Vordergründig ist alles wie immer. Am Sonnabend verteidigt Arthur Abraham in Kiel seinen Weltmeistergürtel im Super-Mittelgewicht gegen den Engländer Paul Smith. Und doch ist dieser Kampf, vermutlich der vorletzte unter ARD-Regie, eine Zäsur. Denn die Uhren im deutschen Profiboxen sind mit dem Ausstieg des „Ersten“ beim Boxstall Sauerland auf Null gestellt.
Jahrelang verwöhnt von den Rahmenverträgen des ZDF (bis 2010 mit der Hamburger Universum Box-Promotion) und der ARD mit den Berlinern, fehlte den Kampfabenden manchmal das zündende Moment, die Überraschung und, relativ selten zwar, auch die Qualität. Die Planungssicherheit führte zu Veranstaltungsroutine – mehrheitlich auf sehr präsentablem Niveau. Künftig, und das gilt für alle, die sich hierzulande im Berufsboxen tummeln, muss man sich neu erfinden.
Erstes positives Beispiel: Am 8. November stehen sich in Stuttgart die Ex-Weltmeister Felix Sturm und Robert Stieglitz gegenüber. Es geht um keinen Titel, und sie boxen in einer Gewichtsklasse, die es nicht gibt – bis dato undenkbar, auch wenn beide seit geraumer Zeit ein TV-Abkommen mit Sat1 haben. Sturm ist im Mittelgewicht (bis 72 Kilo) unterwegs, Stieglitz im Supermittel (bis 76 Kilo). Kompromiss: Beide werden rund 75 Kilo schwer sein. „Ich finde, das ist eine richtig gute Idee. Die Fans wollen interessante Kämpfe sehen. Und wenn die Boxer interessant sind, braucht man nicht unbedingt eine WM“, sieht Abraham mittelfristig auch für sich einen Vorteil aus dem Sturm-Stieglitz-Duell. Sollte Sturm siegen, könnte er gegen ihn boxen. Dann wohl um die WM, denn Sturm würde definitiv eine Gewichtsklasse aufsteigen. Und Sat1 wäre sicher auch interessiert.
Champions im fortgeschrittenen Alter
„Abraham gegen Sturm wäre ein Knaller, darüber müssen wir nicht reden. Reden müssen wir über Qualität. Deutschland hat eine Reihe hervorragender Boxer. Dabei spreche ich nicht nur von unserem Sauerland-Team. Aber unsere Stars werden nicht jünger. Also müssen wir die Talente, die es gibt, intensiv fördern, wenn es weitergehen soll“, wirft Abraham-Trainer Ulli Wegner einen Blick voraus. In der Tat. Abgesehen von der Zugehörigkeit zu einem Boxstall ist die Altersstruktur der in Deutschland lizenzierten Weltmeister eher in Richtung „reif“ gerichtet.
Schwergewichts-Superchampion Wladimir Klitschko (bei RTL unter Vertrag) ist 38. Arthur Abraham ist 34. Halbschwergewichtler Jürgen Brähmer ist 35. Die Cruisergewichtler Marco Huck (ihm wird, unter Umständen im Schwergewicht, sogar das Potenzial für Kämpfe in den USA zugetraut) und Yoan Pablo Hernandez sind mit 29 noch einige Zeit im grünen Bereich. Die Ex-Champions Sturm und Stieglitz sind 33 und 35 Jahre alt, aber noch zugkräftig.
Dahinter steht aber ein Dutzend Protagonisten, darunter die Berliner Tyron Zeuge, Enrico Kölling und Stefan Härtel, die sich auf den Weg in Richtung Titelgewinne gemacht haben. „Unser Team hat die Boxer, die fürs Fernsehen interessant sind“, sagt Manager Kalle Sauerland. Der Sohn des Teamgründers Wilfried Sauerland blickt aber definitiv über den deutschen Markt hinaus. „Wir sind in Skandinavien und auch in England engagiert und gut aufgstellt. Wir setzen auf eine weitere Zusammenarbeit mit der ARD, aber wir setzen da keine Prioritäten“, so der 37-Jährige.
Nur Leistung bringt TV-Quote
Die Bedeutung des 45. Profikampfes von Arthur Abraham liegt in der Tatsache, dass sich die künftig auszuhandelnden Einzelveranstaltungen aus TV-Sicht ausschließlich an den zu erwartenden Quoten ausrichten werden. Bislang garantierte die ARD zehn bis zwölf Veranstaltungen pro Jahr. Die Gegner der Sauerland-Boxer in den Hauptkämpfen musste man akzeptieren wie sie kamen. Das ist jetzt anders, was auch bedeutet, dass nicht zwingend ein WM- oder EM-Prädikat auf dem Spiel stehen muss. Letzteres ruft bei Ulli Wegner aber ein wenig Skepsis hervor.
„Die beste Methode, für das Fernsehen interessant zu sein, ist mit Top-Leistungen Weltmeistertitel zu erringen oder zu verteidigen. Dafür brauchen wir unsere vier Weltmeister. Kein Zeuge, Kölling oder Härtel kann sich ohne den Sog der Besten so entwickeln, dass er in die absolute Weltspitze vorstößt. Auch weil ein Team ohne TV an seine finanziellen Grenzen stösst. Also sind Titelkämpfe nun mal das Salz in der Suppe“, so Wegner.
Dabei ist sich der 72-Jährige der Besonderheit seiner eigenen Situation durchaus bewusst. Mit dem Auslaufen des ARD-Kontrakts zum Jahresende kann er bei Sauerland gekündigt werden. Dagegen steht die Tatsache, dass er mit Abraham, Huck und Hernandez drei der vier Champions trainiert. Abraham bindet seine Karriere an die von Wegner. „Wenn der Trainer aufhört, dann ist auch für mich Schluss“, so König Arthur.
Gegner Smith ist siegessicher
Gemeinsames Ziel des Duos, das mittlerweile 13 Jahre zusammenarbeitet: 50 Kämpfe. „50 ist eine schöne Zahl. Aber am Sonnabend und auch sonst geht es nicht einfach darum zu gewinnen, sondern das Boxen als attraktiven Sport zu verkaufen. Es soll doch weitergehen, was wir aufgebaut haben. Die Fans schauen im Fernsehen zu oder kommen zum Kampf, um ihre Helden zu sehen“, so Wegner. Abraham haut in die gleiche Kerbe: „Ich habe ein Problem damit, dass Boxen nicht mehr selbstverständlich gezeigt wird. Es haben immer Millionen Menschen zugeschaut.“ Den Vorwurf, er fürchte künftig das Ausbleiben fetter Börsen, wischt er vom Tisch. „Ich boxe nach so vielen Jahren nicht mehr nur wegen des Geldes.“
Geht es nach seinem Gegner Paul Smith, boxt Abraham künftig gar nicht mehr. „Ich habe Respekt vor ihm, er hatte eine lange, erfolgreiche Karriere. Aber auf mich wirkt er müde im Ring. Ich werde ihn in Rente schicken“, so der 31 Jahre alte Engländer, der 35 seiner 38 Kämpfe gewinnen konnte.



