Es schmerzt Uli Hoeneß noch, wenn er an diesen Samstagabend im vergangenen Februar zurückdenkt. Sein FC Bayern München hatte das Heimspiel gegen Borussia Dortmund 1:3 verloren, und der Präsident des Rekordmeisters stand blöd da – er hatte auf einen Sieg mit zwei Toren Unterschied getippt.
Für die Dortmunder war der Erfolg der Grundstein zur Meisterschaft , die Bayern wurden am Ende nur Dritter. „Die Niederlage hat mir unheimlich gestunken, weil ich vorher ziemlich das Maul aufgerissen habe. Wir sind sang- und klanglos untergegangen“, sagte Hoeneß in dieser Woche.
Am Samstag ist der Tag zur möglichen Revanche gekommen. Endlich, sagen viele in München. Um 18.30 Uhr (Sky) empfängt der Tabellenerste der Bundesliga aus München den Tabellenzweiten aus dem Ruhrgebiet. Bis zu elf deutsche Nationalspieler werden auf dem Rasen stehen; die Elite des deutschen Fußballs trifft sich zum Kräftemessen. Die Spitzenpartie des 13. Spieltags wird in 200 Ländern übertragen – Rekord.
Mit einem Sieg könnten die Bayern ihren Vorsprung auf Dortmund auf acht Punkte ausbauen. „Borussia ist unser größter Konkurrent. Es ist ein wichtiges Spiel“, sagt Bayerns Torjäger Mario Gomez. Wie wichtig, zeigt die Maßnahme von Bundestrainer Joachim Löw: Er schonte Gomez im Test gegen die Niederlande (3:0) am Dienstag. „Damit ich Samstag fit bin“, so Gomez.
In der Partie geht es nicht nur um drei Punkte. Es geht um Prestige – und auf Dauer um die Vormachtsstellung im deutschen Fußball. „Wir müssen Dortmund schlagen, um ein Zeichen zu setzen“, sagt Bayerns Sportchef Christian Nerlinger .
"BVB knapp hinter Bayern"
Der Rekordmeister will vermeiden, dass die Westfalen sie erneut demütigen. Und mit der Verteidigung der Meisterschaft die Basis legen, den Münchnern auf Jahre hinaus gefährlich werden zu können. So wie manch anderer Konkurrent in der Vergangenheit. In den 70er-Jahren lieferten sich die Bayern packende Duelle mit Borussia Mönchengladbach, in den 80ern mit dem Hamburger SV, in den 90ern mit Werder Bremen und eben Dortmund.
Der BVB war damals auf Augenhöhe, phasenweise sogar dem Rekordmeister voraus. 1995 und 1996 wurde die Borussia Meister, 1997 gewann sie die Champions League. Trainer war damals Ottmar Hitzfeld, später wechselte er zum FC Bayern.
Der Coach der Schweizer Nationalmannschaft und Sky-Experte sagt: „Die Bayern sind derzeit eine eigene Kategorie. Aber der BVB ist knapp dahinter.“ Für die Gastgeber gelte es am Samstag, die Schmach aus der vergangenen Saison auszumerzen.
„Die Dortmunder haben da ja beide Spiele gegen sie und Sympathien im ganzen Land gewonnen. Das hat die Bayern in ihrem Stolz verletzt, der Stachel sitzt tief. Das Spiel jetzt ist die große Chance, die Machtverhältnisse zurechtzubiegen.“ Die Partie sei ein Schlüsselspiel. „Wenn die Bayern gewinnen, sind sie fast nicht mehr zu bremsen“, sagt Hitzfeld.
Im Kampf um die Meisterschaft hat Bayern mit dem Heimvorteil und fünf Punkten Vorsprung die besten Voraussetzungen. Im Kampf um die besten deutschen Talente holt Dortmund auf, hat unter anderem in Kevin Großkreutz und Mario Götze zwei Nationalspieler hervorgebracht.
Der 19-jährige Götze hat bei der Borussia einen Vertrag bis 2014 – dennoch zeigen die Münchner öffentliches Interesse an ihm. Ausgerechnet vor dem Spitzenspiel. Gomez befeuert die Spekulationen um einen Wechsel: „Wenn Bayern München kommt, überlegt sich das jeder Spieler.“
Bayerns Heimbilanz gegen BVB-Serie
Der mit 13 Toren beste Stürmer der Liga will am Samstag beweisen, warum. Überhaupt sei der Grund für die Niederlagen in der Vorsaison nicht die Stärke der Borussia, sondern die eigenen Schwäche gewesen. Dies sei nun ganz anders. „Wir haben keine Angst vor Dortmund. Ich weiß, dass wir besser sind“, so Gomez.
BVB-Trainer Jürgen Klopp will ihm da in nichts nachstehen und stichelt augenzwinkernd gegen das Publikum in der Allianz-Arena: „8000 bis 9000 unserer Fans werden es zu den Bayern ins Stadion schaffen. Und wenn wir dann die Bayern-Fans abziehen, die nicht mitsingen, ist das fast schon ausgeglichen.“
Die Dortmunder sind seit sechs Spielen unbesiegt. Die Heimbilanz der Bayern ruft bei ihnen dennoch Respekt hervor: 23 Tore in sechs Partien, nur ein Gegentreffer – wie will der BVB diese Mannschaft besiegen?
„Die Bayern befinden sich in hervorragender Verfassung. Sie sind der Topfavorit auf alles“, sagt Klopp. Dennoch habe seine Mannschaft die Möglichkeit, sie durch verschiedene taktische Maßnahmen „auf unser Niveau runterzuziehen. Dann sind wir auf Augenhöhe und wollen sie schlagen.“
Die Partie ist für seine Mannschaft der Auftakt in die wichtigste Woche der Hinrunde: Am Mittwoch spielt sie in der Champions League in London gegen den FC Arsenal und in einer Woche im Revierderby gegen den FC Schalke 04. „Verdammt. Das sind die schönsten Wochen des Jahres“, sagt Verteidiger Neven Subotic, der mit Gesichtsbruch ausfällt.
Für ihn spielt der Brasilianer Felipe Santana in der Innenverteidigung. Im defensiven Mittelfeld wird Klopp wohl auf Sebastian Kehl setzen, im Sturm erneut auf Robert Lewandowski, mit acht Treffern Dortmunds bester Torschütze. Lucas Barrios muss auf die Bank. „Jeder würde mir – bildlich gesehen – eine Kugel in den Kopf schießen, wenn ich jetzt sagen würde: Nun probieren wir mal was anderes aus“, sagt Klopp.
Robben im Kader
Den Bayern fehlt einzig Bastian Schweinsteiger (Schlüsselbeinbruch) , Arjen Robben wird erstmals seit Wochen wieder zum Kader gehören. „Dortmund kann Topspieler noch nicht ganz adäquat ersetzen, der FC Bayern schon. Er spielt einen perfekten Fußball“, sagte Hitzfeld. Er habe Uli Hoeneß selten so glücklich wie derzeit erlebt.
Das ist auch Jürgen Klopp aufgefallen – und scheint ihn etwas zu stören. Es hätte diesmal keine verbalen Vorlagen gegeben, die er zur Motivation seiner Mannschaft in die Kabine hängen oder in seine Ansprache vor dem Spiel einbauen könnte.
„Kein Tipp von Uli Hoeneß: ‚Wir gewinnen 4:0.’“, so Klopp. Ein Unentschieden oder Niederlage hat der Bayern-Präsident allerdings ausgeschlossen. Und er will nicht, dass es schmerzt, wenn er künftig zurückdenkt. An diesen Samstagabend im November.




