Walter Seinsch (69) ist der wohl ungewöhnlichste Präsident im Profifußball. Seine Vita vereint verschiedenste Facetten. Er, der Augsburg zum ersten Mal in die Bundesliga führte, gilt einerseits als Visionär und knallharter Unternehmer, der einst den Textildiscountern Takko und kik vorstand. Andererseits ist er einer, der lieber in der Fankurve als auf der VIP-Tribüne feiert und als Sozialromantiker betitelt wird. Seinsch ist Vater von neun Kindern, sechs davon haben er und seine Frau adoptiert. „Das ist das Schönste, was wir im Leben gemacht haben“, sagt er.
Morgenpost Online: Herr Seinsch, geben Sie mir Recht, wenn ich sage, als Fußballpräsident passen Sie in keine Schublade.
Walther Seinsch: Warum, was finden Sie denn so ungewöhnlich?
Morgenpost Online: Nun, dass ein Präsident lieber in der Kurve mit den Fans feiert als sich auf der Vip-Tribüne zu präsentieren, kommt nicht so oft vor. Nach dem Aufstieg sind Sie gar auf den Zaun geklettert.
Seinsch: Man darf das nicht überbewerten, das war doch emotional. Ich bin eben einfach Fußballfan. Das war ich schon immer. Schon nach dem Krieg habe ich zusammen mit meiner Mutter aus Stoff und Nähgarn einen Ball konstruiert. Fußball hat mein ganzes Leben geformt und begleitet. Bei den Fans ist es schön. Wir singen, man wird mit Bier und Zigaretten versorgt. Und es sind vor allem Freundschaften entstanden – auch übrigens mit sogenannten VIP‘s.
Morgenpost Online: Zum Anfang wurde Ihre Fannähe aber auch mit viel Argwohn bedacht, ein Präsident, der sich direkt in die Kurve stellt, der sich als einer der Fans fühlt. Hatten Sie keine Berührungsängste?
Seinsch: Nein, überhaupt nicht. Das dauerte fünf Sekunden. Ich erzähle Ihnen mal ein Beispiel aus unserer Zweitligazeit. Wir waren in Paderborn, wir haben ein grottenschlechtes Spiel gemacht, wahrscheinlich das schlechteste Spiel, das wir je gemacht haben. Wir waren deprimiert, sind in den Zug eingestiegen. Eine halbe Stunde hat keiner ein Wort gesagt, dann sind wir in die Zugkneipe gegangen, um ein Bier zu trinken. Die Fans sind mitgekommen. Und wir haben gemeinsam angefangen zu singen. Vier Stunden bis Augsburg, zwar schlecht, aber leidenschaftlich. Solche Erlebnisse gehören zu den schönsten meines Lebens. Diese Zusammengehörigkeitsgefühl, ich kann es kaum beschreiben. Das war wunderbar. Das sagen die Fans auch. Und uns alten Säcken hätten sie das gar nicht zugetraut.
Morgenpost Online: Ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, scheint für Sie ein großer Antrieb zu sein. Über Ihre Ziele beim FC Augsburg sagten Sie: „Mein wichtigstes Ziel ist die uneingeschränkte Solidarität aller Mitglieder, Fans und Zuschauer. Solidarität zeigt sich vor allem, wenn wir unsere Ziele nicht verwirklichen.“
Seinsch: Aber so ist es doch. Nur mit jemanden solidarisch zu sein, wenn der erfolgreich ist, dass kann man doch vergessen. Das ist keine Solidarität, das ist zu preiswert. Solidarität ist eine der sozialen Funktionen des Fußballs. Ich bin doch zu einem Freund vor allem dann solidarisch, wenn er in der Scheiße sitzt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe einst bei den alten Herren gespielt. Einer meiner Kameraden hat mit einer Spielzeugpistole eine Bank überfallen und wollte Geld erpressen. Es stellte sich heraus, dass er spielsüchtig ist. Er ist verhaftet worden. Die ganze Mannschaft – außer mir - hat ab dem Tag kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Das war für mich ein schlimmes Beispiel von mangelnder Solidarität. Mit einer solidarischen Haltung will ich das Getane ja nicht entschuldigen. Aber das war doch erst der Punkt, wo er uns gebraucht hätte.
Morgenpost Online: Das wollen Sie auch auf den professionellen Fußball anwenden?
Seinsch: Ja, so sollte das in einem Fußballverein sein. Die Solidarität zeigt sich dann, wenn wir absteigen, wenn der Vorstand mal einen Fehler macht, wenn wir einen Trainer entlassen müssen. Das ist doch Solidarität.
Morgenpost Online: Wie weit reicht denn Ihre Solidarität mit dem Trainer?
Seinsch: An erster Stelle steht der Verein, der Trainer ist Angestellter des Vereins. Da darf man diesen Solidaritätsgedanken nicht anwenden. Wenn der Vorstand erkennt, er erfüllt seine Aufgabe nicht so, wie es sein muss, dann kann das ein Grund für eine Entlassung sein. Aber nicht, wenn ich den Eindruck habe, er macht einen guten Job, und wir steigen trotzdem ab.
Morgenpost Online: Nehmen wir an, der FCA verliert die ersten zehn Spiele. Wäre es das dann für Jos Luhukay?
Seinsch: Luhukay kann 34 Spiele verlieren, und wir werden ihn nicht entlassen. Aber nicht aus Solidarität, sondern weil er kompetent ist. Wir hatten ja vor ihm relativ viele Trainer und vor Andreas Rettig relativ viele Manager. Ich habe solange harte Entscheidungen getroffen, bis ich die Richtigen gefunden habe. Und das habe ich jetzt.
Morgenpost Online: Beide haben Sie lediglich mit handschriftlichen Verträgen ausgestattet.
Seinsch: Ja, und die Verträge füllen keine Seite, die sind sehr formlos.
Morgenpost Online: Das ist ungewöhnlich im Profifußball, wie kommt das?
Seinsch: Für mich ist das eine Sache des Vertrauens. Wir haben uns kennengelernt und haben nicht lange gebraucht um festzustellen, dass wir uns gegenseitig vertrauen können. Das ist in diesem Business nicht generell Usus, das stimmt.
Morgenpost Online: Sie gelten als einer der Visionäre der Branche. Als Sie Augsburg übernahmen, spielte der Verein Amateurfußball. Schon damals sprachen Sie von einem neuen Stadion. Und es gibt Aussagen von Ihnen aus dem Jahr 2005, da prophezeien Sie den Bundesliga-Aufstieg 2011.
Seinsch: Aber das war ein Scherz, das kann man doch nicht. Natürlich war das unser Ziel. Aber ich habe auch mal bei einer Talkshow gesagt, 2010 schaffen wir das, einfach nur, um was zu sagen. Man kann das nicht planen. Zumindest bei unseren finanziellen Voraussetzungen nicht.
Morgenpost Online: Sie können doch nicht abstreiten, dass Sie in Augsburg angefangen haben mit dem Ziel, sich ganz oben zu etablieren.
Seinsch: Jeder Verein in der Größe von Augsburg will mal in die erste Bundesliga. Wir haben in Deutschland 200 Vereine, die in die erste Bundesliga wollen. Ob das nun Rostock oder Darmstadt oder Mannheim ist. Die wollen alle in die erste Liga. Ich habe das alles ein bisschen auf den Kopf gestellt. Ich habe gesagt, dort, wo ein Bundesligareifes Stadion ist, wird man auch früher oder später in der ersten Bundesliga spielen. Weil das moderne Stadion dazu führt, dass viele Menschen kommen. Weil die Atmosphäre wunderbar ist. Das enge Stadion, das macht Spaß und es generiert Einnahmen über die Sponsoren. Ich habe gesagt, die Voraussetzung ist in erster Linie ein Stadion. Es gibt ja andere Vereine, die daran gescheitert sind. Ulm ist in die erste Liga aufgestiegen und wieder verschwunden, weil die ein Stadion hatten, was dazu nicht taugte. So war die These, es war eine nüchterne wirtschaftliche Überlegung.
Morgenpost Online: Der Verein war insolvent, als Sie ihn übernahmen. Aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten können Sie doch nicht eingestiegen sein?
Seinsch: Nein, ich wollte die Scheidung von meiner Frau verhindern. Ich hatte mich schon relativ früh, mit 57, zur Ruhe gesetzt. Ich hatte mir ein Haus in Lindau gekauft und wollte nur noch lesen und auf die Berge schauen. Das hat aber nur zwei Wochen funktioniert, dann habe ich damit begonnen, meiner Frau jeden Tag in den Kochtopf zu gucken, ob sie auch alle Zutaten nutzt. Und dann kam jemand vom FCA und hat gefragt, ob ich nicht mitarbeiten will. Das war eine glückliche Fügung und hat meine Ehe gerettet. (lacht)
Morgenpost Online: Sie hatten es zuvor auch auf Schalke und in Reutlingen probiert. Dort hat man Ihnen den Stadionneubau verwehrt. Dann wurde es Augsburg. Waren Sie auch mal wirklich Fan von einem Verein?
Seinsch: Ich war immer Fußballfan, ich habe lange im Rheinland gewohnt. Ich war Köln-Fan in ganz alten Zeiten. Beruflich bedingt bin ich oft umgezogen und habe dann immer dort, wo ich gewohnt habe, Fußball geschaut. In Dortmund zum Beispiel. Und zu Schalke hatte ich auch immer eine Beziehung.
Morgenpost Online: Und dann fiel es Ihnen nicht schwer, Begeisterung für Augsburg zu entwickeln?
Seinsch: Nein, weil ich Begeisterung für den Fußball habe. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, etwas zu bewegen.
Morgenpost Online: Fußball hat für Sie immer auch eine sozialpolitische Dimension?
Seinsch: Ja, ich finde, dass die soziale und politische Kompetenz von Sport generell und von Fußball in besonderem zu wenig beachtet wird. Nehmen wir Augsburg. Wo ist es möglich, dass Menschen zusammen kommen, dass Tausende zusammen singen, zusammen lachen, Freude haben, zusammen zittern. Wo ist das in unserer Gesellschaft noch? Parteien sind ausgezehrt, die Kirchen sind leer. Der ADAC hat zwölf Mal so viele Mitglieder wie alle politischen Parteien zusammen. Das ist zu bedauern, das ist ein Problem, aber der Sport und insbesondere der Fußball kann das ein bisschen kompensieren.
Morgenpost Online: Also stimmt die These von Fußball als Ersatzreligion?
Seinsch: Sagen Sie mir eine Alternative, wo so etwas noch stattfindet wie beim Fußball. Ich glaube, die Menschen brauchen etwas, mit dem sie sich identifizieren können, woran sie glauben können. Insofern erfüllt der Fußball eine wichtige Funktion. Ein bisschen Ersatzreligion ist es deshalb schon. Es gibt Menschen, die ihr Geld sparen, um sich eine Dauerkarte zu kaufen. Die alles, was sie übrig haben, in den Besuch im Fußballstadion investieren. Der einzige Lebensinhalt ist für viele Menschen Fußball.
Morgenpost Online: Eine bedenkliche Entwicklung.
Seinsch: Ja, aber die Frage ist, liegt das am Fußball oder liegt das an den Alternativen? Ich finde es schlimm oder auch schade, dass die jüngere Generation der Politik so entfremdet ist. Ich beziehe meine Kinder mit ein. Ich habe neun Kinder und versuche sie zu motivieren. Ich sag immer scherzhaft, wenn es sein muss, geht auch in die Junge Union. Ich selbst bin bei den Jusos groß geworden. Aber das meine ich ernst. Wir lassen die Politiker im Stich. Wir meckern über sie, das ist einfach. Ich habe in den letzten 20 Jahren von niemandem ein gutes Wort über einen Politiker gehört. Die Medien sind, um es freundlich zu formulieren, sehr kritisch mit der Politik. Aber wenn das alle so schlecht finden, dann sollen sie in eine Partei gehen und das ändern. Das ist doch der einzige Weg in unserer Demokratie.
Morgenpost Online: Ist das auch der Grund, warum Sie einst gar einen Geschäftsführer aus den Fans rekrutierten und der FCA einen Fanvertreter im Aufsichtsrat hat?
Seinsch: Ja, das war eine vernünftige und pragmatische Idee, die Fans in die Entscheidungsgremien einzubinden. Wir haben keine Geheimnisse, wir binden sie in die Entscheidungen ein, die Entscheidungen werden so auch mitgetragen. Wobei die Bereitschaft nicht von allen da ist, sich einbinden zu lassen. Es gibt eine gewisse Fanszene, die sagt, das ist gefährlich. Dann können wir nicht mehr unser eigenes Spiel spielen.
Morgenpost Online: Können Sie mit dem Begriff Sozialromantiker etwas anfangen?
Seinsch: Wollen Sie damit sagen, dass ich einer bin?
Morgenpost Online: Zumindest werden Sie als einer beschrieben. Bei Augsburg unterschreiben alle Angestellten einen Ehrenkodex, der den respektvollen Umgang miteinander garantiert. Sie haben einst Takko und kik aufgebaut, finden das mittlerweile dort herrschende Lohndumping bedenklich. Es heißt, Sie sind einer aus der alten bundesdeutschen Unternehmergarde, für den es wichtig ist, dass es den Angestellten gut geht. Ist es nicht so?
Seinsch: Ich weiß nicht, ob ich mir diese Lorbeeren anheften darf. Ich gehöre sicherlich nicht zu denjenigen, denen alles egal ist und die nur die Dollarzeichen in den Augen haben. Aber ich bin jetzt auch nicht der Unternehmer der Wohltäter. Wenn man ein Unternehmen gründet und aufbaut, ist das ganz hart. Da müssen sie auch schon daran denken, dass das Unternehmen Gewinn machen muss. Da kann man nicht mit einem finanziellen Füllhorn rumlaufen. Ich würde mich in der Mitte ansiedeln.
Morgenpost Online: Wie wichtig ist Kommerz im Fußball?
Seinsch: Im Profifußball ist das Bedingung. Wir sind Kommerz. Es hat keinen Zweck, irgendwelchen romantischen Ideen hinterherzulaufen. Das ist ja so eine Modekritik, zu viel Kommerz im Fußball. Da sage ich ganz trocken, dann müsst ihr zum Amateurverein gehen. In Augsburg haben wir zehn Amateurvereine. Dort herrscht kein Kommerz.
Morgenpost Online: Auf der anderen Seite stammt von Ihnen die Idee mit der Sozialkasse für Hartz-4-Empfänger.
Seinsch: Ich habe den Fans das vorgeschlagen. 90 Prozent der Fans sind lieb und nett und positiv. Aber es gibt auch immer politisch exponierte Fans, die wollen etwas bewirken. Ich habe versucht, deren Energie in eine bestimmt Richtung zu lenken. Anlass war, in Mönchengladbach gab es mal einen Fan, diesen Manolo, den mit der Trommel. Er ist im Krankenhaus gewesen, ihm ging es sehr schlecht. Danach, so las man, hatte er nicht mal mehr genug Geld, um die Eintrittskarte zu bezahlen. Da habe ich gesagt, wie ist es eigentlich bei Euch, wenn einer arbeitslos wird, kein Geld hat oder überschuldet ist? Kann er dann noch ins Stadion, kümmert ihr Euch darum? Das war der Ansatz. Wenn jeder von Euch einen Euro im Monat zahlt und der FCA tut auch was dazu, dann machen wir so eine Kasse. Da sind sie aber nicht darauf angesprungen. Aber wir arbeiten daran. Ich lasse da nicht locker.
Morgenpost Online: Eine andere Betitelung für Sie ist „Dietmar Hopp von Augsburg“. Weil Sie und die Investorengruppe Millionen in den Verein gepumpt haben.
Seinsch: Der Vergleich mit Dietmar Hopp ist absurd, wirklich absurd. Was die Nullen betrifft. Da fehlen mir bestimmt drei oder vier Nullen. Dietmar Hopp ist ein wahnsinnig verdienstvoller Mann, den ich sehr schätze. Weil er gerade das nicht gemacht hat, was man ihm nachsagt. Er hat zuerst die Jugend und ein entsprechendes Leistungszentrum aufgebaut. Er stiftet Geld für arme Kinder. Er ist ein wunderbarer Mann, der zu Unrecht kritisiert wird. Aber mich mit ihm zu vergleichen, ist auch deshalb absurd, weil der FCA anders konstruiert ist.
Morgenpost Online: Wie denn?
Seinsch: Als ich den FCA 2000 übernommen habe, war der Klub praktisch insolvent. Er hatte sich für die Regionalliga qualifiziert, aber durfte nicht spielen. Zunächst mal bin ich nur umhergewandert und habe die Gläubiger gebeten, auf ihre Forderungen zu verzichten. Wir haben dann kein formelles Insolvenzverfahren eingeleitet, sondern ich habe erreicht, dass 90 Prozent der Forderungen erlassen wurden. Das dann erforderliche Kapital ist von sieben Personen, der sogenannten Investorengruppe, einbezahlt worden. Ich verwalte das Kapital als Treuhändler. Und wir haben einen Vertrag, wir können auch Gewinn machen mit dem Modell. Wenn der FCA weiter oben bleibt und Gewinne macht, bekommen wir unsere Investitionen zurück plus Zinsen. So ist das vereinbart.
Morgenpost Online: Glauben Sie daran, dass das eintreffen wird?
Seinsch: Das ist nicht die erste Hoffnung, die wir damit verbunden haben. Das Engagement war finanziell mit einem Risiko behaftet, aber wir wollten uns einbringen. Es ist nicht nur alles hergeschenkt.
Morgenpost Online: Ihr Geschäftsführer Andreas Rettig meinte vor einem Jahr: Wenn es die FCA-Aktie geben würde, würde er empfehlen, sie sofort zu zeichnen, sie hätte unglaubliches Zukunftspotenzial. Sehen Sie das auch so?
Seinsch: Ich würde sie noch nicht zeichnen. Wir bewegen uns schon noch auf dünnem Eis. Wir haben zwar keine Schulden, aber wir haben finanziell eine Herkulesaufgabe vor uns. Wir müssen versuchen, die erste Liga zu halten, mit relativ bescheidenen Mitteln, den bescheidensten in der gesamten Liga. Was aber möglich ist. Das ist das eine Problem, was wir zu lösen haben. Das andere ist, wir müssen weiter in die Jugend investieren. Wir müssen ein Jugendleistungszentrum aufbauen, was auch Geld kostet. Und wir müssen uns finanziell so aufstellen, dass sich keine Spirale nach unten dreht, wenn wir absteigen sollten. Sondern dass wir finanziell in der Lage sind, noch mal neu anzugreifen. Viele andere Vereine haben den Fehler gemacht, dass sie sich verausgabt haben, um in die erste Liga zu kommen. Dass sie Schulden gemacht und Einnahmen vorher ausgegeben haben. Das dürfen wir nicht. Das sind drei finanzielle Aspekte, die wir jetzt unbedingt einbeziehen müssen. Das ist nicht einfach, aber ich glaube, das wird uns gelingen. Ob es dann dahin kommt, dass es auch noch in höhere Regionen geht, wird sich zeigen. Die Chancen sind da. Weil wir nicht verschuldet sind, weil wir ein gutes Stadion und ein tolles Umfeld haben. Der Raum Augsburg ist wirtschaftlich eine enorm starke Region. Das wird immer unterschätzt. Das Hinterland und die Voraussetzungen sind also da. Die nächsten Jahre werden es zeigen, wohin es geht.
Morgenpost Online: Eine Frage, die sich stellt: Sind Sie dann noch beim FCA? Sie hatten vor einigen Monaten gesagt, im Sommer wollen Sie sich entscheiden, ob Sie sich wieder als Vorstandsvorsitzenden wählen lassen wollen. Haben Sie sich entschieden?
Seinsch: Ja, ich habe mich entschieden weiterzumachen, wenn man mich will. Ich muss ja gewählt werden.
Morgenpost Online: Ihre Bedenkzeit hat einen ernsten Hintergrund. Sie leiden seit einiger Zeit an Depressionen, haben in der vergangenen Saison kein Spiel im Stadion geschaut. Geht es Ihnen mittlerweile wieder so gut, dass Sie sich das in der kommenden Spielzeit zumuten können?
Seinsch: Ja, ich denke, ich werde mir in der nächsten Saison wieder Spiele anschauen. Ich will es auf jeden Fall versuchen.
Morgenpost Online: Sie haben Ihre Erkrankung öffentlich gemacht. Wie viel Mut gehörte dazu?
Seinsch: Das war bei mir keine Frage des Mutes. Wissen Sie, ich hätte so etwas lieber für mich behalten. Aber wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist, dann wäre es komisch, einfach wegzubleiben, dann muss man sich erklären. Oder man tritt von allen Ämtern zurück.
Morgenpost Online: Sie wollen Ihren Umgang mit der Krankheit also nicht als neue Offenheit in der Gesellschaft werten?
Seinsch: Nein, ich denke, dass jeder Fall auch verschieden ist. Ich glaube, ich habe das Pech gehabt, dass bei mir einige Sachen zusammen kamen. Vor drei Jahren habe ich auch noch gesagt, Burnout, was ist das für ein Modescheiß. Heute muss ich sagen, dass das bei mir eingetreten war. Ein Grund dafür war, dass ich seit meinem 14. Lebensjahr sehr intensiv gearbeitet habe.
Morgenpost Online: Was hat Sie so früh angetrieben?
Seinsch: Das hatte was mit meinen familiären Verhältnissen zu tun. Ich will es mal vornehm sagen, ich hatte ein sehr problematisches Verhältnis zu meinem Vater, mit allen negativen Aspekten, die dazugehören. Und ich wollte mich aus dieser Beherrschung befreien. Und das ging, in dem ich finanziell autark war. Deshalb habe ich mit 14 eine Lehre gemacht, aber auch schon Nebenjobs gehabt. Außerdem war ich nicht so attraktiv und musste als Erster Moped fahren, damit ich eine Freundin bekam. (lacht)
Morgenpost Online: Zu viel Arbeit macht krank?
Seinsch: Nein, so kann man das nicht sagen. Der wichtigste Aspekt ist, wie viel negativer Stress ist dabei. Positiver Stress spielt keine Rolle, die reine Stundenzahl sagt nichts aus. Aber irgendwann habe ich eine Firma gegründet, habe einen gut bezahlten Job gekündigt und ein Darlehen aufgenommen. Ich hatte auch schon damals eine Familie, und nach einem halben Jahr war ich so gut wie pleite, weil nichts funktionierte. Ich hatte alles falsch gemacht. Da sitzen sie nachts um drei im Bett und überlegen, wie bezahlen sie die Rechnung. Das hat sich dann langsam gebessert. Aber sehr viel Stress, das ist der eine Aspekt von dem, was man heute als Burnout bezeichnet.
Morgenpost Online: Sie haben Ihren Zustand einmal mit dem Besuch des schwarzen Hundes verglichen.
Seinsch: Ich hatte in einer Zeitung einen Artikel gelesen, da war ein schwarzer Hund abgebildet. Da war für mich in wenigen Worten genau geschildert, um was es da bei mir geht. Der schwarze Hund ist zuerst mein Feind, dann versuche ich ihn als Haustier zu domestizieren. Er wird mich immer besuchen, aber irgendwann werde ich mich über den Besuch nicht mehr so ärgern und mich mit ihm anfreunden. So ist die Aussage. Das ist auch bei mir möglich, schauen wir mal. Ich bin ganz guter Dinge.
Morgenpost Online: Abschließend noch eine Frage: Jüngst hatten Sie im Stadionheft von einem Traum geschrieben: Augsburg spielt Europacup und liegt zur Pause 0:3 zurück, gewinnt dann aber noch 4:3.
Seinsch: Sie wissen, worauf ich anspiele?
Morgenpost Online: Sie können nur das Champions-League-Finale 2005 meinen, als Liverpool zur Halbzeit 0:3 gegen den AC Mailand zurücklag, das Finale aber letztlich im Elfmeterschießen gewann.
Seinsch: Ja genau. Die Liverpooler Fans haben, und das werde ich nie vergessen, weil es so beeindruckend war, trotz des Rückstands jeden Einwurf ihres Klubs bejubelt. Ich wollte damit unseren Fans sagen, dass das auch eine Möglichkeit ist. Das war aber alles eher eine erzieherische Maßnahme. Aber ich hatte neulich noch einen anderen Traum, und der hat mir wirklich gefallen: Der FCA ist schon vor dem letzten Spieltag gerettet, liegt mit vier Punkten vor den Abstiegsrängen. Und dann werde ich in der 89. Minute eingewechselt. Das wär’s doch. Ich weiß, jetzt werden wieder alle sagen, der spinnt.



