Bundesliga

Rekordspieler Dardai fordert von Hertha "Killerinstinkt"

Gegen Hoffenheim entscheidet sich Herthas Schicksal. Pal Dardai vermisst mentale Stärke - und erklärt Markus Babbel zum "Hassobjekt".

Foto: Christian Kielmann

Nur ein Sieg zählt. Gewinnt Hertha BSC am Sonnabend nicht gegen 1899 Hoffenheim, muss der Hauptstadtklub definitiv zum sechsten Mal aus der Fußball-Bundesliga absteigen. Im Interview mit Morgenpost Online bringt Herthas Rekordspieler Pal Dardai (36) mit deutlichen Worten zum Ausdruck, was er im Liga-Finale von den Berliner Profis erwartet.

Morgenpost Online: Herr Dardai, worauf kommt es gegen Hoffenheim besonders an?

Pal Dardai: Vorab möchte ich eines sagen: Wenn wir es wirklich noch schaffen sollten, dass Hertha sich in die Relegation retten kann, müssen wir uns bei den anderen Mannschaften bedanken. Es ist jetzt nur noch ein Spiel, ein Finale. In solch einem Spiel musst du laufen, rennen, kämpfen und grätschen – und auch für dein Glück fighten. Die Jungs hatten genug Zeit, einen anderen, einfacheren Ausgang der Saison herbeizuführen. Eigentlich ist es unglaublich, dass sie jetzt noch immer eine Chance haben. Aber jetzt hoffen wir.

Morgenpost Online: Auf was?

Pal Dardai: Auf Otto. Rehhagel war immer ein Gewinner, erst recht in scheinbar ausweglosen Momenten.

Morgenpost Online: Er kann aber nur Tipps geben. Tore schießen müssen die Jungs schon selbst.

Pal Dardai: Leider fehlt es der Mannschaft an mentaler Stärke.

Morgenpost Online: Ein harter Vorwurf!

Pal Dardai: Das ist kein Vorwurf, das ist eine Tatsache. Die Mannschaft hat es oft genug bewiesen. Ich meine das gar nicht böse. Diese Mannschaft funktioniert als Gruppe nicht. Wenn jeweils vier von den Jungs in eine Mannschaft kämen, in der sechs, sieben Spieler kämpfen, würden sie wahrscheinlich auch kämpfen.

Morgenpost Online: Das heißt, Hertha fehlen Führungsspieler?

Pal Dardai: Im Fußball ist es immer so: Die Jungen schauen zu den Alten auf, die Schwachen zu den Starken. Wer bei Hertha hat Ausstrahlung?

Morgenpost Online: Warum funktioniert die Gruppe nicht? Im Aufstiegsjahr tat sie es doch auch?

Pal Dardai: Ich erkenne von außen keine solche Gemeinschaft, wie wir sie früher hatten. Es müssen ja gar nicht alle 24 oder 27 Spieler beste Freunde sein. Es hilft schon, wenn mal eine Gruppe abends gemeinsam grillt oder Bowling spielen geht. Ganz platt gesagt: Wenn man sich mal besoffen in den Armen gelegen hat, macht das den Kollegen auch auf dem Platz ganz anders anfassbar, als wenn man immer nur trainiert und danach wieder jeder für sich nach Hause fährt.

Morgenpost Online: Sie, Herr Dardai, haben in Interviews sinngemäß gefühlte 10.000-mal gesagt: „Man kann nicht immer gut spielen. Aber kämpfen geht immer.“ Jetzt spricht Rehhagel Teilen der Mannschaft genau das ab, Kampfgeist und Körpersprache. Wie kann das sein?

Pal Dardai: Glauben Sie mir: Die wollen alle nicht absteigen! Das sind alles vernünftige Jungs, kicken können die sowieso alle ganz prima. Aber es ist Kopfsache. Es ist wie mit einem Kind, das zu Hause bei der Mama ganz prima sprechen kann. Aber vor der Klasse stottert es plötzlich...

Morgenpost Online: ...der Unterschied von Training zu Spiel...

Pal Dardai: ...genau. Wenn du als Lehrer – oder Trainer – nur ein, zwei solcher Fälle in deiner Klasse oder deinem Team hast, kriegst du die früher oder später schon auf Kurs. Aber wenn du überhaupt nur zwei Gute hast, werden die sich inmitten der anderen niemals weiterentwickeln.

Morgenpost Online: Mentale Stärke...

Pal Dardai: ...muss man sich einreden. Und nur so geht es! Es reichen schon fünf Minuten vor dem Schlafengehen, in denen sich jeder selbst einredet, was er im nächsten Training, im nächsten Spiel besser machen will. Mir hat das immer geholfen. In so einer Situation ist das Pflicht!

Morgenpost Online: Mit Verlaub, elf Spieler mögen sich noch so lange einreden, dass sie zu Hause nicht wieder verkrampft spielen – eine Garantie, dass das hilft, ist das doch noch lange nicht?

Pal Dardai: Es geht um Haltung, die Haltung von Geist und Körper. Aber die Jungs können jetzt sowieso ganz unverkrampft an die Sache herangehen. Wenn es so kommen sollte, dann ist Hertha nicht wegen dieses Spiels abgestiegen. Sondern schon viel früher. Jetzt haben sie es nicht mehr selbst in der Hand. Der schönste Sieg gegen Hoffenheim ist wertlos, wenn danach auf der Anzeigetafel ein 1:0 der Kölner gegen die Bayern aufleuchtet.

Morgenpost Online: Sagen Sie doch nicht so etwas!

Pal Dardai: Doch, doch! Erinnern Sie sich, wie befreit Kaiserslautern vor eineinhalb Wochen gespielt hat, als sie keine Angst mehr hatten. Den Druck haben jetzt die Kölner. Hertha darf hoffen – trotzdem müssen die Jungs wie Tiger sein und töten wollen.

Morgenpost Online: Herr Dardai, so kennen wir Sie ja gar nicht...

Pal Dardai: Ich weiß, das klingt martialisch. Aber so ist es: Dieses Mal muss Hertha Killerinstinkt zeigen! Das sage ich in der U17 meinem Mittelstürmer, und der macht beim 5:0 gegen Bremen aus den ersten beiden Chancen prompt zwei Tore. Wenn der das mit seinen 17 Jahren kann, können andere es auch.

Morgenpost Online: Bei den Profis sitzt gegen Hoffenheim auf der Bank des Gegners mit Markus Babbel ausgerechnet der Trainer, der bis Ende Dezember ihr Anführer war. Fällt da der Killerinstinkt nicht besonders schwer?

Pal Dardai: Ganz egal, ob einer Babbel in der Vergangenheit geliebt hat oder nicht: Er muss jetzt für jeden Spieler ein Hassobjekt sein! Denn gewinnt er Sonnabend das Spiel, kann er damit Fußballerkarrieren kaputt machen. Wäre ich jetzt noch Spieler, wäre er Luft für mich. Auf dem Platz würde ich – im übertragenen Sinne, bitte nicht falsch verstehen – töten wollen, weil es um meinen Platz in der Bundesliga ginge. Gewinnen wir, ist er nach dem Spiel wieder mein bester Freund. Dann können wir meinetwegen auch gemeinsam ein Bier trinken.

Morgenpost Online: Stichwort Tiger: Ein Ramos, ein Raffael ist kein Effenberg. Wie kann ein Trainer vor so einem Spiel genau dieses Denken, das Sie gerade beschrieben haben, erzeugen?

Pal Dardai: Vergessen Sie es, zu spät! Rehhagel hat es schwer. Als Hans Meyer uns retten sollte, hatte er im Winter die komplette Vorbereitung über Zeit zu erkennen, wer hilft und wer nicht. Wahrscheinlich weiß Rehhagel das inzwischen auch. Aber das Trainingslager, das sie vergangene Woche bezogen haben, hätte gleich zu Beginn seiner Zeit in Berlin wahrscheinlich mehr geholfen.

Morgenpost Online: Was würde ein zweiter Abstieg nach 2010 für Hertha bedeuten?

Pal Dardai: Ein Abstieg bestraft in erster Linie immer die Spieler. Niemand will so etwas in seiner Vita stehen haben. Der Verein und die Fans würden bleiben; ich habe keine große Angst, auch dieser Abstieg würde repariert werden. Schon eher muss damit gerechnet werden, dass Hertha zu einer Fahrstuhlmannschaft wird – das ist allein schon eine Frage des Geldes, das Hertha fehlt.

Ist Hertha noch vor dem Abstieg zu retten? Diskutieren Sie mit im Hertha-Blog unter www.immerhertha.de