Claudia Pechstein

Nach Prozess-Achterbahn vogelfrei im Eisoval

Am Freitag beginnt die neue Weltcup-Saison, und Claudia Pechstein ist gut wie nie. Nebenbei wird sie den Eisschnellläufer-Verband auf Schadenersatz verklagen.

Die Nachricht aus Japan dürfte Claudia Pechstein gefallen haben. Zu Wort meldete sich Tomomi Okazaki, wie Pechstein Eisschnellläuferin, und erklärte, dass sie bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 unbedingt an den Start gehen möchte.

Vielleicht könnten sich also beide dort treffen – Pechstein verfolgt ja dasselbe Ziel – und in trauter Zweisamkeit belegen, dass die Leistungsfähigkeit nicht zwangsläufig mit dem Alter schwindet. Okazaki wäre in Sotschi 43 Jahre alt, Pechstein immerhin 42.

Ja, das liebe Alter! Die aktuell 39 Lebensjahre werden oft zum Thema bei der Berlinerin. „Das ist Realität, damit kann ich gut leben“, sagt sie. Nach den jüngsten Landesmeisterschaften sogar noch etwas besser. Bei vier Starts gewann sie vier Medaillen, darunter zwei goldene.

Pechstein wundert sich

Noch nie war Pechstein erfolgreicher bei nationalen Titelkämpfen; selten gaben die meisten der viel jüngeren Konkurrentinnen im Vergleich mit der fünfmaligen Olympiasiegerin ein traurigeres Bild ab. Sogar über die bei ihr eher schwachen 1000 Meter eroberte Pechstein einen Startplatz für die Weltcupsaison, die am Freitag in Tscheljabinsk/Russland beginnt.

Über die geringe Gegenwehr wundert sich Pechstein. „Einige Athleten haben es vielleicht in ihrem Sportlerleben verpasst, etwas härter zu trainieren. Ich habe so das Gefühl, dass es einigen zu gut ging“, sagt sie. Gut, so ging es ihr lange nicht.

Gebrandmarkt als verurteilte Dopingsünderin war sie, gesperrt für zwei Jahre. Trotz mehr als zweifelhafter Indizien führte kein juristischer Weg an der Zwangspause vorbei. Was andere zerstört hätte, staute sich bei ihr an als Wut, die sich nun auf dem Eis entlädt. „Ich habe viele Gründe in meinem Kopf, bei denen ich sage: ‚Dafür quäle ich mich gern’“, erzählt Claudia Pechstein.

Vogelfrei

Die Schufterei fällt ihr trotz allem nicht mehr so leicht wie früher, obwohl sie manchmal den Anschein erweckt. „Das wäre auch nicht normal“, sagt Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin. Der Eislauf-Weltverband ISU fand ihre Ergebnisse schon vor fast drei Jahren auch aufgrund des Alters nicht mehr normal und ließ das in den Manipulationsverdacht einfließen.

Jetzt, mit 39, interessiert sich die ISU nicht mehr für Pechsteins Alter. Auch nicht für ihre Retikulozyten , den Teil ihrer Blutwerte, dessen erhöhte Messung ihr die Sperre einbrachte. Und deren Anteil immer noch so hoch und schwankend ist wie zuvor. Pechstein wirkt diesbezüglich vogelfrei, ihre Retikulozyten könnten auch Achterbahn fahren, die ISU würde nichts Anstößiges mehr daran finden.

Deshalb hat sich Pechstein selbst angezeigt . Die ISU teilte daraufhin mit, dass der Fall für sie erledigt sei und die Anzeige nur dazu diene, die alte Geschichte neu aufzurollen. Natürlich möchte Pechstein genau das, sie möchte feststellen lassen, dass sie unschuldig ist, die Indizien seinerzeit falsch bewertet wurden.

Normaler Umgang

Vor Gericht soll es Ende des Jahres wieder gehen. Pechstein wird die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) auf Schadenersatz verklagen. Nach ihren Vorstellungen soll er astronomisch sein.

Zu Disharmonien mit dem deutschen Verband führt das nicht. „Wir gehen ganz normal miteinander um. Die wissen, dass sie die Klage weiterreichen“, sagt Pechstein. Der DESG hielt immer zu ihr und soll nun als Vehikel dienen, die ISU zu treffen. Weil das Verfahren in Deutschland ablaufen soll, ist dieser Weg wohl notwendig.

Die DESG spielt gern mit. Und Pechstein fügt sich klaglos ein in die neuen Strukturen des Verbandes, trainiert jetzt unter Mehrkampf-Bundestrainer Stephan Gneupel, zusammen mit der ungeliebten Konkurrentin Stephanie Beckert. Ihr Sommer verlief gut, alles war einfacher, weil sie wieder in der Gruppe arbeiten konnte und nicht wegen der Sperre allein trainieren musste wie bis zu den Weltmeisterschaften im März; dort gewann sie dennoch zwei Bronzemedaillen .

Antrag auf Sporthilfe

Obwohl sportlich wieder Normalität einzieht bei Pechstein, kämpft sie noch immer auf vielen Ebenen. Auch darum, wieder in die Sportfördergruppe der Bundespolizei aufgenommen zu werden, bei der sie angestellt ist. Die Resultate sprechen für sie.

Die jüngste Aufhebung der Osaka-Regel ebenfalls, die besagt, dass wegen Dopings länger als sechs Monate gesperrte Athleten nicht an zwei aufeinander folgenden Olympischen Spielen teilnehmen dürfen. „Das war ein Geschenk für mich. So kann ich mich normal auf Sotschi vorbereiten, ohne dass ich noch mal Geld für Anwälte ausgeben muss“, sagt sie.

Wobei die Sache mit dem Geld schwierig ist. Pechstein beantragte zudem erstmals seit 2004 die Aufnahme in die Sporthilfe. Sie hat seit Juni keine regelmäßigen Einkünfte. Und ihre Rücklagen litten unter den Prozess- und Gutachtenkosten. Mit guten Ergebnissen im Weltcup kann Pechstein zeigen, dass sich die Investitionen in sie immer noch lohnen. Trotz des Alters. Zweifel daran hat sie nicht, Medaillen bei WM und EM sind ihre Saisonziele.