auszurichten. Ist das realistisch? Sporthilfe-Chef Michael Ilgner spricht über Deutschlands Olympiachancen - und einen Besuch bei Kanzlerin Angela Merkel.

Foto: BREUEL-BILD/ABB / pA/

Deutschlands beste Sportler küren an diesem Montag ihren Champion des Jahres. Zur gemeinsamen Aktiv-Woche von 72 Medaillengewinnern im Robinson Club Soma Bay (Ägypten) hatte die Stiftung Deutsche Sporthilfe mit Vorstandschef Michael Ilgner eingeladen. Zu den fünf Finalisten der Wahl gehören auch der Berliner Wasserspringer Patrick Hausding und der Potsdamer Kanute Sebastian Brendel.

Berliner Morgenpost: Herr Ilgner, die 72 deutschen Medaillengewinner bei Olympia, WM und EM dieses Jahres können ihre Wahl zum Champion des Jahres nur wie gewohnt küren, weil sie die Deutsche Fußball Liga (DFL) finanziell unterstützt. Diese Solidarität ist löblich, zeigt aber auch die Probleme der öffentlichen Wertschätzung des olympischen Sports in Deutschland, oder?

Michael Ilgner: Ich bin froh, dass die DFL und die Bundesliga-Stiftung sich auch in anderen Bereichen unserer Arbeit bei der Sporthilfe so stark engagieren. Andererseits sollte man sich aber schon eingestehen, dass es für den olympischen Bereich im deutschen Sport nur ein befriedigendes Sportjahr war und sicher kein sehr gutes. Es gibt da durchaus Reformbedarf, und der olympische Sport muss das jetzt anpacken. Ich glaube aber, dass der neue DOSB-Präsident Alfons Hörmann den Willen hat, langfristig eine neue Linie aufzusetzen.

Den Reformwillen empfindet nicht jeder Beobachter so stark wie Sie!

Braucht es immer einen großen Knall? Ich wünsche mir den so nicht. Aber wenn man es vergleicht mit anderen Sportnationen mit ähnlicher Gesellschaftsstruktur um uns herum wie Großbritannien, Italien, Frankreich, dann sieht man, dass diese zuletzt alle Olympische Spiele ausgetragen oder entsprechend langfristige Konzepte aufgelegt haben, was immer auch einen Schub freigesetzt hat. Die letzten Spiele in Deutschland sind im Sommer 1972 gewesen und damit sehr lange her.

Also braucht der deutsche Sport die Olympiabewerbung dringend?

Wir alle propagieren ja immer die Vorbildwirkung des Leistungssports, aber das funktioniert nur, wenn man im weltweiten Wettbewerb auch besteht. Und dafür brauchen wir definitiv einen neuen Schub. Den kann man ohne Olympische Spiele geben, aber mit den Spielen im eigenen Land bekäme er eben eine ganz andere Dimension.

Und sehen Sie die Bewerbung auf einem guten Weg? Bis Dezember will sich der DOSB zwischen Berlin und Hamburg entscheiden.

Auf einem besseren Weg als rund um Münchens Winterpläne für 2022. Damals wurden zu viele taktische Fragen gestellt, und damit stellte man am Ende sich selbst auch infrage. Diesmal wird es ein Konzept geben, von dem wir überzeugt sind, das wir mit den Menschen diskutiert haben in der Region und im ganzen Land. Und danach werden wir – egal, ob Berlin oder Hamburg – auch die Kraft haben, das durchzusetzen. Dass man beim IOC mehr auf Nachhaltigkeit achten will, macht zusätzlich Hoffnung. Ich finde, wir Deutschen sollten diesbezüglich ganz selbstbewusst auftreten. Und selbst wenn einige unserer Ansätze jetzt noch nicht den aktuellen Regularien und Vorstellungen entsprechen, ist das aus meiner Sicht kein Grund, diese Ideen nicht dennoch vorzulegen. Deutschland als Sportland und erfolgreiche Wirtschaftsnation sollte sich da einbringen und sich als Option für neue Wege anbieten.

Aber die Pläne des Fußballs mit der EM 2024 drohen wieder alles andere in den Schatten zu stellen, oder?

Es sollte keine Diskussionen über eine mögliche Kollision mit der Fußball-EM 2024 geben. Brasilien zeigt doch, dass ein Land in kurzer Folge zwei große Events erhalten kann.

Genießt der Sport überhaupt noch genug gesellschaftliche Anerkennung, um so ein Mammutprojekt wie Olympische Spiele durchzusetzen?

Das wissen wir ja aus Studien, und wir spüren es auch. Die Sporthilfe hat für das Förder-Projekt „Sprungbrett Zukunft“ innerhalb kurzer Zeit schon 140 Unternehmen gefunden, die sich für Praktika, Berufseinstiege und Mentorenprogramme für Spitzenathleten engagieren und so tolle Chancen auch nach der Sportkarriere bieten. Und wir werden mit Sportlern und den Unternehmen am 13. Oktober von Angela Merkel im Kanzleramt empfangen, weil sie diese Eigeninitiative als förderungswürdig ansieht. Das sagt viel aus. Leistungssport für junge Menschen aus allen Gesellschaftskreisen zu fördern, passt zu diesem Land, daran gibt es nirgends Zweifel.