Vor der Rückkehr am Sonntag nach Hamburg zum Spiel beim HSV hat Hoffenheims Trainer einiges geregelt bekommen. Anfang der Woche ist Holger Stanislawski, 42, umgezogen.

Raus aus dem Hotel, rein in eine Dreizimmerwohnung nach Zuzenhausen, in die Nähe des Trainingszentrums . In Sinsheim ist er Mitglied bei einer Videothek geworden. „Ich bin endgültig angekommen“, sagt der ehemalige Trainer des FC St. Pauli.

Morgenpost Online: Nach 18 Jahren St. Pauli: Wie erden sie sich im Nordbadischen?

Holger Stanislawski: Ich habe mich in der Videothek in Sinsheim als Mitglied registrieren lassen und bin Anfang der Woche aus dem Hotel aus- und in eine Dreizimmer-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Zuzenhausen eingezogen. Mit Truller in der Nachbarschaft, ganz nah am Trainingszentrum, optimal. Ich bin endgültig angekommen.

Morgenpost Online: Sie haben vor kurzem beim Zweitligaspiel in Karlsruhe ihre alte Mannschaft vom FC St. Pauli das erste Mal live wieder gesehen. Ein komisches Gefühl?

Stanislawski: Ich hab mich gefreut, dass ich ein paar vertraute Leute wieder getroffen habe, die mir wichtig sind. Es war komisch zu sehen, weil ich „meine Jungs“ da unten noch herumlaufen sah. Aber ich bin da emotionsloser geworden. Ich nehme es wahr und es freut mich, dass sie oben mitspielen. Aber es ist nicht so, dass ich jede neue Nachricht von St. Pauli noch aufsaugen muss.

Morgenpost Online: Beim Abschied haben Sie gesagt: „Es ist spannend heraus zu finden, ob ich mit meiner Art woanders Erfolg haben kann.“ Wie fällt Ihr Fazit aus?

Stanislawski: Das wird sich zeigen. Es braucht Zeit, bis alle Automatismengreifen, wie ich es mir vorstelle. Wir haben insgesamt einen vernünftigen Start hingelegt, wo aber Luft nach oben ist. Qualität ist da, Stabilität, Konstanz und Leichtigkeit nicht immer.

Morgenpost Online: Wie kommt das?

Stanislawski: Wir müssen alte Strukturen aufbrechen . Viele haben jahrelang Dinge anders machen müssen, als ich sie mir vorstelle. Ich sage ihnen nicht: Mach das so, weil ich es will. Ich bin eher einer, der sagt: Mach das so, aus dem und dem Grund. Dann verstehen sie es, warum ich es so möchte. Das dauert zwar etwas länger, greift aber mehr und mehr. Wir sind gegen den HSV auch zum ersten Mal in der Situation, dass wir auf 20 gesunde Feldspieler zurück greifen können. Das bedeutet mehr Wettbewerb und Druck innerhalb der Mannschaft, aber auch mehr Flexibilität innerhalb des Systems oder taktischen Bereich.

Morgenpost Online: Dennoch geht es rauf und runter. Fünf Siege stehen fünf Niederlagen gegenüber. Warum?

Stanislawski: Die Mannschaft ist sehr jung und sehr willens. Was ihnen fehlt ist die letzte Gier, Spiele gewinnen zu wollen. Als Mannschaft unbedingt oben dran bleiben zu wollen, das fehlt mir noch in der ein oder anderen Situation. Auch mal Ruhe zu bewahren, wenn es mal schlechter läuft, daran müssen wir noch arbeiten. Aber das kommt alles nach und nach, wahrscheinlich kann man Verbesserungen schon beim HSV sehen. Wir haben eine überragende Trainingswoche hinter uns. Die hat richtig Spaß gemacht.

Morgenpost Online: Wie bringen Sie Ihre Gier Ihrer Mannschaft näher?

Stanislawski: Ich habe den Jungs es so zu erklären versucht: Es ist nicht wie bei einem Speerwerfer, der sich vier Jahre auf Olympia vorbereitet. Der hat nur diesen einen Höhepunkt. Wir haben dagegen Woche für Woche die Möglichkeit, ein Highlight zu setzen. Da muss man gierig nach sein. Mir wird das aber auch teilweise zu schlecht gemacht.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Stanislawski: Wir gewinnen Spiele und dann ist alles Hosianna und Hurra. Wenn wir verlieren, bricht gleich wieder alles zusammen. Dann heißt es: Oh, wie schrecklich, alte Zeiten und Mittelmaß. Das geht mir zu schnell. Wir sind in der Entwicklung. Da braucht man Geduld.

Morgenpost Online: Aber Sie selbst meckern öffentlich mehr als früher und loben nicht mehr so wie noch zu St. Pauli-Zeiten, oder?

Stanislawski: Zwischen öffentlich und intern ist ein Unterschied. Ich versuche wie nach einem 4:0 in Mainz Begehrlichkeiten zu unterdrücken, wenn schon wieder jeder von der Herbstmeisterschaft träumt. Das stand dem Klub schon mal im Wege. Wir wissen, dass wir in der Spitzengruppe noch keine Ansprüche stellen können, aber jeden schlagen können. Intern aber lobe ich auch. Das ist anders als zu Pauli-Zeiten, wo ich vieles nach außen positivverkaufen wollte, was intern vielleicht nicht so gut war. Ich wollte positive Aufmerksamkeit auf den Klub lenken. Denn es war nicht alles Gold, was glänzt. Hier ist es anders, hier versuche ich den Ball flach zu halten,damit die Jungs die Möglichkeit haben, sich zu entwickeln.

Morgenpost Online: Nach 18 Jahren auf St. Pauli haben Sie gesagt, Sie würden den Totenkopf im Herzen tragen. Wo tragen Sie Hoffenheim?

Stanislawski: Im Kopf. Es dreht sich alles darum, diesen Klub zu entwickeln und ihn in die richtige Bahn zu bringen.

Morgenpost Online: Was haben Sie verändert?

Stanislawski: Als wir Hamburger hergekommen sind, waren alle sehr reserviert, ob in der Kabine oder der Geschäftsstelle. Fast kühl. Ich bin ja jemand, der gern mal lacht, flachst, schnackt, einfach Mensch ist. Ich glaube, dass hat mittlerweile hier Einzug gehalten…

Morgenpost Online: …in den Retortenklub und Milliardärsverein, wie Kritiker sagen. Was sagen Sie?

Stanislawski: Ich sage, dass ist ein Verein mit großem Entwicklungspotenzial. Irgendwann sollte er für das respektiert werden, was er tut. Und nicht permanent für das angefeindet werden, was Dietmar Hopp als Anschubfinanzierung geleistet hat.

Morgenpost Online: Übt das unerschlossene Terrain einen Reiz auf Sie aus?

Stanislawski: Absolut. Je mehr Leute negativ über uns sprechen, desto mehr verbindet mich das mit dem Verein.

Morgenpost Online: Sie haben die Hoffenheimer Kultur der Rechtfertigung angeprangert. Fehlt es dem Verein an Selbstbewusstsein, weil wenig Identität, aber viel Anfeindung da ist?

Stanislawski: Ja, meiner Meinung nach wurde hier eine zeitlang darum gekämpft, geliebt zu werden. Aber das wird man nicht als Verein. Es gibt hier einige Vereine in der Ecke, die gern mal ein paar Giftpfeile zu uns rüberschießen. Doch um deren Gunst brauchen wir nicht buhlen. Wir müssen nicht geliebt werden. Jeder weiß um die Millionen von Dietmar Hopp. Jeder weiß, wie Ralf Rangnick als Trainer das beschleunigt hat, dem muss man ja heute noch dankbar dafür sein. Aber wir kämpfen um Anerkennung für das, was wir jetzt daraus machen. Da ist mir egal, was andere Vereine über uns denken oder sagen. Neid muss man sich verdienen, Mitleid bekommst du geschenkt.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie denn die seligen Zeiten mit den scheinbar endlos sprudelnden Millionen Ihres Mäzens Dietmar Hopp?

Stanislawski: Wir wollen nicht mehr diese Zeiten haben, wo Dietmar Hopp 20 oder 30 Millionen Euro investieren muss, um das Ganze hier am Laufen zu halten. Wir wollen da hin kommen, dass der Verein sich von allein trägt. Einfach in der Not Hopps Schatulle zu öffnen soll es nicht mehr geben. Wir handeln bereits sehr mit Augenmaß und sind dabei, den Personaletat runter zu fahren. Das geht nicht von heute auf morgen, es gibt schließlich Verträge aus vergangenen Tagen. Aber mittlerweile sagen wir den Spielern: Leute, es geht nicht mehr – und wir wollen es auch nicht mehr.

Morgenpost Online: Geschieht das aus der Überzeugung heraus, oder aus wirtschaftlichen Zwängen?

Stanislawski: Das muss so sein. Wir können nicht immer glauben, einen wie Herrn Hopp zu haben, der bei Bedarf für uns in die Bütt springt. Wir handeln aus kaufmännischer Sicht, also solide. Wenn ein Talent irgendwo schlummert und das kostet uns drei oder vier Millionen, dann muss man drüber sprechen, ob die Investition sinnvoll ist. Aber aus der kalten Hose heraus geschossen wird nicht mehr.

Morgenpost Online: Die guten Zeiten in Hoffenheim sind vorbei?

Stanislawski: Nein, sie werden nur anders gestaltet. Es kann doch nicht sein, dass wir in der Bilanz ein großes Minus ausweisen und Herr Hopp das dann ausgleichen muss. Wir reduzieren die Verluste gegenüber 2009/2010 gerade um mindestens 50 Prozent, wahrscheinlich sogar mehr. Und in der nächsten Saison sieht es auch schon danach aus, dass wir es noch weiter runterschrauben. Nur das kann der Weg sein. Nur dann arbeitet man als solider Verein, der auf gesunden Füßen steht.

Morgenpost Online: Fällt ihnen diese Einsicht als Trainer leicht, weil sie bei St. Pauli früher immer ums wirtschaftliche Überleben kämpfen mussten?

Stanislawski: Ich habe bei St. Pauli Zeiten mitgemacht, wo am 28. eines Monats nicht klar, ob wir das Ganze im nächsten Monat noch am Leben halten können. Ich bin offen für den Hoffenheimer Weg, mehr mit eigenen Leuten aus dem Nachwuchsbereich zu arbeiten. Aber dann kann man auch nicht voraus setzen, dass wir Deutscher Meister werden. Wir müssen unseren Platz finden. Und der wird nicht sein, für 30 Millionen Euro irgendwo einkaufen zu gehen.

Morgenpost Online: Hoffenheim besinnt sich wieder auf seine Idee des Ausbildungsvereins?

Stanislawski: Das wollen doch mittlerweile nahezu alle in der Liga sein. Wir bieten eine Plattform für junge und qualitativ hochwertige Spieler. Wir haben grundsätzlich immer eine junge Mannschaft und diese Mannschaft verträgt es auch, noch jüngere ins Haifischbecken Bundesliga zu werfen. Unsere Struktur ist gut, wir sind weiter als manch anderer Klub in der Liga, der gerade im Umbruch ist.

Morgenpost Online: Wie etwa der HSV?

Stanislawski: Ja, das merkt man. Man kann nicht auf einen Schlag acht gestandene Spieler durch acht 20- oder 21-Jährige ersetzen und voraus setzen, dass man um Platz eins und fünf spielt.

Morgenpost Online: Wie ist Ihr Verhältnis zu Dietmar Hopp , ist er präsent im Klub?

Stanislawski: Er ist natürlich immer omnipräsent in gewissen Fragen, weil er hier vieles angeschoben hat. Aber es macht mehr und mehr Sinn, wenn er im Hintergrund da ist. Er muss im täglichen Geschäft nicht permanent dabei sein und das ist er auch nicht. Er muss informiert sein, er soll involviert sein, aber wir dürfen nicht zulassen, dass er zu jedem Kram seinen Senf abgeben muss. Dafür sind andere da.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich ihm gegenüber verpflichtet?

Stanislawski: Ich fühle mich ihm gegenüber verpflichtet, ihn in meine Gedankengänge einzubinden. Und ich fühle eine Verpflichtung, das Wert zu schätzen, was er auf die Beine gestellt hat. Im Klub wie im gesellschaftlichen Leben.

Morgenpost Online: Das Leben im Badischen ist beschaulich. Wer das Wort Stanislawski bei Google eingibt, der bekommt zuerst zigfach: Stanislawski fordert mehr Stimmung im Stadion, Kreischgau statt Kraichgau. Kann es sein, dass sie von den St- Pauli-Fans zu verwöhnt sind?

Stanislawski: Das ist nicht vergleichbar, das ist mir klar. St. Pauli trägt sich durch die Zuschauer. Hier in Hoffenheim wurde vor vier oder fünf Jahren noch Regionalligafußball gespielt. Da sind ältere Herren hingegangen, die sich einfach am Wochenende ein Fußballspiel angucken. Dass die nicht auf einmal da stehen und Transparente basteln ist jedem bewusst.

Morgenpost Online: Was ist die Lösung?

Stanislawski: Wir müssen die nächsten Jahre dazu nutzen, um die nachfolgende Generation an den Klub zu binden. Die acht, neun und zehnjährigen. Wenn die Kids am Trainingsplatz stehen, schicke ich meine Jungs hin zum Autogramme schreiben. Aber trotz alledem möchte ich alle klatschen und schreien hören, die ins Stadion kommen. Deswegen provoziere ich da auch. Ich kritisiere keinen Zuschauer. Aber wenn gerufen wird ‚Steht auf, wenn ihr für Hoffe seid“, dann kann jeder aufstehen und klatschen. Das kann ich erwarten. Nur so geht es. Ein 19- oder 20-Jähriger auf dem Feld unten braucht die Unterstützung, wenn es nicht funktioniert. Meine Mission hier ist deswegen auch die Mobilmachung.

Morgenpost Online: Der Eindruck aber ist, dass es sich die Spieler in der Hoffenheimer Oase sehr gemütlich gemacht haben.

Stanislawski: Das stimmt nur zum Teil. Die Jungs wurde es auch nicht beigebracht, rauszugehen und offener zu sein. Sie wurden mehr weggesperrt. Diese Tore öffnen wir gerade wieder.

Morgenpost Online: Gemeint war, dass die Spieler seit der begeisternden Hinrunde 2008 und der Herbstmeisterschaft ein Versprechen auf Hochzeiten in Hoffenheim nicht einlösen konnten.

Stanislawski: Das erste halbe Jahr Bundesliga herrscht eine gigantische Euphorie, ich habe das mit St. Pauli doch auch alles durchgemacht. Doch dann geht auch vieles kaputt, denn dann stürzt so viel auf dich ein. Hier sind sie in der ersten Bundesligasaison Herbstmeister geworden. Da kommen dann bei den Spielern Begehrlichkeiten hoch, Vertragsänderungen, jeder guckt mehr auf sich und auf einmal bröckelt es vor sich hin. Es hat hier sehr viel Aufbauarbeit gebraucht, um den Realismus wieder zurück zu bringen, wo man eigentlich her kommt.

Morgenpost Online: Was gibt es in Hoffenheim, was Sie sich bei St. Pauli gewünscht hätten?

Stanislawski: Entwicklungsmöglichkeiten.

Morgenpost Online: Ist Hoffenheim für Sie als ehemaliger St. Pauli-Trainer Luxus?

Stanislawski: Trainer zu sein ist für mich Luxus. Einer von 18 Menschen zu sein, die Bundesligatrainer sind. Hätte ich mir nie erträumen lassen, ist ein absolutes Privileg, trotz allem, was es an Negativen mit sich bringt. Aufwand, etcetera, ich will da gar nicht von anfangen.

Morgenpost Online: Können Sie ruhig. Wenn man Sie allein an der Seitenline sieht, wie Sie sich verzehren und leiden, dann drängen sich Parallelen zum ehemaligen Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick auf, der im September wegen Burn-out-Syndroms den Job bei Schalke quittieren musste. Sie gelten auch als einer, der von beiden Seiten brennt, wie es mal ein Spieler von Ihnen gesagt hat. Kann Ihnen so etwas wie bei Rangnick auch widerfahren?

Stanislawski: Ich glaube ja. Burn-out, Depression , alles was sich im Kopf abspielt, kann jeden treffen. Keiner ist davor geschützt, auch ich nicht.

Morgenpost Online: Wie gehen Sie damit um?

Stanislawski: Ich muss manchmal sagen: Jungs, jetzt ist Stopp. Jetzt brauche ich mal eine halbe Stunde für mich, um alles mal in die ein oder andere Schublade packen zu können. Ich bin jemand, der sehr viel Input braucht, um sich zu entwickeln. Aber irgendwann ist Overload. Da muss man anfangen zu sortieren. Wenn man den Moment zu lange verpasst, wächst dir alles über den Kopf und dann brichst du weg.

Morgenpost Online: Hatten Sie so einen Moment schon mal?

Stanislawski: Ich war nahe davor, ja.

Morgenpost Online: Bei St. Pauli?

Stanislawski: Ja.

Morgenpost Online: Meinten Sie das, als Sie beim Abschied sagten, das ganze hätte Sie extrem viel Kraft gekostet?

Stanislawski: Genau. Ich hatte extrem viel um die Ohren und musste eine zeitlang omnipräsent sein.