Am Ende war alles wie vor neun Monaten: Im Stadion der Roten jubelten nur die Schwarz-Gelben. Damals feierte Borussia Dortmund den entscheidenden Schritt zur Deutschen Meisterschaft. Am Samstag machte der BVB durch das Siegtor von Mario Götze zum 1:0 (0:0) die Meisterschaft wieder spannend.

Die Bayern haben allmählich einen veritablen Komplex. Obwohl nach ihren glänzenden Vorstellungen der vergangenen Wochen alles für sie zu sprechen schien, verloren sie bereits zum dritten Mal nacheinander gegen die Borussia.

Landauf, landab hatte sich in den vergangenen Tagen vor allem eine Frage aufgedrängt: Sind die Bayern, ihrer Geschichte entsprechend, der gesamten nationalen Konkurrenz enteilt, oder gibt es mit der Borussia einen Rivalen auf Augenhöhe?

Auf Dortmunder Seiten gefielen sie sich darin, die Außenseiterrrolle einzunehmen. Man müsse versuchen, die Bayern auf das eigene Niveau „runterzuziehen“, sagte Jürgen Klopp. Da musste schon sein Gegenüber Jupp Heynckes kommen, um an die Vergangenheit zu erinnern. Der BVB, rief er aus, sei „der amtierende Deutsche Meister , das darf man nicht vergessen.“

Und das zeigte er dann auch. Schnell wurde klar, dass sich an diesem Abend kein Freiburg oder Nürnberg präsentierte und auch keiner der anderen fünf letzten Gäste in der Arena, gegen die der FCB bei fünf Siegen eben mal eine Tordifferenz von 23:0 herausgeschossen hatte.

Selten gefährlich

Dortmund attackierte früh und stellte mit dem ungemein lauf- und zweikampfstarken Sven Bender den Herrscher über das Mittelfeld. Franck Ribéry und der wieder genesene Arjen Robben wurde nach in der Vorsaison bewährter Manier gedoppelt. Nach einer Viertelstunde sah man Ribéry an der Seitenlinie mit Trainer Jupp Heynckes bei der ersten Standup-Debatte: Trainer, wir müssen uns was überlegen.

Mario Götze s flacher Freistoß am Tor vorbei, die einzige Torchance der Anfangsphase (11.), war sichtbarer Ausweis dieser gefühlten Dortmunder Überlegenheit. Die Münchner rangen nach Lösungen für die Probleme, vor die sie der BVB stellte. Zwar wurden die Ballstafetten länger, der Ballbesitz überlegener.

Gefahr entwickelten die Bayern jedoch selten, in der 22. Minute zögerte Toni Kroos zulange beim Schuss, in der 29. Minute drosch Ribéry den Ball aus verheißungsvoller Position fünfzehn Meter vor dem Tor in die Wolken.

Pfiffe zur Pause

Neben der abgeklärten, defensivstarken Vorstellung des Gegners hemmte die Münchner offenbar der Ausfall von Bastian Schweinsteiger und das durch Robbens Rückkehr verursachte Revirement – Thomas Müller vom Flügel in die Mitte, Toni Kroos von der Zehn auf die Acht. Es fehlte der Spielfluss. Mittelstürmer Mario Gomez kam in der ersten Halbzeit nur auf neun Ballkontakte. Leichte Pfiffe begleiteten die Akteure in die Kabine.

„Borussia Dortmund steht hervorragend, man sieht, dass es ein sehr schwieriges Spiel für uns ist“, analysierte in der Pause Christian Nerlinger. Der FCB-Sportdirektor erschien mit frisch bis 2014 verlängertem Vertrag , wie auf der Mitgliederversammlung am Tag zuvor offiziell bekannt gegeben worden war. „Wir müssen besser verlagern, um Franck Ribéry und Arjen Robben besser ins Szene zu setzen“, forderte er jetzt.

Gefährlich vors Tor kam dann allerdings der BVB – mit den bis dato zwei besten Gelegenheiten des Spiels. Mittelstürmer Robert Lewandowski köpfte nach Flanke von Lukas Piszczek aus fünf Metern über das Tor (51.).

Wahrhaft meisterlich dann ein Angriff vier Minuten später: Nach einem steilen Anspiel von Mats Hummels leitete Lewandowski den Ball formvollendet per Hacke in den Lauf von Shinji Kagawa. Den Lupfer des Japaners entschärfte Manuel Neuer grandios, indem er blitzartig nach oben schnellte, der Nachschuss von Mario Götze landete neben dem Tor.

Spätestens jetzt hätten die Bayern gewarnt sein müssen, doch offenbar hatte sie ihre brotlose optische Überlegenheit selbst am meisten eingelullt. Nach einem Doppelpass von Götze und Kagawa produzierten sie einen Querschläger, Jerome Boateng irrlichterte im Kreis um die eigene Achse, gedanklich um Lichtjahre hinter Götze – der aus zehn Metern flach zur Führung einschob (65.).

Spiel nimmt Fahrt auf

Es war das siebte Mal nacheinander, dass die Münchner gegen Dortmund mit 0:1 in Rückstand gerieten. Bis auf die beiden Begegnungen in der letzten Saison war ihnen dabei stets noch zumindest ein Remis gelungen. Doch die Zeiten haben sich eben geändert.

In einem nun endlich packenden und abwechslungsreichen Spitzenspiel ließen sich die Dortmunder nicht mehr entscheidend zurückdrängen. Ribéry hatte eine exzellente Chance, als er von halblinks allein auf Roman Weidenfeller zustürmte, er versuchte den BVB-Keeper zu tunneln, doch der bekam die Beine rechtzeitig zusammen (78.).

Auf der anderen Seite vergab Bender eine aussichtsreiche Konterchance (72.) und Lewandowskis vermeintliches 2:0 wurde zurecht wegen Abseits zurück gepfiffen (74.). In der Schlussphase versuchten es noch einmal der eingewechselte Nils Petersen (84.) und Ribéry (90.) – dann war es vorbei.

„Meine Mannschaft hat gegen den Ball ein unfassbar gutes Spiel gemacht“, lobte Klopp seine Spieler. Von einem „typischen 0:0-Spiel“ sprach Heynckes. „Wir haben es nicht geschafft, Druck aufzubauen. Dortmund hat es sehr geschickt gemacht“, erklärte der Bayern-Trainer.

„Wir haben super kompakt gestanden und fast gar nichts zugelassen. Zweimal hintereinander in München zu gewinnen, das ist schon was ganz Gutes“, freute sich BVB-Mittelfeldspieler Sebastian Kehl. Bayern-Kapitän Philipp Lahm ärgerte sich über vergebene Punkte: „Wir haben zu wenig gemacht und uns zu wenig bewegt. Wir waren nicht in Top-Form, trotzdem hätten wir Minimum einen Punkt verdient gehabt.“

„Der FC Bayern ist ein Hort der Glückseligkeit“, hatte Präsident Uli Hoeneß am Freitag auf der Mitgliederversammlung gesagt. Am Samstagabend erfuhr das Bayern-Glück eine beachtliche Schramme. Vom gewohnten Gegner. Dem amtierenden Deutschen Meister.