Marcel Desailly war es in diesem Fall. Aber es hätte jeder sein können, die Fachwelt wundert sich ja seit langem über die latente Diskrepanz zwischen Begabung und Ergebnissen bei der portugiesischen Nationalmannschaft. Konkret: Wer als großes Team gelten wolle, der spiele nicht zweimal nacheinander im Play-off, so lautete das Zitat des französischen Altinternationalen, mit dem sich Cristiano Ronaldo im portugiesischen Fernsehen konfrontiert sah.
Hinter ihm lag ein mühsames 0:0 in Bosnien , Ronaldo murmelte etwas von Zyklen und normalen Problemen, glücklich sah er nicht aus. Wann immer der gefeierte Star von Real Madrid in den letzten Jahren die Auswahl seines Heimatlandes vertritt, wird er zum Sprachrohr des Mittelmaßes. Und das nervt.
Am Dienstag (22.00 Uhr, Sport1) kommen die Bosnier zum Rückspiel ins Estadio da Luz. Wenn alles gut läuft, wird in Lissabon wie vor der WM 2010 gegen denselben Gegner noch auf den letzten Drücker die Qualifikation geschafft. Aber das ändert dann auch nichts an der Diagnose, dass Portugal seit Jahren unter den Ansprüchen bleibt, die es mit Platz zwei bei der EM 2004 und Rang vier bei der WM 2006 selbst definierte.
Mittelstürmer fehlt
Es war die Zeit, als Ronaldo noch das Talent war und Luis Figo das Idol, die starke Schulter, der Kapitän. Die Zeit, als es hieß: Wenn die Generation Ronaldo erst mal in voller Blüte steht, dann beginnen die fetten Jahre. Wie bereits damals fehlt auch heute noch ein Mittelstürmer von Weltformat (weshalb am Dienstag der Ex-Bremer Hugo Almeida auf einen Start hoffen darf).
Dahinter freilich ist Portugal auf allen Positionen exzellent und so variabel besetzt, dass sich Paulo Bento sogar die Desertion der Verteidiger Ricardo Carvalho und Jose Bosingwa leisten konnte. Beide verabschiedeten sich unter wüsten Vorwürfen gegen den Nationaltrainer aus der Auswahl. So verschmerzbar das sportlich allerdings sein mochte, so sehr illustriert es ein fortgesetztes Problem – bei aller imposanten Hardware gehen Portugal die weichen Qualitäten ab: Seele, Teamgeist, Haltung.
Knatsch an sich ist nichts Neues unter Lusitaniens besten Fußballspielern, schon bei Erfolgstrainer Luiz Felipe Scolari (2002 – 2008) gaben sich die Diven die Klinke in die Hand. Alt stritt mit Jung, der stolze Portugiese Figo mit dem eingebürgerten Portugiesen Deco, aber dem Motivator Scolari gelang es stets, diese Reibungen in positive Energie umzumünzen.
Seine Nachfolger indes scheinen mit der Moderation von Superstaregos überfordert. Unter Carlos Queiroz stand Portugal bei der WM 2010 für unterkühlten Fußball und noch eisigere Stimmung. Flügelstar Nani nutzte eine Verletzung in einem Testspiel, um sich von der Kap-Exkursion gleich ganz auszuklinken, Deco lästerte bei jeder Gelegenheit über die Taktik, und Kapitän Ronaldo kümmerte sich ziemlich exklusiv um sich selbst. Als er nach dem Ausscheiden gegen Spanien eine Fernsehkamera bespuckte, zürnte der alte Figo: „Ein Kapitän muss sich in schweren Stunden vor sein Team stellen. Das hat er nicht getan.“
Abgang von Queiroz
Ronaldo wurde daraufhin als Spielführer abgesetzt, aber bald war Trainer Queiroz selber weg. Er fiel, erstens, einer undurchsichtigen Affäre zum Opfer, die sich entspann, nachdem er im WM-Trainingslager einige Dopingkontrolleure vom Hof gejagt hatte. Zweitens seiner Unbeliebtheit in der Mannschaft, inzwischen hatte etwa Flügelstürmer Simao seinen Rücktritt erklärt.
Drittens den Resultaten zu Beginn der EM-Qualifikation, einem 4:4 gegen Zypern und einem 0:1 in Norwegen. Ihm folgte Paulo Bento, vormals Sporting Lissabon, und mit fünf Siegen am Stück schien alles wieder gut zu werden.
Bis Routinier Carvalho (Real Madrid) rebellierte, weil er auf die Ersatzbank sollte („Noch nie habe ich mich so wenig respektiert gefühlt“), das entscheidende Gruppenspiel in Dänemark kläglich verloren ging und jetzt auch noch der ebenfalls wegen Nichtberücksichtigung schmollende Bosingwa (FC Chelsea) nachlegte: Bento sei „weder mental noch emotional in der Lage, eine Gruppe von Männern anzuführen“.
Der Fall Bosingwa fügt sich in das Bild vom Auslandsprofi, der sich, beschäftigt bei den größten Klubs der Welt, zu Hause als etwas zu große Nummer aufspielt. Auch Ronaldo wird von seinen Kritikern immer mal wieder schädliches Primadonnentum unterstellt, etwa nachdem er beim WM-Aus gegen Spanien in der letzten halben Stunde auf der ungeliebten Mittelstürmerposition spielen sollte und dabei dem Tatbestand der Arbeitsverweigerung sehr nahe kam.
Schwacher schnitt im Nationalteam
Insgesamt führt Portugal die Debatte um ihn zwar nicht so arg wie Argentinien die um Lionel Messi , weil anders als bei dem früh emigrierten Barcelona-Star seine grundsätzliche Liebe zum Nationaltrikot von keiner Seite bezweifelt wird. Doch die Zahlen sehen halt nicht gut aus: Im Klub trifft Ronaldo im Schnitt fast einmal pro Spiel, in der Nationalelf mit 30 Toren in 86 Partien nur gut jedes dritte Mal.
Unabhängig davon soll er es am Dienstag natürlich richten. Unter Bento ist er wieder Kapitän, „wir haben die bessere Mannschaft und werden uns qualifizieren“, sagt er forsch. Ronaldo ist 26. Noch hat er Zeit zu verhindern, dass seine Jahre in Portugal dereinst als verlorene gelten.




