Länderspiel

Löw will auch gegen Holland experimentieren

Gegen die Niederlande bestreitet die Nationalelf Dienstag das letzte Länderspiel 2011. Der Bundestrainer will auch gegen den starken Nachbarn einiges ausprobieren.

Foto: picture alliance / Augenklick / / picture alliance / Augenklick //Augenklick / Pressefoto Baumann

Joachim Löw schüttelte den Kopf, wedelte wild mit den Armen: "Seid ihr denn total bescheuert", schrie er Richtung Spielfeld und machte mit entgeistertem Gesicht den doppelten Scheibenwischer. Denn was die deutsche Nationalmannschaft beim 3:3 (1:3) gegen die Ukraine zeigte, ließ ihn phasenweise verzweifeln. Dennoch zog er sein Experiment der Dreierkette trotz der Konfusion 90 Minuten durch. Und der konsequente Tester Löw experimentiert weiter: Am Dienstag in Hamburg (20.45 Uhr) im Prestigeduell mit den Niederlanden plant er eine Rückkehr des alten 4-4-2-System mit den Stürmern Miroslav Klose und Mario Gomez. Im Training am Sonntag neben der HSV-Arena wurde der Doppelsturm erprobt.

Was Löw in Kiew am Freitag über weite Strecken zu sehen bekam, konnte ihm nicht gefallen haben. Aber er entschied sich, sein Personal verteidigen. "Viel Positives" habe er entdeckt, behauptete er. "Ich war total zufrieden mit der Dreierkette", sagte der 51-Jährige, fügte aber hinzu: "Auch wenn ich die Meinung vielleicht exklusiv habe." Er hatte sein Team damit überfordert, die Flexibilität seiner Spieler zu testen. "Wir hatten das nie trainiert und wurden vom Trainer überrascht", sagte Ersatz-Kapitän Mario Gomez.

Mit einer Dreier-Abwehrkette, bestehend aus Jerome Boateng, Holger Badstuber und Mats Hummels vor dem Torwart-Debütanten Ron-Robert Zieler , agierte das Team konfus wie zu den schlimmsten Zeiten unter Jürgen Klinsmann. Vogelwild ging es bisweilen zu. "Die Idee war uns während der Woche gekommen", sagte Löw. Letztmals hatte die Nationalelf unter Rudi Völler vor neun Jahren in diesem System gespielt. Löw kann sich selbst eine solche Überrumplung seiner Spieler leisten, für die sich andere Nationaltrainer, wenn es richtig schief gegangen wäre, wohl einiges hätten anhören müssen.

"Das lag nicht an der Dreierkette. Es wurden ganz andere Fehler gemacht", sagte Löw. Die Schwächen lagen bei den überforderten Außenspielern Christian Träsch und Dennis Aogo. Der Hamburger darf aber gegen die Niederlande wohl erneut ran, da Marcel Schmelzer wegen einer Wadenzerrung nach der Rückkehr aus Kiew die Mannschaft verließ. Dafür stießen Klose, Marco Reus und Manuel Neuer in Hamburg dazu, womit das Aufgebot auf 23 Spieler wuchs.

Der Test gegen den Vize-Weltmeister bekommt einen höheren Stellenwert als der Auftritt beim EM-Gastgeber Ukraine. "Das ist ein ernsthaftes Spiel, mit dem wir ein Zeichen setzen wollen, dass wir jeden schlagen können", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. "In den 80er-Jahren war das Duell ja fast wie Krieg. Bei den Fans, aber auch innerhalb der Mannschaften wurden Feindbilder aufgebaut", erklärte er. "Jetzt ist es ein sportlich interessanter Wettbewerb. Die Rivalität hat abgenommen." Die Spieler der beiden Nationen würden sich aus den Vereinen sehr gut kennen. Dass die Niederländer inzwischen der deutschen Mannschaft für die spielerische Brillanz eine hohe Wertschätzung entgegenbringen, hat Bierhoff registriert. Aber das deutsche Team als "neues Holland" zu bezeichnen, lehnt er ab. "Das wollen wir nicht. Dann wären wir immer nur Zweiter bei Turnieren."

Alle Spieler sind einsatzbereit, auch Klose , der in Kiew wegen Knieproblemen fehlte, und Reus, der wegen einer Grippe abgesagt hatte . Gegen die offensiven Niederländer wird wieder zu viert verteidigt. Per Mertesacker, der sich gefreut haben dürfte, beim Chaos der ersten Halbzeit in Kiew nicht dabei gewesen zu sein, wird wohl ins Team zurückkehren. Dass ein anderes Experiment fehlschlug, ging wegen der teils haarsträubenden Abwehrleistung fast unter. Denn auch der Versuch, die Kreativ-Zentrale mit Mario Götze und Mesut Özil zu besetzen, gelang kaum.

"Özil und Götze waren beide sehr zentral, da blieb für mich nicht mehr viel Platz", sagte Gomez, der häufig versuchte, den Jungstars aus dem Wege zu gehen, da diese sich schon oft genug gegenseitig auf den Füßen standen. "Wir haben uns das natürlich anders vorgestellt. Besonders in der ersten Hälfte haben wir uns ungeschickt verhalten", sagte Götze. Aber auch seine Zauberer verteidigte Löw: "Özil und Götze haben das gut gemacht."

Er wird weiter testen bis zur EM , damit sein Team lernt, auf Ausfälle durch Rote Karten oder Verletzungen sofort taktisch zu reagieren. "Wir wollten für den Notfall proben. Wir wollen variantenreicher werden – und unberechenbar", sagte Löw. Zumindest Letzteres ist in Kiew voll aufgegangen.