Zwölf Stunden

Wie in Spandau Motorräder für BMW gebaut werden

Vor 45 Jahren verlegte BMW seine Motorradproduktion von München nach Spandau. Seitdem wurden mehr als zwei Millionen Maschinen gebaut. Die Morgenpost hat zwölf Stunden im Spandauer Werk verbracht.

Foto: Massimo Rodari

05:45 Uhr: Wann in der BMW Motorradfertigung in Spandau die Frühschicht beginnt, ist nicht zu übersehen. Kurz vor sechs Uhr strömen die Mitarbeiter aus dem Ausgang des U-Bahnhofs Haselhorst. Auf der Straße Am Juliusturm reihen sich Auto- und Motorradfahrer ein, um auf die werkseigenen Parkplätze zu fahren. Ungefähr 1900 Mitarbeiter arbeiten in zwei Schichten in den Hallen nahe der Zitadelle. In einigen Produktionszweigen wird auch in drei Schichten gearbeitet. Vor mehr als 90 Jahren haben die Bayerischen Motoren Werke begonnen, Motorräder zu bauen, 45 Jahre davon in Berlin.

07:00 Uhr: Auf dem Werksgelände sind Lkw verschiedener Speditionen zwischen den Produktionshallen unterwegs. Sie liefern Teile und Werkstoffe und holen fertige Motorräder ab. Bis zu 600 Motorräder werden täglich fertig gestellt, verladen und abgeholt.

08:45 Uhr: Die Arbeitsplätze in der Auszubildendenwerkstatt sind verwaist. 30 Minuten Frühstückspause. Ausbildungsleiter Harald Tragmann steht während dieser Zeit einem Kamerateam vom öffentlich-rechtlichen italienischen Fernsehen RAI 1 Rede und Antwort. Thema: das duale Ausbildungssystem in Deutschland.

09:10 Uhr: Elektroniker, Industriemechaniker, Mechatroniker, Kfz-Mechtroniker und Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik werden am Spandauer Standort ausgebildet. Nach Angaben des Ausbildungsleiters werden aktuell 80 junge Frauen und Männer ausgebildet. „Zwischen 15 und 20 Prozent der Auszubildenden sind derzeit Frauen“, sagt Tragmann.

09:25 Uhr: Franziska Naumann lernt den Beruf der Elektronikerin für Betriebstechnik. „Ich bin auf einer Berufsmesse auf diesen Ausbildungsberuf aufmerksam geworden“, sagte sie. „Dann habe ich mich beworben und bin jetzt im zweiten Lehrjahr.“ Ausbildungsleiter Tragmann zeigt ihr an diesem Vormittag den richtigen Umgang mit einer Drehmaschine. Mit dieser Maschine habe sie sonst während ihrer Ausbildung nicht so häufig zu tun, sagt Franziska Naumann.

09:40 Uhr: Tourguide Roland Noack ist der Fremdenführer des Werks. Gemeinsam mit fünf weiteren Kollegen begleitet er Schulklassen, Vereine und Gruppen aus den verschiedensten Ländern durch die Produktionsstätten. An diesem Vormittag wartet eine Schulklasse auf ihn. „In einem Raum neben der Biker-Bar gibt es eine Präsentation“, sagt er. „Im Anschluss daran geht es dann durch die Geburtsstätte der Motorräder des Hauses.“ In der sogenannten „eLounge“ erfahren die Besucher im Rahmen einer Ausstellung von Produktion und Technologie der ersten rein elektrisch angetriebenen Scooter.

Wenn Männer zu Kindern werden

09:55 Uhr: Im Rahmen der Berufsorientierung besucht eine achte Klasse der Karl-Bosch-Oberschule aus Reinickendorf das Werk. Aber wer denkt schon an eine Berufsausbildung wenn er auf einem Rennmotorrad sitzen darf? In der Biker-Bar stehen für Besucher verschiedene Modelle zum Probesitzen. Die Tour zeigt schnell erste Ergebnisse: „Mit 18 Jahren mache ich sofort meinen Führerschein und kaufe mir ein Motorrad“, sagt der 15-jährige Mike. „Am liebsten eine Rennmaschine.“

10:30 Uhr: Pause im Aktivraum. Von der Werkbank führt der Weg direkt in die modern konzipierten Pausenräume. Eine Tischtennisplatte, ein Kicker, ein Sandsack zum Boxen und ein Sportgerät stehen dort den Mitarbeitern zur Verfügung. „Wir spielen in jeder Pause Tischtennis oder Kicker“, sagt einer der Monteure mit Begeisterung. Da werden die Männer wieder zu Kindern: „Der Gewinner darf weiterspielen, der Verlierer muss Platz für den nächsten Spieler machen.“

11:00 Uhr: Am Grundband 2 wird alle achteinhalb Minuten „geheiratet“: Montageschlosser Christoph Skowron montiert die Rahmenhinterteile, die Rahmenvorderteile und die Motoren von insgesamt vier verschiedenen Modellen zusammen. Mit einer Hebehilfe werden die einzelnen schweren Teile in die richtige Position gebracht und anschließend zu einem Ganzen verschraubt. Im Werk nennt man das „Hochzeit“.

11:45 Uhr: Was drin steckt in einer Maschine, ist wichtig. Aber gut aussehen muss sie auch. Rund 65 Prozent Luftfeuchtigkeit und eine Temperatur von etwa 23 Grad seien ideale Bedingungen für die vollautomatische Lackierung, erklärt Olaf Mücke, Meister in der Lackiererei. „5500 bis 7000 Teile werden täglich lackiert“, sagt er. „20 Prozent von Hand, 80 Prozent vollautomatisch.“ Die hoch komplizierten Lackierroboter seien in der Lage, alle zwei Sekunden eine andere Farbe zu verarbeiten.

250 Komponenten für den Motor

12:30 Uhr: „Aus bis zu 250 Komponenten entstehen im Motorenbau die Aggregate“, sagt Fertigungsmeister Michael Peters. Für einen Boxermotor braucht man zwischen 90 und 130 Minuten, ein Vierzylinderreihenmotor entsteht in zwei Stunden. Binnen 150 Minuten ist ein Sechszylindermotor fertig.

12:45 Uhr: Die Zweiräder werden für den Versand verpackt. „80 Prozent der Maschinen gehen in den Export“, sagt Jean Schimmer. Bis nach Tansania versendet man die Maschinen. Dort werden sie als Behördenfahrzeuge genutzt.

13:05 Uhr: „Im Sommer grillen wir mindestens einmal in der Woche“, sagt Volker Klapdor, Küchenleiter der Gesamtgastronomie. „Mal grillen wir Fleisch, hin und wieder auch Fisch.“ Mehrere 100 Hauptmahlzeiten bereiten Klapdor und seine sieben Kollegen täglich zu.

14:30 Uhr: An sogenannten C-Haken, den schwenkbaren Aufhängungen des flexiblen Fördersystems, werden die Motorräder je nach Auftrag und automatisch durch den gesamten Montageprozess geführt. Am Grundband 2 führt das an einer Anzeigetafel vorbei. An dieser Montagestrecke wurden an diesem Tag bereits 42 Motorräder gefertigt.

17:05 Uhr: „Bis auf die Vollbremsung simulieren wir auf dem Rollenprüfstand bei einem Tempo von 130 bis 140 Stundenkilometern alles“, sagt Industriemeister Christian Pohl. In seiner futuristisch anmutenden Halle wird bei eingeschaltetem Scheinwerfer überprüft, ob das, was da irgendwann aus Berlin in die Welt geschickt wird, auch zuverlässig funktioniert.