Nach Niederlage

Huck gehört in die Königsklasse des Boxsports

Drei oder vier Kilogramm sorgsam antrainierte Muskelmasse, ein oder zwei Aufbaukämpfe, und der 27-Jährige Berliner Huck kann einen Platz in der europäischen Spitze erobern - trotz der Niederlage gegen Powetkin.

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Ein leises Lächeln huschte über Marco Hucks zerschlagenes Gesicht, just in dem bitteren Moment, als seine Punktniederlage im ersten Kampf als Schwergewichtsboxer verkündet wurde. Rund 7000 Zuschauer in der ausverkauften Porsche-Arena und 6,3 Millionen bei der ARD (Spitze: 7,31) pfiffen den alten und neuen WBA-Champion Alexander Powetkin gnadenlos aus. Dem 27 Jahre alten Berliner gehörte die Sympathie der Fans, dem fünf Jahre älteren Russen jene der Punktrichter – aber nur letztere zählt.

„Der Typ konnte nicht mehr stehen und wird zum Sieger erklärt“, haderte Huck, verglichen mit seinen markigen Worten im Vorfeld des Duells, auf Sparflamme. Zu erschöpft war er zum Poltern. Und zu enttäuscht vom eigenen Unvermögen, Powetkin in den Ringstaub schicken zu können. Denn sowohl Huck als auch Trainer Ulli Wegner suchten die Ursache für den Kampfausgang ganz schnell bei sich selbst. „Der war weg. Ein Schlag hätte gereicht“, sagte Wegner über Powetkins Zustand zum Ende der zwölf Runden. „Wir werden uns hinsetzen und rausfinden, warum der eine Schlag nicht gelungen ist.“ Und dann gingen die Emotionen doch kurz durch mit dem bald 70-Jährigen. „Habt ihr gesehen wie ‚Huka' das gemacht hat, mit wieviel Herz und Mut? Gegen einen der bei den Amateuren Europa- und Weltmeister war und Olympiasieger.“

David Huck hatte Goliath Powetkin, der ebenfalls gute Szenen für sich verbuchen konnte, teilweise gedemütigt. Mit boxerischen Qualitäten ausgestattet, raubte Mangel an Kondition dem Russen über weite Strecke die Chance, selbst weltmeisterliche Akzente zu setzen. Dazu kam, dass Ringrichter Luis Pabon (Puerto Rico) Powetkins ständiges tiefes Abducken nicht unterbinden wollte, sondern häufig den Kampf in für Huck günstigen Situationen unterbrach.

Unabhängig davon: Die vielleicht sicherste Erkenntnis nach dem Huck-Debüt im höchsten Gewichtslimit ist die, dass er trotz der nicht einstimmigen Niederlage (114:114, 116:113, 116:112) ins Schwergewicht gehört. Drei oder vier Kilogramm sorgsam antrainierte Muskelmasse, ein oder zwei Aufbaukämpfe, und der 27-Jährige kann einen Platz in der europäischen Spitze erobern. Weder Alexander Dimitrenko (Hamburg) noch der Brite Tyson Fury sind unüberwindbare Hürden für den noch amtierenden Cruisergewichts-Weltmeister nach Version der World Boxing Organization (WBO). „Ich weiß im Moment gar nichts“, sagte Huck. Um dann in die Offensive zu gehen. „Wenn er ein Mann ist, stellt er sich zum Rückkampf.“

Der Russe gab Fehler zu. „Vielleicht habe ich ihn unterschätzt“, sagte Powetkin. Auch Trainer Alexander Zimin, der US-Coach Teddy Atlas erst vor wenigen Wochen abgelöst hatte, war ehrlich: „Vielleicht haben wir Fehler gemacht. Ich hatte kaum Zeit, wichtige Dinge zu trainieren. Sascha muss abnehmen.“ Powetkin punktete durch Kombinationen, profitierte von seiner Routine.

Ob es zur Revanche kommt, werden aber weder Huck – er erlitt in Runde zehn einen Cut unter dem linken Auge, der im Krankenhaus behandelt werden musste – noch Powetkin bestimmen. „Es ist für uns eine sehr schwere Situation. Ich wünsche mir ein Schwergewichtsturnier mit sechs Boxern. Und da würde Huck reingehören. Aber er kann natürlich auch im Cruisergewicht noch ein bisschen aufräumen und dann noch einmal wechseln“, sagte Kalle Sauerland, Sohn von Manager und Teamchef Wilfried Sauerland (71).

Dabei sparte der 34-Jährige das Thema Klitschko-Brüder bewusst für Huck, aber auch für den bei Sauerland unter Vertrag stehenden Powetkin aus. „Ich werde mit denen nicht verhandeln. Da musst du deine Seele verkaufen. Irgendwann muss Wladimir eine Pflichtverteidigung machen, dann wird es von beiden Seiten Angebote geben, und dann regelt die WBA den Rest“, so Sauerland. Was jetzt ansteht sind Planungen für die nächsten Monate.

Huck muss, so er im Cruisergewicht verbleibt, seinen Titel gegen Ola Afolabi (England) verteidigen. Auf Powetkin wartet Hasim Rahman (USA). Dereck Chisora (England), der sich vor einer Woche nach seiner mit seinem Landsmann David Haye eine geliefert hatte, hatte den Kampf, wenn auch nicht bis zum Ende mit Interesse – und ganz brav – verfolgt. „Ich denke, ich würde beide besiegen“, ließ der 28-Jährige wissen. Marco Huck würde es liebend gern auf einen Versuch ankommen lassen. „Das Gefühl im Schwergewicht ist schon geil.“ Er hat sich wohl schon entschieden.