Zu den schrecklichsten Dingen im Leben von Uli Hoeneß gehören Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft . Ihm und dem Herrgott wird damit nur die Zeit gestohlen, und die Stars. Der Münchner Präsident hat es einmal so gesagt: „Ein Trainingsspiel bei den Bayern zwischen A-Team und B-Team bringt mehr.“
Aber nicht am Dienstag.
Dienstag geht es nicht gegen Australien oder die Äußere Walachei oder um A gegen B, sondern um das hohe C: Deutschland trifft auf die Niederlande, und jeder aufrechte Fußballfreund wird von der Vorfreude übermannt. Es geht zwar um nichts – aber das richtig .
Dieser Klassiker lässt keinen kalt , und Hoeneß sollte sicherheitshalber nachschauen, ob Arjen Robben noch in München ist. Womöglich pfeift sein Rekonvaleszent auf Bayern A gegen Bayern B, ist stattdessen im Schutz der Dunkelheit heimlich mit dem Wohnmobil nach Hamburg entflohen und hinkt mit seiner weichen Leiste am Dienstag den rechten Flügel entlang, um uns Deutschen den Marsch zu blasen.
So ist das halbe Land momentan auf dem Weg nach Hamburg, als orangefarbene Karawane, mit Pauken und Trompeten und unter Absingen aller gängigen Schlachtenlieder. „Eindelijk wraak!“ rufen sie aber nach wie vor – sie wollen endlich Rache. Zu viel haben wir ihnen angetan, auch im Fußball. Und das ging nicht erst mit Hölzenbeins Schwalbe im WM-Endspiel ’74 los, sondern schon vor der WM ’54.
Jansens Bein
Da musste Herbergers Quartiermacher Albert Sing mit dem Chef des Hotels „Belvedere“ in Spiez förmlich kämpfen, denn neun von zehn Stammgästen waren Niederländer. „Die laufen mir alle fort, die mögen euch Deutsche nicht“, sagte der Schweizer Hotelier. Das war das erste Mal, dass wir auf Kosten der Niederländer Weltmeister wurden.
Dem Wunder von Bern folgte 20 Jahre später das Wunder von München – in Form des gestreckten Beins von Wim Jansen, das Bernd Hölzenbein im Strafraum dankbar annahm. Das war gut für den Ausgang des Spiels, aber schlecht für die weitere Lebensplanung des Frankfurters: „Ich würde so gern mal wieder nach Holland fahren.“ Diese Sehnsucht war plötzlich schier unerfüllbar, denn seit jenem denkwürdigen Tag heißt das übelste Fußballschimpfwort unserer Nachbarn nicht Sauhund oder Hurensohn, sondern Hölzenbein.
Wenn wir aufeinandertreffen, ist es spätestens seit ’74 stets dasselbe – die Oranje-Fans denken an Rache, während wir feixend die Frage erörtern: Wie viele Niederländer sind nötig, um eine Glühbirne auszuwechseln? Antwort: fünf. Einer hält die Birne – und vier drehen den Wohnwagen. Die niederländische Seele ist zum Leiden verdammt: Wie können welche nur so schön spielen und so wenig gewinnen?
Van Gaals nackte Wahrheit
Ihr Fußball war manchmal wahrlich zum Neidischwerden. Offensiv, kreativ, bezaubernd, modern. Es hat Zeiten gegeben, da behauptete ein damals noch junges Trainertalent namens Louis van Gaal, sie müssten nur im Spielaufbau die Räume eng machen, weil dann automatisch die Manndecker der Deutschen das bekommen, was sie am wenigsten mögen – den Ball. Es war die nackte Wahrheit.
Und auch Leo Beenhakker, eine andere niederländische Koryphäe, war durchaus ehrlich, als er einmal auf die Frage eines Reporters nach den Stärken des deutschen Fußballs zurückfragte: „Haben Sie eine halbe Minute Zeit?“ Notfalls wäre es auch noch schneller gegangen – in den anspruchsvollen Augen der Niederländer war unser deutscher Fußball verglichen mit dem der Gullits oder Rijkaards taktisch zeitweise Dritte Welt und hatte ungefähr die Kultur eines Schweinskoteletts.
Auch anno ’74 waren sie schon besser. Einen sagenhaften Sturmwirbel des wegweisenden Angriffsfußballs von übermorgen haben Haan, Krol, Neeskens, van Hanegem und Rensenbrink bei jener WM zelebriert unter dem Zepter von „König Johan“, dem großen Cruyff.
Der Sohn einer Amsterdamer Putzfrau wollte im Finale auch uns Deutsche vollends putzen, vom Anpfiff weg schoben sich die Niederländer den Ball 17-mal zu, ehe Uli Hoeneß genug hatte und Cruyff umhaute. Elfmeter nach 56 Sekunden. 0:1. Sie packten derart die Trickkiste aus, dass Hölzenbein später sagte: „Die wollten uns verarschen.“ Vor Wut stürmte der Frankfurter in ihren Strafraum, suchte ein Bein, und platsch. Den Pass zum entscheidenden 2:1 gab dann Bonhof – der war fünf Jahre vorher noch Niederländer.
Besiegen sie sich selbst? Jedenfalls freuen wir Deutschen uns auf jedes Spiel gegen sie, denn die Niederländer sind ein Genuss: Keine andere Mannschaft auf der Welt pflegt so hinreißend schön gegen uns zu verlieren.
Wie halten sie das auf Dauer aus? Sie versuchen es auf ihre Art. Als Franz Beckenbauer damals den WM-Pokal hochhielt, schauten ihn die Cruyffs und Haans an, als wollten sie sagen: „Euch armseligen Weltmeistern haben wir gezeigt, wie Fußball gespielt wird.“
Wir Deutschen haben, als anständige Sieger, sie dazu neidlos beglückwünscht – und überhaupt finden wir, wann immer wir sie besiegen, die richtigen Worte. Am schönsten gelang es einmal Günter Netzer. „Es gehört zur Tragik des Fußballs“, hat der große Ästhet die Niederländer betrauert, „dass Schönheit nicht immer erfolgreich ist.“
An Trost fehlt es nicht
An Trost fehlt es nicht. Auch Sepp Blatter fand, dass für den Nachbarn jetzt endlich mal ein Titel her muss, also hat der Weltverband Fifa dem Königlich Niederländischen Fußball-Bund den „Medical Centre of Excellence Award“ verliehen, für seine vorzügliche medizinische Abteilung. Doch was tut darauf der FC Bayern?
Heimlich gelästert haben die Münchner, denn gelegentlich ist ihr Teufelskerl Robben, wenn er bei Länderspielen seinen preisgekrönten Mannschaftsärzten in die Finger fällt, hinterher bettlägerig, mindestens aber pflegebedürftig. Von der WM in Südafrika kehrte er mit einem Muskel heim, der ein Loch hatte wie ein Edamer Käse, durch das schon im Ansatz eines Dribblings der Fahrtwind pfiff.
Gott sei Dank ist es nun aber so, dass an guten Tagen sogar wir Deutsche anständige Menschen sind, jedenfalls bessere, als so mancher Niederländer glaubt, sympathisch, charmant, ja bestenfalls sogar vom schlechten Gewissen geplagt – und deshalb hat es unsererseits immer Ansätze zur Versöhnung gegeben.
Koeman ohne Stil
Breitner tauschte schon beim WM-Bankett ’74 mit Rep seine teure DFB-Jacke samt Krawatte, und „Kaiser Franz“ ist mit „König Johan“ derart befreundet, dass die Zwei sogar angeblich im Garten mit dem Ball jonglieren – aber wenn der dem Cruyff dann nach dem 367. Lupfer herunterfällt, jongliert der Franz am nächsten Morgen halt immer noch. Wer will da noch Niederländer sein?
Einmal haben wir sie aus Mitleid gewinnen lassen, bei der EM ’88 in Hamburg. Olaf Thon tauschte danach mit Ronald Koeman das Trikot, worauf der sich symbolisch seinen Hintern damit abgewischt hat. Appetitlich war auch die Fontäne von Frank Rijkaard nicht, der bei der WM ’90 unseren Rudi mit einem Spucknapf verwechselt und Völlers Frisur ruiniert hat.
Zur Strafe haben wir sie auch da besiegt, und am Ende der WM die immer wieder beliebte Frage beantwortet: Warum haben die Kinder der Niederländer Schlappohren? Weil ihre Väter sie an der Grenze an den Ohrlappen hochziehen und sagen: „Guckt mal, da drüben wohnt der Weltmeister.“
Doch der Respekt wächst mit jedem WM-Zweiten, der unseren deutschen Fußball befruchtet. Ohne Mark van Bommel wäre der angewinkelte Ellbogen in der Bundesliga bis heute noch nicht erfunden, und bei Robben kriegen noch die Zuschauer in der zehnten Reihe unvergessliche Schwindelanfälle, wenn er die 100 Meter am rechten Flügel handgestoppt in gefühlten 9,43 Sekunden herunterdribbelt.
Jetzt kupfert „Jogi“ Löw sogar die Dreierabwehr ab, die die Niederländer schon im vorigen Jahrtausend erfunden haben. Was aber für das Spiel am Dienstagabend nichts heißt. Wahrscheinlich werden wir unser Herz wieder an den Fußball der Niederländer verlieren – und die das Spiel, notfalls genügt ein Bein zum Einhaken.
Bernd Hölzenbein vergisst dieses Bein sein Leben lang nicht. Als er einmal pinkeln ging, stand plötzlich Olaf Thon neben ihm, der Niederlande-Bezwinger und Weltmeister von ’90. „Du, Bernd“, sagte Thon und drehte sich hinüber zum anderen Pissoir, „ich glaub, den Elfer kann man geben.“ Aus deutscher Sicht wäre der Fall damit erledigt. Aber sag das den Niederländern! Wir sollten sie vielleicht mal wieder gewinnen lassen, wie ’88. Warum nicht gleich am Dienstag? Es geht ja um nichts.





