Einen Moment wirkte Joachim Löw, als ob er flüchten wollte. Gerade hatte der Schiedsrichter das Spiel gegen Schweden abgepfiffen, und wie eine wütende Woge brandeten die Pfiffe der 72.000 Zuschauer durch das Berliner Olympiastadion. Löw drehte sich auf dem Absatz um, steuerte schon auf den Ausgang zu, als er noch einmal innehielt. Der Bundestrainer blickte ungläubig zurück auf das Spielfeld, wo die in Gelb und Blau gekleideten Spieler jubelten, als hätten sie die Weltmeisterschaft 2014 gewonnen. Das Qualifikationsspiel für das Turnier in Brasilien war 4:4 ausgegangen, allerdings gab es einen gefühlten Sieger.

Es war ein Spiel, das in die deutsche Fußballhistorie eingehen wird – allerdings nicht als Ruhmestat. Im Gegenteil: Zum ersten Mal überhaupt verspielte eine deutsche Nationalmannschaft einen Vier-Tore-Vorsprung. Und wohl nie zuvor hatten Fans und Spieler binnen 90 Minuten eine derartige Berg-und-Talfahrt der Emotionen erlebt.

Eine Stunde lang hatten die Spieler des Bundestrainers brilliert. Großartig waren die Treffer durch Miroslav Klose (2), Per Mertesacker und Mesut Özil herausgespielt worden. Alles war vorbereitet für einen triumphalen Abgang, der wohl alle Nachwehen der Europameisterschaft beseitigt hätte. Ein klarer Sieg über die Schweden vier Tage nach dem 6:1 in Irland, das hätte die aufgewühlten Fanseelen besänftigt, die dem deutschen Team die Halbfinalniederlage gegen Italien so übel genommen haben. Es kam anders.

Erst gezaubert, dann gezaudert

Wer hätte schon ahnen können, dass eine der schwärzesten halben Stunden der Länderspielgeschichte folgen sollte? In der 62. Minute erzielte Zlatan Ibrahimovic den Anschlusstreffer, und so mancher Fan mag belächelt haben, wie der schwedische Stürmerstar anschließend den Ball förmlich aus dem Netz riss und ihn in Windeseile zum Mittelkreis zurücktrug. Das Lachen blieb den deutschen Anhängern allerdings im Halse stecken.

In der 64. und 76. Minute folgten weitere Gegentreffer, zunehmend ergriff Panik das deutsche Team. Wo vorher gezaubert worden war, wurde nun gezaudert. Die DFB-Auswahl brach in sich zusammen. Dass es bis zur Nachspielzeit dauerte, ehe Rasmus Elm zum 4:4 traf und damit diverse Blogger zu Kalauer-Höchstleistungen („Nightmare on Elm Street“) trieb, wirkte dramaturgisch so übertrieben, dass jeder Regisseur gefeuert worden wäre, der diesen Plot in einen Film eingebaut hätte. Doch es war bittere Realität.

Die deutsche Mannschaft schlich wie geprügelt vom Feld, und auch Joachim Löw konnte sich, bevor er in den Katakomben verschwand, gerade noch zu einem Händedruck mit seinem Kollegen Erik Hamren durchringen. „Das war magisch. Wir sind sehr stolz“, sagte Weltstar Ibrahimovic und ergänzte: „Dieses Unentschieden fühlt sich an wie ein Sieg, weil die deutsche Mannschaft die beste Mannschaft der Welt ist. Sie wird die kommende Weltmeisterschaft dominieren – und vermutlich auch die Europameisterschaft danach.“

Ein vergiftetes Lob für die deutsche Mannschaft, die sich scheinbar auf einem ewigen Selbstfindungstrip befindet und dabei schlingert wie ein pubertierender Teenager. Für sie ist weniger das Ergebnis eine Katastrophe; ein Remis nach 13 Qualifikationssiegen am Stück ist zu verkraften. Doch die psychologische Wirkung dürfte fatal sein – nach innen wie nach außen. Wer ist schuld daran, dass sich die Spieler im Gefühl der vermeintlichen Übermacht erst hängen lassen und dann nicht in der Lage sind, „den Stecker wieder reinzustecken“, wie es Teammanager Oliver Bierhoff formulierte? Warum hat „jeder plötzlich ein bisschen weniger gemacht und sich zu sicher gefühlt“, wie Bastian Schweinsteiger feststellte?

Bei der Beantwortung der Fragen stößt der Interessierte auf altbekannte Probleme. Weder an Kapitän Philipp Lahm noch am „Emotional Leader“ Schweinsteiger konnte sich das strauchelnde Team aufrichten. Teamroutinier Miroslav Klose war in der zweiten Hälfte nicht zu sehen, während Routinier Per Mertesacker zusammen mit seinen Abwehrkollegen in Bedrängnis geriet. Und prompt geisterte das Unwort „flache Hierarchie“ wieder durch das Land. Auch wenn knochenbrechende Führungsspieler à la Stefan Effenberg oder Oliver Kahn fehl am Platze wären in diesem Team, fehlte am Dienstag wie schon gegen Italien eine Führungsfigur wie Ibrahimovic.

Auch das Image von Joachim Löw hat weitere Kratzer bekommen. Warum er in der 88. Minute Lukas Podolski einwechselte, bleibt ein Rätsel. Zumal er in Heiko Westermann und Benedikt Höwedes zwei Verteidiger auf der Bank hatte. Doch der Bundestrainer verzichtete sogar auf einen dritten Wechsel. Auch emotional konnte er seiner Mannschaft nicht helfen. Hilflos ruderte er an der Seitenlinie mit den Armen, nach dem Spiel wirkte er ratlos: „Einen 4:0-Vorsprung aus der Hand zu geben, ist normalerweise nicht möglich. Ich habe versucht, einzelne Spieler an ihre Positionen zu erinnern, dass sie dort wieder konsequent arbeiten. In den letzten Minuten ist das aus dem Ruder gelaufen, das war irgendwie nicht mehr zu korrigieren.“ Jetzt muss Löw schauen, wie er mit seinen Spielern die herbe Enttäuschung verarbeitet. Sein Team könne „wahnsinnig viel lernen“ aus der Partie, zum Beispiel, „dass wir so ein Spiel konsequent zu Ende bringen müssen“, sagte Löw: „Das soll uns eine Lehre sein, für alle Zeiten.“

Eine umfassende Aufarbeitung des Schweden-Spiels ist allerdings Wunschdenken. Wie üblich zerstreuten sich die Nationalspieler nach Abpfiff; sie werden erst in einem Monat vor dem Testspiel gegen die Niederlande in Amsterdam wieder zusammenkommen. Die „knallharte Analyse“, die Manager Bierhoff spontan angekündigt hat, wird dann kaum die emotionale Wucht haben, der es bedarf. „Wir hoffen, dass wiederholte Anweisungen irgendwann in die Köpfe der Spieler reingehen“, sagte Bierhoff und wirkte dabei selbst nicht besonders überzeugt.

So blieb am Ende nur das schizophrene Gefühl, dem besten und dem schlechtesten Spiel der deutschen Nationalmannschaft in einem beigewohnt zu haben. Immerhin eines ist Löws Truppe nicht vorzuwerfen: dass es bei ihr langweilig zugeht.