Kolumne "Nachspielzeit"

Das Ende der bayerischen Überheblichkeit

Was vom 10. Spieltag übrig bleibt: Ein Lahm-Patzer, ein Boateng-Platzverweis und zwei Gegentore für Neuer. Die Konkurrenz kommt dem FC Bayern wieder nah.

Ein wenig war dem FC Bayern in den letzten Tagen die beeindruckende Erfolgsserie mit zwölf Siegen und 32:0 Toren in 13 Spielen zu Kopf gestiegen.

"Es gibt nicht viele, die das können", stellte Toni Kroos verzückt fest, als der Münchner Torschütze auf seine wirklich sehenswerte Aktion beim 1:1 in Neapel angesprochen wurde. Das Eigentor von Holger Badstuber, das zum unnötigen Punktverlust in der Champions League führte, wurde eher vergnüglich aufgenommen - wir, die Bayern, könnten unseren Weltklassetorwart nur selbst überwinden, haha.

Am Wochenende dann erweckte Jupp Heynckes im großen "Bild am Sonntag"-Interview den Eindruck, sich eher um seinen Platz in der Klubhistorie zu sorgen, als um das Auswärtsspiel bei Hannover 96. Kein Wort zum Vorjahresvierten, mit dem sich der Rekordmeister bis zum 33. Spieltag der vergangenen Saison ein enges Duell um den letzten freien Champions-League-Platz lieferte.

Stattdessen lag dem Bayern-Trainer eine andere Botschaft auf dem Herzen. "Wir spielen einen Fußball der nicht alltäglich ist. Ich möchte hier gerne Geschichte schreiben mit der Mannschaft und der Art und Weise, wie wir Fußball spielen."

Nach dem durchaus unglücklichen 1:2 (0:1) in Hannover (Heynckes: "Es lief heute sehr vieles gegen uns"), der zweiten Niederlage der Saison nach dem 0:1 am ersten Spieltag gegen Mönchengladbach, wird sich die Aufmerksamkeit zwangsläufig auf das Tagesgeschäft richten, im vergangenen Monat hat der Tabellenführer nur eines seiner vier Pflichtspiele gewonnen. Der Acht-Punkte-Vorsprung auf Meister und Titelrivale Borussia Dortmund ist in der Bundesliga auf drei Zähler zusammengeschmolzen.

Noch ist die Situation an der Säbener Straße vergleichsweise komfortabel. In der vergangenen Saison war der BVB zum gleichen Zeitpunkt schon um zehn Punkte enteilt. Der FC Bayern versackte auf Platz sieben in der Tabelle. Präsident Uli Hoeneß bezeichnete die unbefriedigende Gesamtsituation als "Super-GAU" und brach in aller Öffentlichkeit im "Sky"-Interview mit Trainer Louis van Gaal. Der daraufhin geschlossene "Friede von Cluj" hielt kein halbes Jahr mehr. Dann war der niederländlische General weg.

Gewisse Unwucht

Auch in van Gaals erfolgreichem ersten Jahr mit dem Double-Gewinn und der Champions-League-Finalteilnahme drohte die Lage im Herbst 2009 zu kippen. In der Liga verloren die Münchner den Anschluss, in der Köngisklasse stand der Klub vor einem peinlichen Vorrunden-Aus. Nur ein Tor von Ivica Olic gegen Maccabi Haifa rettete damals die Spielzeit und den Trainer.

Van Gaals Nachfolger Heynckes erwächst nun vor allem ein Problem. Im Kader des Rekordmeister deutet sich eine gewisse Unwucht an.

Die Lücke zwischen der Stammbesatzung, die 14 Spieler umfasst (Neuer – Boateng, van Buyten (Rafinha), Badstuber, Lahm – Schweinsteiger, Timoschtschuk (Luiz Gustavo) – Müller (Robben), Kroos, Ribery – Gomez), und den wichtigsten Ergänzungsspielern (Alaba, Petersen, Olic) wächst. In der Champions League spielte die Startelf in Neapel bis zur Schlussminute durch, ehe Heynckes noch zweimal tauschte. In Hannover vollzog der Bayern-Trainer erst in den letzten Minuten seinen zweiten und dritten Wechsel, obwohl Jerome Boateng nach 28 Minuten wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit eine umstrittene Rote Karte sah und das strapazierte Bayern-Team eine außergewöhnlich intensive Begegnung gegen aufdringlich aggressive Gastgeber eine Stunde lang zu zehnt durchzustehen hatte.

Heynckes fordert Verstärkungen

Die deutschen Nationalspieler etwa müssen in München stets durchspielen. Zuverlässige Back-up-Lösungen für Kapitän Philipp Lahm, dem in Hannover der zweite spielentscheidende Patzer binnen weniger Tage unterlief, Bastian Schweinsteiger, Torjäger Mario Gomez und Offensiv-Anarchist Thomas Müller (solange Arjen Robben verletzt ausfällt) gibt es nicht.

Auch deshalb forderte Heynckes in der "Bild am Sonntag" für jeden Sommer zwei neue Top-Stars . Der 66-jährige Fußball-Lehrer will mit aller Macht die aussichtsreiche Position, in der sich der FC Bayern im europaweiten Vergleich befindet, ausbauen.

In der Champions League steht zur Halbzeit der Gruppenphase nur Real Madrid mit drei Siegen besser da. Und Manchester City, das in München nach einem starken eigenem Halbstunden-Auftritt beim 0:2 zeitweise vorgeführt wurde, zeigte am Sonntag, zu welchen Taten es in der Lage ist, wenn es nicht gegen den FC Bayern in Bestform geht. In einem epischen Derby demütigte City Manchester United mit einer 1:6-Heimniederlage .