Hannovers Macher

"Wir treten mit einem Golf gegen einen Porsche an"

Vom Abstiegskandidaten zum Europacup-Teilnehmer: Trainer Slomka und Sportdirektor Schmadtke erklären im Interview mit Morgenpost Online den Erfolg von Hannover 96.

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Trainer Mirko Slomka, 44, und Sportdirektor Jörg Schmadtke, 47, sind verantwortliche für den erstaunlichen Aufschwung von Hannover 96. Vor dem Spiel am Sonntag gegen den FC Bayern sprechen beide zusammen erstmals über ihre schwierige Anfangszeit, Imagewerte und die Rolle als Schnäppchenjäger die Liga.

Morgenpost Online: Herr Schmadtke, vor Ihrer Zeit als Sportdirektor waren Sie kurzzeitig für Premiere und das DSF journalistisch tätig. Mit welcher Frage würden Sie die Runde eröffnen?

Jörg Schmadtke: (lächelt) Nee, solche Spielchen mache ich nicht mit. Ich bin Sportdirektor und muss mir keine Fragen ausdenken, sondern welche beantworten.

Morgenpost Online: Okay, dann beginnen wir mal mit einem vorherrschenden Klischee: Hier sitzen zwei der derzeit erfolgreichsten Männer des deutschen Fußballs, die sich anfangs nicht viel zu sagen hatten, dann aber zusammenrauften und nun als Symbol für den furiosen Aufschwung bei Hannover 96 stehen.

Mirko Slomka: Stimmt nicht. Das ist in der Tat ein Klischee. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage von Jörg Schmadtke zu Beginn unserer Zeit bei 96. Der Manager holt einen Trainer, und dieser „bekloppte“ Trainer verliert zum Start sechsmal in Folge. Glauben Sie, dass der Manager dann super begeistert vom Trainer ist? Wohl kaum, weil alle sagen: „Was hast Du da denn für einen Blinden geholt?“. Viel wichtiger ist doch etwas ganz anderes, nämlich dass hier zwei Leute sitzen, die beide den absoluten Erfolg wollen.

Schmadtke: Ich habe nie zum Trainer gesagt, dass er nach Hause gehen kann, wenn er das nächste Spiel verliert. Wir wussten schon bei der Einstellung von Mirko im Frühjahr 2010, dass er vor einer schwierigen Aufgabe steht. Die Frage war nur, wie lange es dauert, bis die Mannschaft seine Vorstellungen umsetzen kann. Öffentlich wurde daraus die Darstellung: „Der Schmadtke findet den Slomka doof und umgekehrt“.

Morgenpost Online: Also ein völlig falsches Bild?

Schmadtke: Ja. Öffentlich wurde uns ein Missverhältnis unterstellt, das es so nicht gab. Und sportlich haben wir dann ja auch die Kurve bekommen und trotz einer schwierigen Ausgangslage noch die Klasse gehalten.

Morgenpost Online: Und nun, nach Platz vier und dem Europapokal-Einzug, haben Sie sich lieb und liegen sich in den Armen?

Schmadtke: (lacht) Ich liege höchstens mal in den Armen meiner Frau. Wobei ich auch sagen muss, dass es eigentlich schade ist, dass man sich in diesem Job nicht richtig fallen lassen kann. Man sagt mir nach, ich könne mich nicht freuen. Das liegt aber daran, dass ich selbst nach einem Sieg in der Planung schon zwei, drei Schritte weiter bin.

Slomka: Für das Ausleben von Euphorie bleibt tatsächlich viel zu wenig Zeit.

Morgenpost Online: Was ist denn im vergangenen Jahr passiert, was sind die Faktoren des Erfolgsmodells 96?

Slomka: Das ist eine komplexe Systematik. Entscheidend war, dass wir geschaut haben, wie genau die einzelnen Qualitäten unserer Spieler ausschauen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir gute Zweikämpfer und eine stabile Mannschaft mit einem starken Teamgeist, Schnelligkeit und extremer Gefahr und hohen Abschlussquoten vor dem gegnerischen Tor haben. Daraus haben wir ein System entworfen, das dann letztlich den Erfolg gebracht hat. Wir gewinnen damit nicht jedes Spiel, aber das Gebilde bleibt immer bestehen: Fitness, Strategie und Teamgeist. Und dann haben wir Verpflichtungen vorgenommen, die perfekt in dieses System passten.

Morgenpost Online: Sind Sie manchmal selbst überrascht, wie schnell die Entwicklung vom Abstiegskandidaten zum Europapokal-Teilnehmer verlaufen ist?

Schmadtke: Das Tempo hat uns schon überrascht, ist aber auch das Ergebnis guter Entscheidungen im Klub. Dass dann am Ende der vorigen Saison Platz vier herausspringt, haben wir nicht erwartet. Aber kneifen mussten wir uns danach auch nicht.

Morgenpost Online: Dabei haben Sie kürzlich gesagt, dass sich 96 in Tabellenregionen etabliert, wo der Klub nicht hingehört…

Schmadtke: …wirtschaftlich nicht hingehört, wohl gemerkt. Und dieser Zusatz ist bedeutend. Wir haben ganz sicher geringere Mittel zur Verfügung als etliche andere Klubs, die 50 Millionen Euro und mehr Umsatz machen als wir. Das ist geradewegs so, als ob man mit einem Golf gegen einen Porsche 911 antritt. Da liegt man vielleicht mal kurz vorn, aber auf Dauer wird’s schwer mitzuhalten. Deswegen betrachten wir es auch als Herausforderung, das Erreichte zu bestätigen. Und der Trend in dieser Saison ist ja nicht ganz so schlecht. Hannover ist wieder sexy geworden, habe ich deshalb neulich auch mal gesagt.

Slomka: Echt? Eine starke Aussage von dir.

Schmadtke: Und berechtigt: Wenn ich mir unsere Zuschauerzahlen und Merchandisingerlöse anschaue, sehe ich einen Klub im Aufbruch. Hannover hat zuvor Jahre lang Bundesliga gespielt, aber das war meist nur ein lokales Ereignis. Nun werden wir bundesweit, ja sogar international wahrgenommen. Das ist auch eine Folge unserer Spielweise: 96 ist sexy und attraktiv.

Morgenpost Online: Auch, weil Sie Talente wie Ron-Robert Zieler, Manuel Schmiedebach oder Lars Stindl im Kader haben, die kaum jemand kannte und nun als künftige Nationalspieler gelten.

Slomka: Diese Spieler sind doch nur bei uns, weil wir sie intensiv beobachtet und für gut befunden haben. Wir gehen ja nicht zu Manchester United und gucken mal, wer da so als vierter Torwart rumtobt. Zieler haben wir lange beobachtet und seinen Werdegang intensiv verfolgt. Und als er auf dem Markt war, haben wir ihn dann geholt. Zusammen mit den anderen jungen Spielern ist er das neue, erfrischende Gesicht von 96.

Morgenpost Online: Wie finden Sie solche vermeintlichen Nonames wie Didier Ya Konan und Mohammed Abdellaoue?

Schmadtke: Wir sind viel unterwegs und schauen uns mit unseren sieben Scouts auf Märkten um, auf denen wir mit unseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Transfers ermöglichen können. Wir sind nicht in der Lage, Spieler aus Spanien oder Italien zu holen. Moa Abdellaoue, der für Valerenga Oslo gespielt hat, etwa wollten wir schon ein halbes Jahr früher holen. Das ging aber nicht. Wir sind dran geblieben und haben zugeschlagen, als wir es konnten.

Morgenpost Online: Hannover 96 ist also ein Art Schnäppchenjäger.

Schmadtke: Das ist nicht wichtig. Ich habe auch die Überzeugung, dass es für mich nicht einfacher wäre, wenn ich 20 Millionen Euro für Transfers zur Verfügung hätte. Die Neuen müssen immer auch in unsere Mannschaft passen.

Morgenpost Online: Inzwischen arbeiten Sie so erfolgreich zusammen, dass selbst Ihr sonst so stimmgewaltiger Präsident Martin Kind still ist.

Slomka: Er bringt sich nach wie vor ein und meldet sich zu Wort, wenn er es für nötig hält. Aber still? (lächelt) Das wird wohl nie passieren – und das ist auch gut so.

Schmadtke: …selbst dann nicht, wenn wir mal Meister werden.