Hannover-Coach Slomka

"Niemand hat geglaubt, dass ich es schaffen kann"

Hannovers Trainer Mirko Slomka spricht im Interview mit Morgenpost Online über die Geheimnisse seines Erfolges, Ex-Klub Schalke 04 und den nächsten 96-Star.

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Unter Trainer Mirko Slomka ist Hannover 96 in der Bundesliga vom Abstiegskandidaten zum Spitzenklub geworden. In der Qualifikation zur Europa-League-Gruppenphase gewannen die Niedersachsen das Hinspiel daheim dank zwei Treffern von Jan Schlaudraff gegen den FC Sevilla 2:1 .

Morgenpost Online: Herr Slomka, vor rund eineinhalb Jahren galten Sie noch als Trainer, der bei keinem Klub mehr unterkommt. Nun bezwingen Sie mit Hannover 96 einen europäischen Spitzenklub. Ist der Job als Fußballtrainer manchmal auch perfide?

Mirko Slomka: Ja, das kann ich bestätigen. Allerdings muss ich Sie in einem Punkt korrigieren.

Morgenpost Online: Bitte!

Slomka: Schon vor meiner Zeit bei Hannover 96 haben sich viele Klubs bei mir gemeldet, allerdings bin ich aus den Kandidatengesprächen meistens nur als zweiter Sieger vom Feld gegangen. Es wurde mir immer jemand vorgezogen, nachdem die Gespräche gut verlaufen waren. Und auch in Hannover hatte ich dann erst einmal eine lange Durststrecke zu überstehen, wir haben sechs Spiele am Stück verloren, als ich kam, sind dann aber noch recht beeindruckend in der Klasse geblieben. Und die vergangene Saison war mit 60 Punkten für Hannover 96 schon außergewöhnlich gut. Derzeit versuchen wir, daran nahtlos anzuknüpfen.

Morgenpost Online: Was Ihnen gut zu gelingen scheint.

Slomka: Wir haben jetzt vier Pflichtspiele gewonnen, das zeigt, wie gefestigt wir inzwischen sind. Es gab ja viele Skeptiker, als ich in Hannover angefangen habe. Niemand hat so recht daran geglaubt, dass ich es mit 96 schaffen kann. Mittlerweile gibt es hier große Akzeptanz und Respekt. Das tut gut, das gebe ich gern zu.

Morgenpost Online: Was ist das Erfolgsgeheimnis von Mirko Slomka und Hannover?

Slomka: Es gibt einen wesentlichen Aspekt: die Fitness. Das ist für einen Verein wie 96, der ja bekanntlich nicht nur Spielertypen mit herausragenden technischen Fähigkeiten hat, ein ganz großes Thema. Das, was uns ausmacht, sind die Sprints. Wir hatten gegen Sevilla deutlich mehr Sprints als der Gegner. Das liegt daran, dass wir im Training mit einem Zeitlimit arbeiten und immer bemüht sind, nach einer Balleroberung schnell nach vorn zu spielen. Nach zehn Sekunden wird der Angriff abgepfiffen.

Morgenpost Online: Und das allein reicht schon aus?

Slomka: Natürlich nicht. Der zweite Aspekt besteht darin, dass wir eine Spielphilosophie erarbeitet haben, die zu den Spielern, dem Verein und der Stadt passt. Diese Philosophie sieht so aus: eine kühl verteidigende, kompakte Mannschaft, die in entscheidenden Situationen ihre Schnelligkeit und Dynamik ausspielt. Und der dritte Aspekt betrifft die Charaktereigenschaften der einzelnen Spieler. Das hat sich beispielsweise auch im Fall von Jan Schlaudraff gezeigt, für den hier nicht mehr viel gepasst hat. Er ist uns dann aber auch dank der Hilfe seiner Mitspieler auf dem Silbertablett serviert worden, und wir mussten nur noch zupacken, um seine Fähigkeiten herauszukitzeln.

Morgenpost Online: Dabei sagte Präsident Martin Kind noch vor einem Jahr: „Jan Schlaudraff macht kein Spiel mehr für 96.“

Slomka: Der Präsident hat alles richtig gemacht, denn er hat den Spieler gekitzelt, und der Spieler hat sich nicht einfach mit seiner Situation einfach. Wir dürfen aber auch das Verdienst des Teams nicht vergessen. Normalerweise gibt es ja ein Konkurrenzverhalten innerhalb einer Mannschaft, getreu dem Motto: Wenn der nicht mehr spielt, habe ich selbst ja bessere Chancen. Das habe ich im Fall von Schlaudraff aber nie gespürt. Im Gegenteil: Das Team hat sich gesagt: „Lasst uns daran arbeiten, dass ‚Schlauffi’, dieser Superspieler, wieder zu alter Klasse findet.“ Wir als Trainer haben dann die Situation noch einmal neu bewertet.

Morgenpost Online: Heraus gekommen ist ein Team, das Deutschland begeistert.

Slomka: Wir sind ja kein Klub, der mit Superstars handelt. Trotzdem können wir mit einer Spielweise begeistern. Dass wir mit unserer Philosophie 60 Punkte holen, in die Europa League einziehen und Sevilla besiegen, hätte ich in diesem rasanten Tempo allerdings nicht erwartet.

Morgenpost Online: 96 könnte als einziger Bundesligaklub in die Gruppenphase der Europa League einziehen. Haben Sie als ehemaliger Schalker Trainer eine Erklärung für den seltsamen Auftritt der Gelsenkirchener in Helsinki?

Slomka: Aus der Ferne ist das schwierig zu beurteilen. Ich habe nur die ersten 15 Minuten des Spiels gesehen, da dachte ich: Puh, Schalke gewinnt bestimmt 4:0. Als ich das Endergebnis erfuhr, war ich schon verwundert.

Morgenpost Online: Kann die viel diskutierte Raul-Personalie den Klub hemmen?

Slomka: Wir sehen ja, wie dieses Thema behandelt wird. Jetzt heißt es, ohne Raul gewinnt Schalke nicht. So ein Thema beschäftigt dann schnell mal eine ganze Mannschaft. Und auch den Trainer. Das haben wir hier, wie schon angedeutet, mit Jan Schlaudraff auch erlebt.

Morgenpost Online: Bei Ihnen ist schon der nächste Star in Sicht. Torhüter Ron-Robert Zieler wurde ins Nationalteam berufen .

Slomka: Das ist ein deutlicher Hinweis, wie schnell er sich in der Spitzengruppe etabliert hat. Jetzt konnte er sich europäisch zeigen, das hat auch für das Trainerteam rund um Joachim Löw den Ausschlag gegeben, sich für Ron-Robert zu entscheiden. Die ganze Mannschaft hat sich mit ihm gefreut, als ich die Nachricht in der Kabine verkündet habe.