Rad

Voigt wird seinen Weltrekord nicht lange behalten

Der Berliner Jens Voigt strampelte in einer Stunde 51,115 Kilometer und versüßte sich so das Karriereende. Spezialisten wie Fabian Cancellara und Tony Marke werden die Bestmarke aber bald verbessern.

Foto: Peter Klaunzer / dpa

Nach seiner 51,115 Kilometer langen Rekordfahrt in die Rente hängte Jens Voigt unter dem Jubel der 1600 Zuschauer sein Rad an den symbolischen Nagel und atmete einmal tief durch. „Ich bin überglücklich“, sagte der erste deutsche Stundenweltrekordler am Eurosport-Mikrofon: „Jetzt kann ich nach Hause fahren, meine Kinder in den Arm nehmen und sagen: Papa hat was geschafft.“

Als erster Deutscher trug sich der Berliner bei seinem Stundenweltrekord einen Tag nach seinem 43. Geburtstag in Grenchen in die Liste ein, in der Legenden wie Eddy Merckx, Fausto Coppi und Jacques Anquetil stehen. „Dass ich da jetzt auch meinen kleinen Namen lesen darf, macht mich sehr, sehr stolz“, sagte „Voigte“, der seine Karriere nach 18 Profijahren mit dem Rekord von Grenchen beendet.

Unter dem tosenden Jubel der Zuschauer, die ihn mit Standing Ovations durch die letzten Runden trugen, erreichte Voigt in Grenchen sein großes, sein letztes Ziel – deutlich schneller als der Tscheche Ondrej Sosenka bei seinen 49,700 km 2005 in Moskau. Im Ziel war Voigt zunächst zu erschöpft für große Gesten, vollkommen erledigt nahm er als erstes die Gratulation seiner Eltern entgegen und winkte mit einer Hand ins Publikum. Wenig später hatte er sich aber schon wieder gefangen: „Ich wusste ja, ich quäle mich zum letzten Mal in meinem Leben. Ab jetzt gibt es keine Schmerzen mehr.“

Voigt ging die Sache zu schnell an

Einen „Tick zu schnell“ sei er die Rekordfahrt angegangen, „deshalb musste ich auch in den zweiten 20 Minuten ein bisschen den Dampf rausnehmen“. Dann zeigte ihm ein kurzer, schneller Blick auf die Uhr, dass es reichen würde. „Ich hab dann trotzdem nochmal einen Ticken zugelegt, schließlich war es das letzte große Ding in meinem Radsportleben.“

Er wolle nicht langsam in die Rente rollen, sondern mit einem Knall abtreten, hatte Voigt dem übertragenden TV-Sender Eurosport im Vorfeld gesagt. Als dann der Weltverband UCI im März 2014 die Regeln änderte und wieder spezielle Zeitmaschinen mit Triathlonlenker und Scheibenrädern für die Stundenhatz zuließ, habe er sich gedacht: „Warte mal, das kann ich schaffen.“

Eine Stunde vor dem offiziellen Start seiner Zeitenjagd hatte sich Voigt 30 Minuten lang zu den Klängen von Metallicas „Turn the Page“ im Windschatten eines Mofarollers warmgefahren. Seine Rekordjagd ging er sehr schnell an, achtete aber dabei immer auf die Tafeln, die ihm sein Schweizer Betreuer Daniel Gisiger immer wieder zeigte. Nur nicht zu schnell, nur nicht so kurz vor dem Ziel doch noch einbrechen.

Nach zehn Kilometern war Voigt bereits 12,5 Sekunden schneller als der für den Rekord errechnete Fahrplan, nach 20 Kilometern hatte er das auf 24,3 Sekunden ausgebaut. Ganz ruhig saß der sechsfache Familienvater im Sattel seiner Maschine mit den schwarzen Scheibenrädern im Chronografen-Design. Wie ein Uhrwerk drehte er einen Tag nach seinem 43. Geburtstag seine Runden auf dem 250 m langen Oval. Nach einer knappen halben Stunde ging er zum ersten Mal aus dem Sattel, um den Rücken ein wenig zu entlasten, dann ließ er sich wieder in die Standardposition zurückfallen.

Voigt ist der Vorreiter für die Spezialisten

Eine Viertelstunde vor dem Ende wurde deutlich, dass der einsame Kampf, den Jens Voigt gegen die Uhr und gegen sich selbst führte, härter wurde. Immer wieder rutschte er im Sattel hin und her, um seine Sitzposition zu verändern, die Zeiten, die bis dahin kontinuierlich bei 17,9 lagen, fielen. 17,5, 17,3, 17,1 – dennoch blieb er mit dem unermüdlichen Stakkato seiner Beine im Plan.

„Ich bin froh, dass ein Sportler wie Jens Voigt mit einem so hohen Bekanntheitsgrad diesen Rekordversuch fährt“, sagte Brian Cookson, der Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, vor dem finalen Showdown in Grenchen: „Ich hoffe, dass er viele andere animiert, es auch mal zu versuchen.“

Voigt könnte durchaus eine neue Welle losgetreten haben, neben dem Schweizer Fabian Cancellara haben bereits der frühere Tour-Sieger Bradley Wiggins und auch Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin bekundet, durchaus Interesse am Stundenweltrekord zu haben. „Ich habe meinen Rekord, jetzt müssen die anderen zeigen, dass sie es besser können“, sagte Voigt nach seinem großen Finale. Er hat vorgemacht, wie es geht.

Die Entwicklung der Stundenweltrekorde

11. Mai 1893 Henri Desgrange 35,325 km Paris

31. Oktober 1894 Jules Dubois 38,220 km Paris

30. Juli 1897 Oscar Van Den Eynde 39,240 km Paris

3. Juli 1898 Willie Hamilton 40,781 km Denver

24. August 1905 Lucien Petit-Breton 41,110 km Paris

20. Juni 1907 Marcel Berthet 41,520 km Paris

22. August 1912 Oscar Egg 42,122 km Paris

7. August 1913 Marcel Berthet 42,741 km Paris

21. August 1913 Oscar Egg 43,525 km Paris

20. November 1913 Marcel Berthet 43,775 km Paris

18. August 1914 Oscar Egg 44,247 km Paris

25. August 1933 Jan van Hout 44,588 km Roermond

28. September 1933 Maurice Richard 44,777 km St. Trond

31. Oktober 1935 Giuseppe Olmo 45,090 km Mailand

14. Oktober 1936 Maurice Richard 45,325 km Mailand

29. September 1937 Frans Slaats 45,485 km Mailand

3. November 1937 Maurice Archambaud 45,767 km Mailand

7. November 1942 Fausto Coppi 45,798 km Mailand

29. Juni 1956 Jacques Anquetil 46,159 km Mailand

19. September 1956 Ercole Baldini 46,394 km Mailand

18. September 1957 Roger Rivière 46,923 km Mailand

23. September 1959 Roger Rivière 47,347 km Mailand

30. Oktober 1967 Ferdinand Bracke 48,093 km Rom

10. Oktober 1968 Ole Ritter 48,653 km Mexiko-Stadt

5. Oktober 1972 Eddy Merckx 49,431 km Mexiko-Stadt

27. November 2000 Chris Boardman 49,441 km Manchester

19. Juli 2005 Ondrej Sosenka 49,700 km Moskau

18. September 2014 Jens Voigt 51,115 Km Grenchen

Weltbestleistungen

2000 annulliert die UCI im Nachhinein die Stundenweltrekorde aus den Jahren 1984 bis 1996, da sie mit aerodynamisch ausgefeilten Spezialrädern und mit Sitzpositionen erzielt wurden, die nicht dem neuen Reglement entsprachen. Sie bleiben als Bestleistungen notiert.

19. Januar 1984 Francesco Moser 50,808 km Mexiko-Stadt

23. Januar 1984 Francesco Moser 51,151 km Mexiko-Stadt

17. Juli 1993 Graeme Obree 51,596 km Hamar

23. Juli 1993 Chris Boardman 52,270 km Bordeaux

27. April 1994 Graeme Obree 52,713 km Bordeaux

2. September 1994 Miguel Induráin 53,040 km Bordeaux

22. Oktober 1994 Tony Rominger 53,832 km Bordeaux

5. November 1994 Tony Rominger 55,291 km Bordeaux

7. September 1996 Chris Boardman 56,375 km Manchester