Neue Ermittlungen

Fall Pechstein macht Dopingjäger vorsichtiger

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bringen den deutschen Sport in Aufruhr. Trotz Dopingverdachts halten sich die Sportinstitutionen zurück – und ernten Kritik.

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Die Dimension hört sich gewaltig an. Gleich 30 Namen von Sportlern umfasst eine Liste, die die Staatsanwaltschaft Erfurt zusammengetragen hat. Sie alle sollen Patienten bei Andreas Franke gewesen sein, einem in der thüringischen Landeshauptstadt ansässigen Sportmediziner.

Diesem wird vorgeworfen die Athleten mit unerlaubten Methoden behandelt zu haben. Die ARD berichtete in der „Sportschau“ von einem möglichen sportpolitischen Skandal, weil mehrere Institutionen nur zögerlich in Aktion traten bei dieser vermeintlichen Dopingaffäre.

„Es besteht der Anfangsverdacht der unerlaubten Anwendung von Arzneimitteln bei anderen zu Dopingzwecken“, erklärte Behördensprecher Hannes Grünseisen gegenüber dem Sender. Franke, von 2006 bis 2011 als Vertragsarzt beim Olympiastützpunkt Erfurt tätig, wird vorgehalten, Athleten Blut entnommen, es mit UV-Licht bestrahlt und dann den Sportlern wieder zugeführt zu haben.

Vernehmungen laufen

Auf der Liste tauchen unter anderem die Namen von Radprofi Marcel Kittel auf, von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein , dem früheren 800-Meter-Läufer Nils Schumann und Weitspringer James Beckford aus Jamaika auf. Auch Nachwuchssportler, die zum Zeitpunkt der Behandlung noch minderjährig waren, sind aufgeführt.

Gut möglich ist, dass die Ermittler demnächst bei der einen oder anderen genannten Person auftauchen und über die Besuche bei Franke reden möchten. „Einige Sportler wurden bereits vernommen, weitere Vernehmungen sind geplant“, sagt Oberstaatsanwalt Michael Lehmann.

Alle Athleten wolle man jedoch nicht befragen, aber das sei letztlich abhängig von den Ergebnissen der Ermittlungen. Seit gut einem Jahr befasst sich die Staatsanwaltschaft mit Franke, es gab Hausdurchsuchungen, bei der umfangreiche Beweismittel sichergestellt worden seien.

Hesse zeigt sich selbst an

Passiert ist bei der Nationalen Dopingagentur (Nada) seither relativ wenig. In zwei Fällen laufen Verfahren vor der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS). Dabei handelt es sich um die Eisschnellläuferin Judith Hesse und den Radfahrer Jakob Steigmüller. Hesse hatte sich selbst angezeigt bei der Nada.

Erst jetzt erhielt die Agentur ein zweites Mal Akteneinsicht und prüft nun auch in den anderen Fällen die Einleitung sportgerichtlicher Verfahren. „Wir erhoffen uns aus den neuen Unterlagen weitere Anhaltspunkte, um entscheiden zu können, bei welchen Sportlern wir weiter vorgehen“, sagt Andrea Gotzmann, die Vorstandsvorsitzende der Nada.

Dass ihre Institution offenbar sehr spät in größerem Ausmaß reagiert, stößt vielen bitter auf. „Die Nada hat was, macht aber nichts. Das ist an Dilettantismus nicht zu überbieten“, sagt Doping-Experte Werner Franke. Gotzmann hatte zuvor erklärt, dass die Größenordnung der Angelegenheit die Agentur herausfordere.

Reinfusionen schon länger verboten

Offenbar herrscht aber auch Unsicherheit in der Sache. Denn wirklich ausgeschlossen ist die Methode von Franke, gegen den wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetzt ermittelt wird, wohl erst seit 1. Januar dieses Jahres.

Bei Franke ging es um Mengen bis 50 Milliliter Blut, die anschließend über eine Injektion per Spritze wieder in den Körper zurückgeführt worden sind. Erst seit Mai 2011 ist es überhaupt notwendig, bei solchen Reinjektionen per Nadel eine Ausnahmegenehmigung vorzuweisen. Reinfusionen sind hingegen schon länger verboten. Die Wirksamkeit von Frankes Methode hinsichtlich des Blutdopings wird ohnehin bezweifelt.

„Für Blutdoping sind größere Mengen nötig, sonst hat es keinen Sinn. Da braucht man mindestens 250 Milliliter“, sagt Doping-Experte Wilhelm Schänzer. Das jedoch würde keine Rolle spielen, wäre die Methode verboten. Dann läge in ein Dopingvergehen vor.

Gutachten gesammelt

Wieder mit umstrittenen Vorgehensweisen in Verbindung gebracht zu werden, macht sich nicht gut für Claudia Pechstein, Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin, deren Karriere mit einem weiteren Verfahren wohl auf dem Spiel stehen würde. Noch immer prozessiert die Berlinerin, um Rehabilitation zu erlangen nach einer zweijährigen Sperre von 2009 bis 2011 wegen ihrer angeblichen Manipulationen ihres Blutes.

Sie hat inzwischen so viele Gutachten zusammen, dass die Beurteilung durch die Sportgerichtsbarkeit womöglich bald als falsch gilt. Das einst als wegweisend gefeierte Urteil würde für den Antidopingkampf ein Bumerang. Die in vielen Sportarten angekündigte große Welle der auf einem indirekten Beweis basierenden Verfahren blieb aus.

Stattdessen warten alle auf das große Finale, in dem Pechstein den Eisschnelllauf-Weltverband ISU auf Schadenersatz in schwindelerregender Höhe verklagt.

Alles in den Händen der DIS

Der Fall hat die Antidopingkämpfer vorsichtig werden lassen. Laut ARD hätten auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium als übergeordnete Instanzen von den Ermittlungen in Erfurt seit gut einem Jahr gewusst.

Angestoßen wurden die übrigens durch die Untersuchungen das Staatsanwaltschaft München zu Claudia Pechstein bezüglich des Verfahrens wegen der erhöhten Retikulozytenwerte. Die gemeinsame Untätigkeit oder viel mehr das zögerliche Vorgehen der Sportinstitutionen wird nun bereits auf die Ebene eines potenziellen Skandals gehoben.

Fraglich erscheint zunächst, warum sich Sportler überhaupt auf eine Methode der Blutbehandlung einlassen, wo doch die möglichen Folgen drastisch sind. Zumal dieses Vorgehen sehr umstritten ist in seiner Wirkung hinsichtlich des eigentlichen Behandlungsziels. Ansonsten liegt nun alles in den Händen der DIS.

Nada sichtet Ermittler-Akten

Dort müssen die Vorgaben der Verbotslisten der Weltantidopingagentur (Wada) genau verglichen werden mit der Behandlungsmethode von Andreas Franke, der sie stets als rechtmäßig bezeichnet hatte. Kommen die Schiedsrichter zu dem Ergebnis, dass gegen die Richtlinien verstoßen worden ist, werden weitere Verfahren folgen (müssen).

Die Nada selbst wird vorerst vor allem Akten der Ermittler sichten. „Wichtig ist, die behördlichen Ermittlungen zum Abschluss kommen zu lassen, um diese dann sportgerichtlich verwerten zu können“, sagte Nada-Vorstandsmitglied und Chefjustiziar Lars Mortsiefer. Gut zwei Monate sollen die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft in Erfurt noch andauern.