Borussia Dortmund

Supertalent Mario Götze ist der Anti-Ballack

Dank Instinkt und Genie gehört Mario Götze zum Luxussegment des Fußballs. Im Vergleich zu Matthäus oder Ballack steht er für einen neuen Star-Typus.

Wenn er vom Training nach Hause fährt, verursacht Mario Götze schon mal einen kleinen Stau. Dann drängen sich die Fans von Borussia Dortmund um sein Auto und wollen ein Autogramm. Götze steigt aus, die Kollegen hinter ihm müssen warten. Sie tun es gern.

Götze, 19, ist eine Ausnahmebegabung, das weiß niemand besser als diejenigen, die täglich mit ihm zusammenspielen. So Borussia Dortmund trotz konjunktureller Probleme zugetraut wird, sich wieder dauerhaft in der deutschen, womöglich gar europäischen Spitze zu etablieren, basieren die Prognosen immer auch auf ihm.

Bodenständig, sympathisch, teamfähig

Auf der anderen Seite ist er kein Typ, der den Messias ständig vor sich hertragen würde. Bodenständig, sympathisch, teamfähig – so wird er in Dortmund beschrieben.

Diese Mischung aus Talent, Perspektive und Persönlichkeit schützt ihn nicht nur vor Kollegenneid, sie macht ihn auch für die Werbeindustrie interessant. Nike hat nun seinen Ausrüstervertrag mit dem neuen Nationalspieler verlängert. Die Kennziffern laut „Bild“: zehn Jahre, 15 Millionen Euro.

Kein fertiger Star

Damit erhielte er pro Jahr mehr von seinem Schuhhersteller als von seinem Verein (eine Million Euro) und stünde bei dem amerikanischen Sportartikelriesen in einer Gehaltsklasse mit einem Weltstar wie Wayne Rooney, dessen aktueller Kontrakt über eine ähnlich hohe Summe dotiert sein soll.

Noch – denn nicht zuletzt wegen einer Offensive von Puma, das soeben für ein kolportiertes Jahressalär von 3,7 Millionen Euro Barcelonas Cesc Fabregas von Nike abgeworben hat, schießen die Schuhverträge der Stars momentan durch die Decke.

Götze allerdings ist ja noch gar kein fertiger Star, er ist ein Teenager. Nicht mal ein Jahr ist es her, dass er überhaupt sein erstes Bundesliga-Spiel absolvierte. Dennoch: zehn Jahre Laufzeit, blindes Vertrauen. Dabei hat man auch schon Teenager gesehen, bei denen die Karriere nicht ganz so groß wurde wie ursprünglich mal gedacht. Zum Beispiel in Dortmund, zum Beispiel bei Nike.

Ende der 90er-Jahre versuchte der Konzern, den BVB-Teenager Lars Ricken zum Gesicht des deutschen Fußballs aufzubauen. Es gab einen TV-Spot, in dem Ricken die Rebellenpose verpasst wurde: „Ich sehe Vereine, die teure Profis kaufen, ohne den Nachwuchs zu fördern, ich sehe Typen in Nadelstreifen, ich sehe Geschäftemacherei ohne Ende.“

Das Filmchen brachte Ricken so manchen Spott der Mannschaft ein – „ich sehe Spieler, die sprechen mehr mit der Presse als mit ihrem eigenen Trainer“, pflegte etwa Jürgen Kohler im Vorbeigehen zu raunen, wenn Ricken am Übungsplatz mit Reportern stand. Bis heute wird es wieder und wieder hervorgekramt, um die Laufbahn des Fußballers Ricken einzuordnen. Große Sprüche, wenig dahinter, lautet dann die Botschaft. Bei Lars Ricken hat das Können mit dem Image nicht ganz mitgehalten.

Wie auch immer seine Nike-Spots aussehen werden, eine ähnliche Gefahr sehen bei Götze die wenigsten. Von Matthias Sammer („Eines der größten Talente, die wir je hatten“) bis Franz Beckenbauer („Er hat die Anlagen von Lionel Messi“) hat die Branche seine Künste bereits ausführlich besungen. Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal und bekannt für sein gutes Auge bei jungen Spielern, soll beim BVB ein 40-Millionen-Euro-Angebot deponiert haben.

Bayern ist interessiert

Uli Hoeneß hat ihn in aller Öffentlichkeit zum FC Bayern eingeladen und beim FC Barcelona attestieren sie ihm das Potenzial, ihr einzigartiges Kreativspiel zu bereichern. Ricken, heute BVB-Jugendkoordinator und als solcher mit Götzes Werdegang bestens vertraut, erklärte: „Wenn ich sehe, was der Junge spielt, muss ich sagen: Da habe ich früher eine andere Sportart betrieben.“

Götze gehört zum Luxussegment des Fußballs, weil sich bei ihm Instinkt und Genie zusammenfinden, weil er Dinge beherrscht, die selbst in der heutigen Zeit generalstabsmäßiger Akademieschulung nicht erlernbar sind. Er spielt auf der im aktuellen Fußball fundamentalen Halbstürmerposition zwischen Mittelfeld und Angriff, wo überragende Einzelkönner wichtiger sind denn je. Denn wo alle Teams immer perfekter organisiert sind, kann nur unvorhersehbare Brillanz das Gleichgewicht brechen.

Barcelona von Messi abhängig

Selbst das Wunderteam des FC Barcelona hängt letztlich zu einem großen Teil an den Füßen von Lionel Messi , der dank eines schier unendlichen fußballerischen Repertoires immer noch die entscheidenden Lücken reißen kann. Je nach Spielsituation betätigt er sich als hängender Mittelstürmer oder vorderster Spielmacher, Ballverteiler oder Dribbler, Assistent oder Torschütze.

Götze, daher der kaiserliche Vergleich, verfügt über einen ähnlichen, praktisch nicht zu verteidigenden Variantenreichtum. Im deutschen Fußball ist das geradezu eine Sensation. Mit 1,76 Meter ist er für hiesige Verhältnisse mindestens so klein wie Messi (1,69 Meter) für südländische. Die Finesse, mit der er spielt, wurde hierzulande jahrzehntelang vermisst.

Özil mit Götze?

Als die Stars Lothar Matthäus oder Michael Ballack hießen und mit Dynamik, Wucht und vorgestreckter Brust glänzten. Oder als zur Anfangszeit von Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski mehr auf die Spitznamen als auf das Spiel geachtet wurde. Jetzt gibt es plötzlich Artisten, mit dem bereits etablierten Mesut Özil und dem neuen Mario Götze – und für Bundestrainer Joachim Löw die dringende Frage, ob er noch vor der EM 2012 sein Positionsdenken opfern soll, um beide zusammen aufs Feld zu schicken.

Das wird natürlich auch davon abhängen, wie unumgänglich sich Götze in den nächsten Wochen und Monaten noch macht. Am Mittwoch in der Champions League gegen Olympique Marseille zeigte er einerseits, wie selbstverständlich er auch die Stürmerrolle beherrscht und sich erstklassige Torchancen erspielen kann.

Andererseits vergab er sie allesamt alleine vor dem gegnerischen Torwart. Gerade im Abschluss trifft er manchmal noch die falsche Entscheidung, und das zeigt auch, wie unangebracht es wäre, wegen der ähnlichen Anlagen auch eine identische Entwicklung wie bei Messi zu prognostizieren. Dessen seit Jahren stabile Torquote von rund einem Treffer pro Spiel war zu Karrierebeginn auch noch nicht abzusehen.

Knabenhafte Unschuld

Was Götze jedoch auf jeden Fall mit dem amtierenden Weltfußballer verbindet, ist eine fast knabenhafte Unschuld. Keine Skandale, keine Allüren, keine dicken Autos, bloß eine unübersehbare Freude am Spiel und die klare Vorstellung, sie nicht zu verlieren. Was soll da schon passieren?

Verletzungen kann es im Fußball immer geben, aber davon abgesehen scheint es kein allzu großes Risiko zu sein, sich auf zehn Jahre an den Professorensohn aus Dortmund zu binden. Und spätestens wenn dann die ersten großen Werbespots gedreht werden, dürfte ihn auch der Markenkollege Cristiano Ronaldo kennenlernen.

Ausgerechnet der Portugiese von Real Madrid, Götzes erklärtes Vorbild, soll nämlich kürzlich auf die Frage nach dem jungen Deutschen geantwortet haben: „Wer ist Götze?“