Nowitzki in Berlin

Was Alba von den Mavericks trennt

Klubeigenes Flugzeug, Riesenarena, 20-Millionen-Dollar-Gehälter: Zwischen Dirk Nowitzkis Mavericks und Alba Berlin liegen Basketball-Welten.

Foto: RON T. ENNIS / Fort Worth Star-Telegram


Spitzenbasketballer fahren oft mit unguten Gefühlen zum Flughafen. Auch, wenn sie bei europäischen Top-Klubs unter Vertrag sind und vor allem, wenn sie, was nicht ungewöhnlich ist, deutlich über zwei Meter lang sind. Sie spielen unter der Woche irgendwo in Europa und am Wochenende in den nationalen Ligen. Oft muss umgestiegen werden, sechs bis acht Flüge pro Woche kommen da zusammen. Und vor jedem Boarding die große Frage: Hat es mit einem Gangplatz geklappt, sitze ich vielleicht sogar am Notausgang oder mal wieder am Fenster oder - bitte nicht - in der Mitte?

Dirk Nowitzki stellten sich solche Fragen höchstens mal bei Reisen mit der Nationalmannschaft, in der NBA, wie auch all seinen Kollegen, nie. Bei den Dallas Mavericks kommt er gänzlich ohne Boardingpässe oder Gepäckbänder aus. Auch um die Beinfreiheit muss sich "The Big D" nicht sorgen. Zum Gastspiel in Berlin reisten er und sein Team - wie immer - in einer Team-eigenen Boeing 757-200. Sie hätten auch in einer 767-200 kommen können, die Mavericks-Besitzer Mark Cuban ebenfalls sein eigen nennt. Aber das für 63 Passagiere großzügig bestuhlte kleinere Modell reichte für den Ausflug nach Europa völlig aus.

Gehaltsvolumen von über 100 Millionen Dollar

Sportlich hat Europas Basketball in den vergangenen Jahren mehr als nur ein Achtungszeichen gesetzt - in allen anderen Belangen aber kommen die Gäste aus Texas aus einer anderen Dimension.

So ist Dirk Nowitzki mit seinem Jahressalär von 20.907.128 Dollar keinesfalls der Topverdiener der NBA, liegt aber hinter Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers (27.849.000) und Brandon Roy von den Minnesota Timberwolves (21.459.805) auf einem respektablen dritten Rang. Auch der Spanier Jose Calderon verdient bei den Toronto Raptors als die Nummer 50 der NBA-Gehaltsliste mit 10.561.982 Dollar noch immer zweistellig. Kein Wunder, dass er seit 2005 nicht mehr im Baskenland für Vitoria spielt. Dort würde man sich schwer tun, noch vier weitere Spieler zu verpflichten, geschweige elf, das Budget des spanischen Topteams wäre mit Calderon so gut wie ausgeknautscht. Das der NBA-Klubs nicht: Das Gehaltsvolumen der Lakers wird in der kommenden Saison die 100-Millionen-Dollar-Marke knacken (100.108.731). Dallas liegt im Ranking mit 65.711.498 Dollar auf Rang 16, Schlusslicht Houston (30.) muss mit 47.993.212 Dollar auskommen.

Zuerst zählen schwarze Zahlen

"Über das Geld darf man gar nicht nachdenken, sonst wird man verrückt", sagt der General Manager der Mavericks, Donnie Nelson, der den Bezug zur Realität keinesfalls verloren hat. Jeans, Sweater, Turnschuhe, Mavericks-Jacke, Kaffee aus dem Pappbecher - und dennoch sind zweistellige Millionenbeträge sein täglich Brot. Die Wand hinter seinem Schreibtisch ist ein einziges Pinboard, darauf: Namen eventuell interessanter Spieler und deren Jahresverdienst.

Nun ist es keineswegs so, dass sich Self-made-Milliardäre wie Mark Cuban die Liga - egal, was es kostet - zum Hobby gemacht haben. Gerade der Besitzer der Mavericks, der 1982 in Dallas noch als Barkeeper jobbte, gilt als jemand, der gute Geschäfte liebt. Mit bahnbrechenden Ideen, wie man das Internet nutzen kann, machte er ein Vermögen, das "Forbes" jüngst auf 2,3 Milliarden schätzte. So zahlen die Sender ESPN, ABC und TNT jährlich rund 930 Millionen Dollar (knapp 720 Millionen Euro) für die Fernsehrechte an die Liga (und damit an die Klubs). Den Deal von 2007, der noch bis zur Saison 2015/2016 läuft, mit irgendeinem Basketball-TV-Vertrag in Europa zu vergleichen, wäre lächerlich. Ein anderer Vergleich ist aussagekräftiger: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) schloss in diesem Jahr einen Vertrag, der der Liga ab der Saison 2013/2014 rund 628 Millionen Euro pro Jahr einbringen wird. Längst nicht so viel, wie die NBA kassiert. Wobei König Fußball in Europa konkurrenzlos ist, der Basketball sich in den USA den Kuchen noch mit Baseball (MLB) und Football (NFL) teilen muss. Die NFL bittet die Sender bis 2022 mit jährlich drei Milliarden zur Kasse, die MLB verhandelt gerade neue Kontrakte, die bis 2021 laufen sollen und denen der NFL kaum nachstehen werden.

NBA als perfektes Produkt

Dass Alba eines Tages ebenfalls im eigenen Jet den Gegenbesuch in Dallas machen wird, sieht Geschäftsführer Marco Baldi "nicht völlig außer Reichweite. Die NBA hat wirklich eine außerordentliche Entwicklung genommen, denn vor 30 Jahren lag dort alles marode am Boden". Exzellent im Verkaufen ihres Produktes seien sie, die Kollegen in den USA, "aber es gibt dort auch keine offenen Ligen, sondern ein Monopol, mit ganz anderen Strukturen".

In Europa gehe es darum, am Ende der Saison den Pokal hochzuhalten, in den USA will man möglichst große schwarze Zahlen schreiben. "Es kann nicht das Ziel in Europa sein, den Sport total dem Kommerz zu unterstellen", findet Albas Geschäftsführer. Wissend, dass das dann aber auch "die Auswüchse total verschuldeter Klubs" mit sich bringt.

Das Land der Mega-Arenen

Baldi beziffert mit Blick auf die kommende Saison das Etatvolumen der 18 Klubs der Basketball-Bundesliga BBL mit 74 Millionen Euro, mit durchschnittlich 4500 Zuschauern pro Spiel sei man ebenfalls ein großes Stück vorangekommen. Alba selbst ist mit durchschnittlich 10.971 Zuschauern nicht nur der nationale Krösus, sondern der ganz Europas. Aber: Das, was die Berliner auf der Habenseite vom Zweitbesten Bamberg (6796 Zuschauer) trennt, fehlt im Vergleich mit den Teams der NBA - mindestens. Dort wäre ein Klub mit knapp 11.000 Zuschauern, auf die Alba mit Recht so stolz ist, ein Flop.

Zu den Heimspielen der New Jersey Nets kamen in der vergangenen Saison im Schnitt 13.961 Fans - zu wenig: Das Team verließ East Rutherford, wurde massiv verstärkt, zog um und wurde umgetauft. Neues Spiel, neues Glück für die Brooklyn Nets. Größter Zuschauer-Magnet sind die Chicago Bulls mit 22.161 Fans pro Heimspiel. Dallas liegt mit 20.334 Fans hinter den Portland Trailblazers (20.496) in diesem Ranking auf Rang drei. Zahlen, die für Europas Spitzenklubs in ähnlicher Reichweite liegen dürften wie Albas Gegenbesuch in Dallas im eigenen Jet. In Europa gibt es gar nicht die Arenen, mit der NBA gleichzuziehen. Die Berliner O2 World, als eine der schönsten Arenen des Kontinents gerühmt, bietet 14.500 Zuschauern Platz. Und das wird hier - in der anderen Dimension - noch eine ganze Weile reichen.