Boxen

Marco Huck ist unpopulär und boxt spektakulär

Kalle Sauerland arbeitet als Box-Promoter im gleichen Metier wie sein Vater Wilfried. Am Samstag kämpft sein Schützling Marco Huck gegen den Argentinier Rogelio Rossi.

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Söhne berühmter Väter haben gemeinhin ein Problem. Den Vater eben. Die meisten hecheln dem Herrn und Meister ein Leben lang hinterher. Vergebens, natürlich, erst recht, wenn sie die gleiche Berufswahl getroffen haben. Bis der Fehler erkannt ist, kommen sie aus der Geschichte nicht mehr raus. Sie bleiben Sohn. Nichts als Sohn, oft ein bitteres Leben lang.

Das hier klingt anders: „Ich bin stolz, solch einen Vater zu haben.“ Der da spricht, heißt Sauerland, Kalle Sauerland (34). Der Vater ist als Box-Manager bekannt, beliebt und respektiert, in Deutschland, in Europa und auf der ganzen Welt. Wilfried Sauerland (71) hat den Profiboxsport hier erst auf die Beine gestellt, vor 20 Jahren schon, „da wusste in Amerika noch keiner, dass in Deutschland überhaupt geboxt wird,“ sagt der Sohn. Der Vater brachte den Amis seine Boxer höchstpersönlich ins Land und was noch mehr zählt: ins Fernsehen. Sauerland Events heißt seine Firma, die in den USA bisweilen auch Kollegen wie Don King fürchten. Schon wegen der unbequemen Erkenntnis, dass sich im internationalen Boxsport auch seriös etwas bewegen lässt.

Keinen Vater-Komplex

Kalle Sauerland hat also weder ein Problem noch einen Komplex wegen des Vaters, der im Boxen schon als Legende gilt. Und doch möchte er Wert darauf legen, dass beide zwar mittlerweile im gleichen Metier, wohl aber in grundverschiedenen Jobs unterwegs sind. Der Vater managt Boxer, der Sohn ist Promotor. Und erklärt weiter: „Der Job des Promoters ist die Kunst, die Interessen des Fernsehens, der Boxer und der Zuschauer unter einen Hut zu kriegen. Die Beantwortung der Frage: Was ist überhaupt machbar für sie alle?“

Fürwahr eine Kunst, zumal in einem Metier, das Probleme bisweilen ganz anders löst als mit gutem Zureden. Sauerlands Selbstverständnis: „Wünschen können sich bei mir viele alles, die Realisierung ist dann mein Job, meine Vision.“ Dabei ist er zum Fan geworden, zum Anhänger des Boxens. „Es steht bei mir bei jedem Geschäft der Sport im Vordergrund. Wie bei meinem Vater.“ Dass sie oft gemeinsame Sache machen, bietet sich geradezu an, so trugen rund 150 WM-Kämpfe gleich zweimal schon die Unterschrift „Sauerland“.

Hucks Defizite in Sachen Popularität

Fragen Sie jemanden auf der Straße nach einem deutschen Box-Weltmeister, sie werden nicht viel zu hören kriegen, schon gar nichts Richtiges. Die Leute sind hierzulande deutschtümelnde Ostmenschen gewöhnt, die Gebrüder Klitschko, den Bruder Sturm, es werden sogar neue, deutschklingende Namen angenommen, weil sich in Deutschland das Boxen eben am besten verkaufen lässt, auch wenn sie aus der Ukraine oder Polen stammen. Das ist bei Marco Huck nicht grundlegend anders, doch hat noch gewisse Defizite in Sachen Popularität, dabei boxt er teils spektakulär. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit erst seit 2009, geflohen mit der Familie 1993 aus Ex-Jugoslawien, aufgewachsen in Bielefeld-Brakwede, heute lebt er in Berlin.

Sauerland bringt Huck am Samstag in der Arena Ludwigsburg gegen Rogelio Rossi an den Start, der Argentinier gilt ein starker Herausforderer. Denn Huck ist der WBO-Weltmeister im Cruisergewicht, 33 Profikämpfe, 32 Siege, 24 durch K.o., eine Niederlage. Die ist auch schon vier Jahre her, gegen den Amerikaner Steve Cunningham, und wirklich schadhaft für seine Karriere sei sie nicht gewesen, sagt Sauerland, eher im Gegenteil „Er ist dadurch reifer geworden, bringt seine brutale Explosionskraft nicht gleich beim ersten Gong an den Mann.“ Heute kann er warten, warten auf die große Chance.

Sauerland der Jüngere hat wieder die passenden Rahmenbedingungen geschaffen, die Halle in Ludwigsburg wird am Samstag mit 5000 Zuschauern wohl ausverkauft sein, die Fernsehverträge mit ARD und Showtime sind unter Dach und Fach und wasserdicht, Fernsehrechte sind seine Spezialität. Sein Akzent ist nicht zu überhören, Sauerland junior, geboren in Wuppertal, hat die längste Zeit in London gelebt, bis vor vier Jahren, war Geschäftsführer der Kentaro-Group, die in erster Linie im internationalen Fußball mit Fernsehrechten dealte, die brasilianische Nationalmannschaft zu den Stammkunden zählte.

Da hat der junge Sauerland so ziemlich alles über die Befindlichkeiten der Fernsehsender gelernt, eine Erfahrung, von der er heute noch und immer wieder profitiert. Kalle übrigens nicht wie Karl-Heinz, Kalle, wie Kalle Blomqvist, die Mutter ist Schwedin, der Vater zwar Deutscher im Pass, lebt aber mittlerweile einen großen Teil des Jahres in Südafrika, ansonsten gern auch in der Schweiz oder auf Mallorca, immer dem Wetter hinterher, dorthin, wo es warm ist. „Ein Sonnenmensch“, sagt der Sohn, durchaus ein bisschen neidisch, er hat sich vor vier Jahren erst mit Frau und zwei Kindern in Hamburg niedergelassen. Wo das Wetter denn nun schlechter sei, in London oder in der Hansestadt, er weiß es auch nicht so genau, er findet das eine wie das andere der Rede nicht wert.

Und wenn Kalle Sauerland nach und nach dem Fußball abschwört, dem Boxen zuliebe, dann, „weil ich meinem Herzen folge“, sagt er. Er liebt die Kämpfe, wenn sie eng sind und die Boxer mutig, mag solche wie Marco Huck und Arthur Abraham, die er genauso im Erfolg wie in der Niederlage begleitet, „jedes Ergebnis ist für etwas gut“. Schön auch, gewollt oder nicht, seine Formulierung, er liebe es, dabei zuzusehen, wenn sein Boxer dem anderen „die Luft raus nimmt und ihn nur noch zum Körper macht“. Dann ist Boxen großartig. Und dann ist er Wilfried Sauerland doppelt dankbar, dass er ihm diesen Weg gewiesen hat. Nein, das Problem mancher Söhne berühmter Väter teilt er auf gar keinen Fall. „Mein Vater ist mein bester Freund.“