Boxen

Marco Huck scheitert nur knapp an Powetkin

Der Berliner Marco Huck ist bei dem Versuch gescheitert, als erster Deutscher seit Max Schmeling Box-Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Der 27-Jährige unterlag gegen Titelverteidiger Alexander Powetkin trotz einer bravourösen Leistung.

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Der Berliner Marco Huck ist bei dem Versuch gescheitert, als erster Deutscher seit Max Schmeling Box-Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Der 27-Jährige unterlag nach einem großem und dramatischen Kampf über zwölf Runden in seinem ersten Schwergewichtskampf in Stuttgart Titelverteidiger Alexander Powetkin (Russland) nach Punkten. Er behält nach seiner zweiten Niederlage im 37. Kampf allerdings den WBO-Titel im Cruisergewicht. Der 32 Jahre alte Powetkin blieb auch in seinem 24. Kampf ungeschlagen. "Ich kann das Urteil nicht verstehen. Powetkin konnte nicht mal mehr stehen und wird zum Champion erklärt", sagte Huck. Powetkin räumte ein: "Meine Physis war nicht die beste."

Dennoch wurde es nichts mit dem deutschen Box-Märchen. Schmeling war zwischen 1930 und 1932 der allgemein anerkannte Weltmeister. Heute gibt es dagegen vier Weltverbände mit anerkannten Weltmeistern. Die WBA führt zudem Wladimir Klitschko als "Super-Champion", sodass Powetkin eigentlich ein Weltmeister "zweiter Klasse" ist. Vor Huck hatten Karl Mildenberger, Axel Schulz, Willi Fischer und Luan Krasniqi vergebens versucht, in Schmelings Fußstapfen zu treten.

In der Stuttgarter Halle war auch Box-Rüpel Dereck Chisora. Der hatte sich nach seiner Niederlage am vergangenen Wochenende im WM-Schwergewicht gegen Vitali Klitschko ja bei der anschließenden Pressekonferenz eine blutige Schlägerei mit seinem ehemaligen Kollegen David Haye geliefert. Er sei auf Einladung des Sauerland-Boxstalls gekommen, sagte Chisora. Er sagte auch, er glaube nicht, dass er von den Behörden noch behelligt werde. Vorsichtshalber schob er aber noch hinterher, es tue ihm leid, "dass es eskaliert ist".

Seinem Marktwert waren die unrühmlichen Begleitumstände des WBC-WM-Kampfes jedoch nicht abträglich; im Gegenteil. "Wladimir gegen Chisora, oder Vitali gegen Haye oder ein Rematch gegen Chisora - das wären jetzt Kämpfe, die alle sehen wollen", sagt der ehemalige Faustkämpfer Axel Schulz. "Sie wären Blockbuster." Ein Rückkampf - und Schulz wäre möglicherweise seinen deutschen TV-Quotenrekord los. Den Schlagabtausch mit Frans Botha verfolgten 1995 über 18 Millionen Zuschauer.

Die Erregung nach neuen Skandalen im Boxsport ist jedes Mal groß, manchmal größer als das Ballyhoo davor. Der Auftritt von Mike Tyson, der Evander Holyfield 1997 ein Stück aus der rechten Ohrfalte biss, gilt als größter Sündenfall in der Geschichte des professionellen Faustkampfes. Der Karriere des Skandalboxers schadete er nur kurzfristig. Obwohl ihm die Lizenz auf unbestimmte Zeit entzogen wurde und er eine Geldstrafe von drei Millionen Dollar aufgebrummt bekam, folgten lukrative Zahltage, auch der im Juni 2002 gegen den britischen Superstar Lennox Lewis. 1998 hatte Tyson einfach eine neue Boxlizenz beantragt und durch ein 4:1-Votum der Kommission auch bekommen.

Die Rollen sind meist klar verteilt. Den Part der Männer mit Manieren übernehmen in der Regel die Klitschkos. Früher gab es "Gentleman" Henry Maske. Beliebter bei den Massen aber waren immer Gossen-Jungs wie Graciano "Rocky" Rocchigiani. Als der Liebling der sonnenbankgebräunten Corvette-Piloten den braven Dariusz Michalczewski 1996 in Hamburg trotz des "Break"-Befehls des Ringrichters einen Schlag verpasste, auf dass sich der gebürtige Pole etwas theatralisch am Boden wälzte, wurde der Kampf abgebrochen. Rocky tobte: "Schweine seid ihr, Betrüger!" Das Gezeter war groß. Vier Jahre später kam es zum Rückkampf, der Rekordeinnahmen und -quoten bescherte.

"Richtig die Sau rauslassen"

"Die Leute kommen zum Boxen, um mal wieder richtig die Sau rauszulassen", hat der langjährige Boxmanager Jean-Marcel Nartz erkannt. Wo harte Kopftreffer ausgetauscht werden, wächst der Kitzel. Gibt's darüber hinaus ordentlich was auf die Glocke, fühlen sich die Fans wie im Reality-TV. Man weidet sich gern am - manchmal blutigen - Schicksal der Protagonisten. Boxen ist wie eine Oper, bei der die Zuschauer im Smoking und Abendkleid schon mal ganz ergriffen eine Träne verdrücken. Die Frage nach dem Sinn stellt sich den meisten nicht, es wäre ja in etwa auch so, als müsste man zugeben, die Handlung eines Theaterstücks nicht verstanden zu haben. Frei von Qualitätsansprüchen darf auch im Profisport jeder boxen, der Unterhaltung verspricht. Das Fernsehen, hat Ex-Promoter Nartz einmal verraten, "zahlt für jeden Mist". Auch das Öffentlich-Rechtliche.

Der Kampf für einen sauberen Neubeginn im als Schmierenkomödie geouteten Ringgewerbe verlief schon früher halbherzig. Wenn die Börse stimmt, wird es mit den Regeln nicht so genau genommen, und Übeltäter dürfen mit schneller Rehabilitation rechnen. Vor gut drei Jahren boxte in Los Angeles der aufstrebende Mexikaner Antonio Margarito gegen den Amerikaner Shane Mosley mit einer verbotenen Einlage in den Handschuhen. Er verlor seine Lizenz, doch schon bald wurde die lebenslange Sperre auf ein Jahr begrenzt. Nach seinem Comeback war er besser im Geschäft als zuvor. Im Kampf gegen Superstar Manny Pacquiao im November 2010 war er zwar chancenlos, kassierte aber fünf Millionen Dollar Gage.

Ist die öffentliche Empörung über Fehlurteile und Fehltritte noch so groß, die Szene weiß, dass sie genauso schnell wieder verraucht ist. So wird sich auch die Aufregung um den unwürdigen Auftritt von Dereck Chisora legen. "Dem Boxen wird das nicht schaden. Skandale gibt es, solange es Preisboxen gibt", sagt Axel Schulz. Die Boxfamilie nimmt ihre schwarzen Schafe immer wieder auf.