Handball

Bjarte Myrhol wieder am Ball und zurück im Leben

Der Norweger Myrhol spielt nach Krebs-Operation und Chemo wieder für die Löwen. "Vielleicht ist es das beste Gefühl, einfach nur ein normaler Sportler sein zu dürfen."

Foto: picture alliance / GES-Sportfoto/GES/Helge Prang

Thorsten Storm muss schmunzeln, wenn er an den 20. Oktober zurückdenkt. Der Manager der Rhein-Neckar Löwen saß in seinem Büro, als die Tür aufflog und Bjarte Myrhol vehement den Raum betrat. „Chef, ich würde gern wieder mitspielen“, sagte der Norweger und seine Augen blitzten.

Storm stand der Mund offen, immerhin hatte sich Myrhol erst im August einer Krebsoperation unterziehen müssen, sein Comeback war für Januar geplant. „Aber“, sagt Storm, „Bjarte ist ein großer, großer Kämpfer und ein ganz besonderer Mensch.“

Die Rückkehr auf die große Handballbühne geriet für den 29 Jahre alten Myrhol zu einem hochemotionalen Erlebnis, zahlreiche Transparente und Laken hatte die Fans ausgerollt, auf denen sie dem Kreisläufer alles Gute wünschten, auch nach dem Abpfiff feierten sie Myrhol noch minutenlang.

"Ich wollte unbedingt zurück"

„Ich habe mich auf dieses Spiel vorbereitet wie immer und war sehr ruhig, aber als ich dann die Halle betreten habe, war ich schon sehr aufgeregt, da habe ich Gänsehaut bekommen“, erinnert sich der Norweger, der bei den Mannheimern längst wieder zu einer festen Größe geworden ist.

Handball ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, und ich wollte unbedingt zurückkommen. Der Gedanke an das mögliche Comeback hat mir in der schweren Zeit sehr geholfen“, sagt Myrhol, der am Dienstagabend mit den Löwen im Bundesliga-Topspiel bei den Füchsen Berlin antritt (19.00 Uhr, Sport 1).

Im Rückblick kann Myrhol mit fester Stimme über die schwerste Zeit seines Lebens reden. Im Wissen, dass alles gut gegangen ist, dass er den Krebs besiegt hat. Mitte August hatte Myrhol die Diagnose erfahren: Hodenkrebs. „Die Nachricht damals war ein Schock“, sagt der Handballprofi. Dennoch bleib er ruhig, „weil ich wusste, dass ich sehr gute Chancen habe, wieder ganz gesund zu werden“.

Letzte Spritze am 4. Oktober

Nach der erfolgreichen Operation, in der der Tumor entfernt wurde, musste sich Myrhol einer Chemotherapie unterziehen. Zwei Zyklen über jeweils drei Wochen. Und immer begleitete ihn die bange Frage, ob er den Krebs wohl endgültig aus seinem Körper verbannen würde.

Es folgten lange Wochen des Leidens und Hoffens. „Ich fühlte mich schlapp, fast ohne Kraft, war bettlägerig. Es war nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe.“ Gemeinsam mit seiner Freundin Charlotte stand er die schlimme Zeit durch. Aus dem Kämpfer am Handballkreis wurde ein Kämpfer für die eigene Gesundheit.

Am 4. Oktober dann bekam Myrhol die letzte Spritze. „Jetzt fängt der Weg zurück an. Der Weg zu dem, was ich am liebsten mag und kann, nämlich Handball zu spielen“, schrieb der Norweger damals auf seiner Homepage und begann mit dem Training.

Fünf Tore im Schnitt

„Ich wollte alles tun, um der Mannschaft wieder helfen zu können“, sagt er. „Ich habe eine harte Zeit hinter mir, aber das ist Vergangenheit. Jetzt schaue ich einfach nur noch nach vorn.“ Und Krankenhäuser wolle und könne er auch nicht mehr sehen, zumindest nicht von innen.

Schon einen Tag nach der letzten Spritze erzielte Myrhol im Training mit den Löwen ein Tor. Ein Ereignis, was vor der Diagnose zum Alltag gehörte, jetzt aber ist alles anders. „Ich wusste gar nicht, dass es so ein gutes Gefühl sein kann, ein Tor im Training zu erzielen.“

Das tut Myrhol nun wieder regelmäßig und vermehrt auch im Spiel. Fünf Treffer gelingen dem Kraftpaket jetzt schon wieder pro Ligapartie, in der vergangenen Woche erzielte er beim Sieg über Hildesheim (39:29) sogar neun Tore für die Löwen.

Nicht das erste "Löwen"-Schicksal

Die Mannheimer haben in der schweren Zeit ihrem Kreisläufer stets beigestanden und ihn unterstützt, wo es ging. Das war Ehrensache für Manager Storm. Und auch nach seiner Rückkehr bekommt der Norweger alle Zeit der Welt, „weil wir in ihm in erster Linie den Menschen und nicht den Sportler sehen“, so Thorsten Storm.

Für den Klub ist es ist nicht das erste Mal, dass er vom Schicksal hart getroffen wird. So verlor der polnische Rückraumspieler Karol Bielecki im Juni 2010 nach einem Zusammenstoß sein linkes Augenlicht. Knapp drei Monate nach dem Unfall feierte er mit elf Toren in einem Spiel ein furioses Comeback. Den Kampf gegen den Krebs verlor Nationalspieler Oleg Velyky , von 2005 bis 2008 bei den Mannheimern unter Vertrag. Er starb Anfang des vergangenen Jahres.

Bjarte Myrhol ist dankbar und glücklich, so rasch nach der Chemotherapie wieder zu seiner alten Leistungsstärke gefunden zu haben. Und er hat eine Erkenntnis gewonnen: „Vielleicht ist es das beste Gefühl, einfach nur ein normaler Handballspieler sein zu dürfen. Davon habe ich lange geträumt.“