Bundesliga-Aufsteiger

Augsburg hat den ungewöhnlichsten Chef der Liga

Walther Seinsch gründete den Textildiscounter Takko, nun führt er den FC Augsburg. Er leidet an Depressionen, gilt als Sozialromantiker und knallharter Unternehmer.

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Die Kleiderfrage stellte sich für Walther Seinsch, 69, nicht. „Wir sind hier im Trainingslager “, sagt er und lächelt. Seinsch ist ein drahtiger Mann mit federndem Schritt. Was liegt also näher, als im Trainingsanzug den Tag zu bestreiten, so wie der Rest der Belegschaft auch: seine Spieler, sein Manager, der Betreuerstab.

Im blauen Dress des FC Augsburg sieht er, der Präsident, so aus wie sie. Es mag nur ein kleiner Aspekt sein, aber er sagt viel über den Menschen Walther Seinsch und das, was ihn antreibt, aus.

„Seinsch ist der Vater des Erfolgs“, sagt Augsburgs Manager Andreas Rettig. Die beiden haben den Verein zum ersten Mal in dessen Geschichte in die Bundesliga geführt. Vor allem aber ist Seinsch die wohl ungewöhnlichste Führungspersönlichkeit der Liga, seine Vita vereint höchst unterschiedliche Facetten.

"Präsident zum Anfassen“

Als „knallharter Unternehmer“, „Sozialromantiker“, „Visionär“, „Präsident zum Anfassen“ oder „Dietmar Hopp von Augsburg“ wurde er betitelt. Mit manchen Bezeichnungen kann Seinsch etwas anfangen, andere lehnt er ab. Es mag ein wenig Koketterie dabei sein, wenn er auf die Feststellung, dass er in keine Schublade passe, antwortet: „Warum, was finden Sie daran denn so ungewöhnlich?“

Als der Aufstieg geschafft war, am vorletzten Spieltag nach einem 2:1 gegen Frankfurt , fuhr Seinsch ins Stadion. Er eilte nicht auf die Tribüne, in die Logen oder wo auch immer man einen Präsidenten vermuten würde. Seinsch feierte in der Kurve, mit den Fans, so wie er es auch handhabte, bevor ihm die Ärzte rieten, auf Stadionbesuche zu verzichten.

„Bei den Fans ist es schön“, sagt Seinsch, „wir singen, man wird mit Bier und Zigaretten versorgt. Und es sind vor allem Freundschaften entstanden.“

Vor elf Jahren stieg Seinsch in Augsburg ein. Dass sein Engagement ausgerechnet den FCA traf, war mehr eine Fügung des Schicksals als Kalkül. Mit 57 Jahren hatte er sich zur Ruhe gesetzt und ein Haus am Bodensee gekauft. Er wollte mehr Zeit haben für seine neun Kinder, sechs davon sind adoptiert.

„Sie sind das Schönste, was wir im Leben gemacht haben“, sagt Seinsch. Er wollte lesen und auf die Berge schauen. „Das hat aber nur zwei Wochen funktioniert, dann habe ich damit begonnen, meiner Frau jeden Tag in den Kochtopf zu gucken, ob sie auch alle Zutaten nutzt. Und dann kam jemand vom FCA und hat gefragt, ob ich nicht mitarbeiten will. Das hat meine Ehe gerettet.“ Er lacht. Seinsch kommt aus dem Rheinland und hat jene gewisse Leichtigkeit im Ton, wenn er plaudert.

Tatsächlich ging es natürlich nicht um seine Ehe, sondern um seine große Leidenschaft. Fußball, sagt er, hat sein Leben geformt. Seinsch ist Jahrgang 1941, er gehört zu der Generation, die noch aus Nähgarn und Stoff selbst Bälle konstruierten.

Mit 14 Jahren machte er eine Lehre beim Kaufhof-Konzern und hatte bereits mehrere Nebenjobs. Das „sehr problematische Verhältnis zu meinem Vater“, einem Nazi, trieb ihn an, so schnell wie möglich finanziell autark zu sein. „Außerdem war ich nicht so attraktiv und musste als Erster Moped fahren, damit ich eine Freundin bekam“, sagt er und schmunzelt.

Später arbeitete er sich zum Manager hoch, machte sich selbstständig, hangelte sich nur knapp an der Pleite entlang, ehe sich Gewinne einstellten. Er gründete den Textildiscounter Takko, beteiligte sich an Kik. In den 90er-Jahre verkaufte er seine Anteile.

Was ihn immer begleitete, war der Fußball: „Immer dort, wo ich wohnte, habe ich Fußball geschaut.“ In Augsburg wurde er anfangs nicht nur mit Euphorie empfangen. „Messias oder Wolf im Schafspelz?“, fragte die Lokalpresse. Sie wussten nicht, was sie von ihm halten sollten. Von ihm und der Investorengruppe, deren Kapital er als Treuhändler verwaltet. Von ihm, der schon zu Viertligazeiten von Profifußball und einem bundesligatauglichen Stadion sprach.

Ehrenkodex unterschrieben

Seit zwei Jahren spielt Augsburg in der neuen Arena. „Im Endeffekt ist alles so eingetreten, wie er es vorhergesagt hat“, sagt Markus Krapf, der ehemalige Geschäftsführer. Als Seinsch kam, war der Klub insolvent, er hatte sich für die Regionalliga qualifiziert, durfte aber nicht spielen.

Seinschs erste Amtshandlung führte ihn zu den Gläubigern, 90 Prozent von ihnen erließen die Forderungen. Wenn er hört, dass er mit Dietmar Hopp, dem Mäzen von Hoffenheim, verglichen wird, nennt er das „absurd“. „Da fehlen mir bestimmt drei oder vier Nullen“, sagt er mit Blick auf das Privatkonto.

Außerdem sei das Konstrukt ein anderes: „Wir haben einen Vertrag. Wenn der FCA oben bleibt und Gewinne macht, bekommen wir unsere Investitionen zurück plus Zinsen.“ Ein vorrangiges Ziel ist das aber nicht.

Es ist die soziale Komponente des Fußballs, die ihn beschäftigt, die These von den kompensatorischen Funktionen der Sportvereine. Seinen Fanbeauftragten hat er in den Aufsichtsrat gehievt. Alle Angestellten, auch er, haben einen Ehrenkodex unterschrieben, der respektvollen Umgang garantiert.

All das mag jene verwundern, die Seinsch mit seinen einstigen Unternehmen in Verbindung bringen, mit Kik und Takko, die für Lohndumping und Arbeitnehmerfeindlichkeit stehen. Die Entwicklung dort findet Seinsch bedenklich. Er hat andere Werte.

Über seine Pläne beim FC Augsburg etwa tätigt er eine bemerkenswerte Aussage: „Mein wichtigstes Ziel ist die uneingeschränkte Solidarität aller Mitglieder, Fans und Zuschauer.“ Im Stadionheft hat er in der vergangenen Saison von einem Traum geschrieben .

Augsburg spielt Europacup, liegt zur Pause 0:3 zurück. Die Fans feuern die Mannschaft dennoch bedingungslos an. Am Ende gewinnt Augsburg noch 4:3. Die Anleihe ans Champions-League-Finale 2005 ist gewollt, damals schaffte Liverpool gegen den AC Mailand diese Sensation.

Seinsch sagt, er wollte zeigen, dass es auch so geht. Ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, ist eines seiner stärksten Anliegen. „Wo gibt es das in unserer Gesellschaft noch?“ Auf der anderen Seite aber sagt er: „Wir sind Kommerz.

Luhukay ist der Richtige

Es hat keinen Zweck, irgendwelchen romantischen Ideen hinterherzulaufen.“ Aber er will, dass Werte wie Vertrauen nicht außen vor bleiben. Seine beiden wichtigsten Angestellten, Manager Andreas Rettig und Trainer Jos Luhukay, hat er lediglich mit handschriftlichen Verträgen ausgestattet, die nicht mal eine Seite füllen.

Seinsch weiß um die Schnelllebigkeit der Branche. Auch in Augsburg hat er schon einige Trainer geschasst. „Jetzt haben wir den Richtigen“, sagt er. Und wenn Luhukay zehn Spiele in Folge verliert? „Luhukay kann 34 Spiele verlieren, und wir werden ihn nicht entlassen.“

Augsburg geht mit dem kleinsten Etat der Liga in die kommende Saison. Die Investorengruppe als Geldgeber, inklusive Seinsch, hat sich wie angekündigt in diesem Sommer zurückgezogen.

Die weit akutere Frage aber war lange, ob Seinsch als Vorstandsboss dem Klub erhalten bleibt? Es ist eine Frage mit sehr ernstem Hintergrund. Seinsch leidet an Depressionen. Ende 2009 hat er dies öffentlich gemacht. Seine Krankheit war der Grund, warum er seit einem Jahr kein Spiel der Augsburger mehr live sah.

Es waren die klassischen Burnout-Symptome, die sich anfangs zeigten, hervorgerufen von jahrzehntelanger, manischer Arbeit und Erlebnissen aus der Kindheit. „Vor drei Jahren habe ich noch gesagt: ‚Burnout, was ist das für ein Modescheiß.‘“ Dann nahm sich Seinsch die notwendige Auszeit.

Seine Situation hat sich mittlerweile gebessert. „Ich habe mich entschieden, weiterzumachen“, sagt Seinsch. Er werde auch wieder ins Stadion gehen, „ich will es auf jeden Fall versuchen.“

Dann erzählt er von einem Traum, den er hatte: Letzter Spieltag, Augsburg liegt vier Punkte vor einem Abstiegsrang. „Und ich werde in der 89. Minute eingewechselt. Das wär’s doch“, sagt Seinsch. Er lächelt, er weiß, wie die Reaktionen darauf sein werden: „Jetzt werden wieder alle sagen, der spinnt.“?