Bei der 100. Auflage der weltweit wichtigsten Radrundfahrt entfällt diesmal der Prolog. Erstmals seit 1966 beginnt die Tour de France wieder mit einer Flachetappe, nach 213 Kilometern über die Insel Korsika hoffen vor allem Sprinter auf das Gelbe Trikot. Zehn der insgesamt 198 Starter stammen aus Deutschland, der erfahrenste von ihnen ist der Berliner Jens Voigt. Es ist bereits sein 16. Tourstart, doch der bald 42 Jahre alte Senior im Peloton freut sich trotz aller Kritik am Radsport, als wäre es der erste. Morgenpost-Redakteur Matthias Brzezinski sprach mit dem Vater von sechs Kindern über seinen Antrieb.

Berliner Morgenpost: Herr Voigt, was macht für Sie den besonderen Reiz der Tour de France aus?

Jens Voigt: Die Tour ist ein großes Lebensabenteuer, und es ist immer noch eine Auszeichnung, dabei sein zu dürfen. Das Flair in Frankreich, das Leben in einem Kaleidoskop von Personen, Eindrücken, Anforderungen ist unbeschreiblich. 1500 Leute ziehen durch ein Land, jeden Tag. Ich will es mal so versuchen. Die Tour de France ist wie der Karneval in Rio. Man kann es nicht erklären, man muss es erleben.

Sie geraten auch bei der 16. Teilnahme so richtig ins Schwärmen.

Ja, definitiv. Man lebt als Fahrer wie in einem U-Boot. Dreieinhalb Wochen abtauchen in eine eigene, abgeschlossene Welt. Ich zumindest kriege ganz viele Sachen nicht mit. Ich nenne mal ein Beispiel. 1998 haben wir im Radio ein Lied gehört. Ein Bekannter sagte: „Mensch, das ist ja Guildo Horn, der im Eurovision Song Contest mitgemacht hat.“ Und ich hatte keine Ahnung, wer das ist.

Aber die drei Tour-Wochen sind sicher mehr als Folklore.

Natürlich. Sie sind die wichtigsten Wochen im Leben eines Radprofis. Für mich teilt sich das Jahr in drei Phasen: vor der Tour, die Tour, nach der Tour. Der Unterschied zu den beiden anderen Rundfahrten Giro d’Italia und Vuelta ist der, dass während der Tour die wichtigsten Entscheidungen bei Fahrern und Teams getroffen werden. Entscheidungen, die oft für Jahre Gültigkeit haben.

Sie sind inzwischen fast 42 Jahre alt und damit der älteste Fahrer im Feld. Bereiten Sie sich mittlerweile anders auf die über 3000 Kilometer vor als früher?

Das würde ich so nicht sagen. Die Unterschiede resultieren eher aus der gewonnenen Erfahrung. Man kann bestimmte Anforderungen besser einschätzen, man kennt seinen Körper noch besser.

Haben Sie als Team-Senior eigentlich ein besonderes Mitspracherecht? Oder bestimmt alles Kapitän Andy Schleck?

Nein, ich bin eher als Soldat unterwegs. Ich mache, was man mir sagt, vereinfacht ausgedrückt. Aber ich kann schon Wünsche äußern. Schließlich habe ich ganz viel erlebt. Und von dieser Erfahrung profitiert auch das Team.

Der Teammanager von Radio Shack, Luca Guercilena, traut Ihnen aber auch diesmal einen Etappensieg durch eine Flucht zu.

Ich bin kein Kopfmensch, ich bin einer, der gern eine Entscheidung aus dem Bauch trifft. Wenn ich eine Chance sehe, geht es los.

Mag man das im Team?

Natürlich geht der Bauchentschei-dung etwas voraus. Es gibt jeden Tag eine Taktikbesprechung. Das Team hat ja Ziele, je nach Strecke und Gesamtsituation.

Sie sind zufrieden mit Ihrer Rolle?

Grundsätzlich ja. Natürlich wäre ich lieber ein toller Sprinter. 200 Meter im Wind fahren dann die Arme hochreißen und feiern. Aber das kann ich nicht. Ich muss mit dem arbeiten, was mir zur Verfügung steht. Ich mache die harte Arbeit.

Das Feld ist eine Zweiklassengesellschaft?

Das wäre zu kurz gedacht. Jedes Team hat einen Kapitän, der bestenfalls die Tour gewinnt. Während einer Etappe gibt es aber verschiedene kurzfristige Interessengemeinschaften.

Sie haben 2008 mit dem Team CSC Saxo Bank und 2012 mit ihrem derzeitigen Team Radio Shack die Mannschaftswertung gewonnen. Ist das etwas wert?

Es ist auf jeden Fall ein unbeschreibliches Gefühl, in Paris auf dem Siegertreppchen zu stehen.

Gibt es auch ein Negativ-Erlebnis?

Ja, mein Sturz 2009, als ich mir das Jochbein und den Kiefer gebrochen hatte. Ich habe sogar kurz gedacht, dass mein letztes Stündlein geschlagen hat.

Zurück zum Siegerpodest. Das Thema Doping hat die Tour de France auch in diesem Jahr fest im Griff. Lance Armstrong hate gerade erst wieder betont, dass es ohne Doping gar nicht gehen könnte.

Das will ich gern offensiv beantworten. Klar ist: Wer gedopt hat und erwischt wird, muss bestraft werden. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es sei denn, man sieht es positiv, dass im Radsport immer wieder Fahrer erwischt werden weil insgesamt ganz gut kontrolliert wird. Aber es gibt eine Sache die mich stört und ich habe einen Wunsch.

Als da wäre?

Mich stört, dass das Thema vor jeder Tour vorübergehend alles in den Schatten stellt. Und das alle in einen Topf geworfen werden. Ich wünsche mir, dass junge Fahrer wie John Degenkolb oder Marcel Kittel einfach in Ruhe gelassen werden. Dass sie sich in Ruhe entwickeln dürfen. Als die Fahrer, die jetzt im Fokus stehen, aktiv waren haben John und Marcel noch Pokemon-Karten getauscht oder Gameboy gespielt. Sie sind eine andere Generation. Sie hinterfragen viel stärker das Risiko, das mit Doping verbunden ist.

War Jan Ullrichs vermeintliches Blutdoping-Geständnis in der vergangenen Woche für Sie zielführend?

Hat er denn irgendetwas Neues gesagt?

Zurück zur Tour 2013. Gibt es für Sie einen großen Favoriten?

Ich würde mein Geld auf Christopher Froome vom Team Sky setzen.

Und Ihr eigenes Ziel?

Am 21. Juli gesund in Paris auf die Zielgerade einzubiegen.

Und dann ab nach Berlin zur Familie?

Ja, meine Familie ist mein ein und alles.

Würden Sie ihren Kindern eigentlich zum Radsport raten?

Mein zweitältester Sohn fährt Rad. Aber ich mische mich da nicht ein. Ich finde es schrecklich, wenn Eltern am Streckenrand stehen und ihre Kinder zutexten. Ich bin mir mit meiner Frau aber einig darüber, dass unsere Kinder Sporttreiben sollen.

Warum?

Man lernt Verlieren, Siegen, Disziplin und dass man arbeiten muss, wenn man etwas erreichen will. In welcher Sportart sie das tun, ist uns egal.