Fußball-Krawalle

Ägyptens Führung nach Stadion-Blutbad unter Druck

Ägypten trauert um die 74 Toten des Blutbads im Stadion von Port Said – und fragt sich, wer dahinter steckt. Viele vermuten Rache von Mubarak-Anhängern. Abgeordnete sehen die Verantwortung beim Militärrat und fordern die Entlassung der Regierung.

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Nach den tödlichen Fußball-Krawallen in Ägypten gerät die Führung des Landes unter erheblichen Druck. Abgeordnete verlangten am Donnerstag die Entlassung der Regierung, die Europäische Union forderte eine „sofortige und unabhängige Untersuchung“ der Gewalt. Als Reaktion auf die möglicherweise politisch motivierten Ausschreitungen mit 74 Toten und hunderten Verletzten wurden mehrere Verantwortliche gefeuert. So Ministerpräsident Kamal al-Gansuri während einer Krisensitzung des Parlaments in Kairo bekannt, dass er den Gouverneur der Stadt Port Said abgelöst und die Führung des ägyptischen Fußballverbandes abgesetzt habe.

Es müsse umgehend geklärt werden, wie es zu diesem „tragischen Vorfall“ habe kommen können, betonte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Der Weltfußballverband FIFA verlangte von den ägyptischen Behörden einen „vollständigen Bericht“ zu den Krawallen. Bei dem Spiel zwischen den Mannschaften Al-Masry aus Port Said und Al-Ahly aus Kairo waren am Mittwochabend unmittelbar nach dem Abpfiff Fans von Al-Masry auf das Spielfeld gestürmt und hatten Spieler und Anhänger der gegnerischen Mannschaft mit Flaschen und Steinen beworfen.

Zuschauer, Sportler und Politiker werfen den Sicherheitskräften Untätigkeit und Versagen vor. Aufgebrachte Fußballfans versammelten sich auf dem Sphinx-Platz in Kairo und skandierten Parolen gegen den regierenden Militärrat. Für später am Tag war ein Protestmarsch zum Innenministerium geplant.

Muslimbrüder: „Botschaft der Anhänger des alten Regimes“

„Diese Tragödie ist ein Ergebnis vorsätzlicher Zurückhaltung von Soldaten und Polizisten“, sagte der Abgeordnete der Muslimbruderschaft, Essam al-Erian. Die Ausschreitungen seine geplant gewsen. Sie seien eine „Botschaft der Anhänger des alten Regimes“ des gestürzten Staatschefs Husni Mubarak, sagte al-Erian weiter.

Anhänger des Al-Ahly-Fanclubs „Ultras“ hatten sich an den Protesten gegen Mubarak beteiligt und nach dessen Sturz immer wieder an Anti-Polizei-Demonstrationen teilgenommen. Auch in sozialen Netzwerken im Internet wurde der Verdacht geäußert, die Attacke vom Mittwochabend sei eine „Rache“ an Al-Ahly-Fans.

Parlamentspräsident Saad al-Katatni, ebenfalls ein Muslimbruder, sagte, die „ägyptische Revolution“ sei „in großer Gefahr“. Das „Massaker von Port Said“ sei Folge einer „unglaublichen Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte“. Abgeordnete forderten die Entlassung der Regierung und erklärten, der Oberste Militärrat trage „die gesamte Verantwortung“ für die Gewalt.

Der frühere ägyptische Nationalspieler Hany Ramzy geht von einer vorbereiteten Aktion aus. „“Das war vorher geplant. Das Stadion war voll, es war ein wichtiges Spiel. Es war ein guter Anlass, etwas Schlimmes zu tun„, sagte der ehemalige Bundesliga-Profi. Er wisse nicht, wer für die schlimmen Ausschreitungen verantwortlich gewesen sei. “Ich weiß nur: Es hatte auf keinen Fall etwas mit Fußball zu tun.„

Polizisten tatenlos im Stadion

Im Fernsehen war zu sehen, wie Reihen von Polizisten inmitten des Chaos' tatenlos herumstanden. Die Polizei erklärte, es seien ausreichend Kräfte vor Ort gewesen, sie hätten jedoch Anweisungen gehabt, sich bei Protesten zurückzuhalten. Der Vorsitzende des Militärrats, Hussein Tantawi, versicherte, die Sicherheitslage in Ägypten sei „gut“.

Wie Regierungschef Kamal al-Gansuri mitteilte, wurde als Konsequenz aus den Krawallen der Sicherheitschef von Port Said, Essam Samak, entlassen und seine führenden Mitarbeiter suspendiert. Auch die gesamte Führung des Nationalen Fußballverbands wurde entlassen. Der Gouverneur der Stadt trat zurück.

Das Fernsehen zeigte nach den Ausschreitungen Fans, die in Panik davonliefen. Im Internet waren Fotos von blutüberströmten Spielern zu sehen. Nach Angaben von Innenminister Mohammed Ibrahim wurden die meisten der Opfer erdrückt. Rettungskräfte sagten, einige der Getöteten hätten Stichwunden gehabt, andere schwere Kopfverletzungen.

Die Regierung wollte ein Krisentreffen abhalten. Der regierende Oberste Militärrat rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo versammelten sich Fans von Al-Ahly, um zum Innenministerium zu marschieren. An der Kairoer Börse fielen die Kurse zeitweise um 4,6 Prozent. FIFA-Präsident Sepp Blatter sprach von einem „schwarzen Tag für den Fußball“. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich „bestürzt“ über die Krawalle.