Der Spanisch-Dolmetscher war vergeblich angereist. Es gab die theoretische Möglichkeit, dass sich ein Journalist aus Andalusien dafür interessiert, was Hannover 96 am Donnerstag (20.30 Uhr/ZDF) in Hinspiel der vierten Qualifikationsrunde zur Europa League zu bieten hat.

„Wir haben die Qualität, den FC Sevilla zu Fehlern zu zwingen“, sagte Trainer Mirko Slomka und schaute am Mittwochmittag in den Katakomben des Stadions verdutzt ins Auditorium, denn aus Spanien war niemand gekommen. Doch den Fehler, Hannover zu unterschätzen, haben im vorigen Spieljahr schon viele namhafte Vereine gemacht und 96 damit einen nicht enden wollenden Höhenflug beschert.

Wenn die Verantwortlichen des FC Sevilla ihre Hausaufgaben noch erledigen, werden sie merken: Mit Hannover 96 stimmt etwas nicht. Vor 14 Monaten hatte dieser Verein, der durch den Selbstmord von Torhüter Robert Enke in seinen Grundfesten erschüttert worden war, vor dem Absturz aus der Ersten Liga gestanden.

Außergewöhnliches geleistet

Mittlerweile gehorcht eine Mannschaft dem Regent des smarten Slomka, die Außergewöhnliches leistet und sich schon wieder in der Spitze des deutschen Fußballs festgesetzt hat.

„Wir haben uns diesen Auftritt in der Europa League hart erarbeitet. Aber dass es so schnell geht, hätte ich auch nicht gedacht“, gesteht Innenverteidiger Emanuel Pogatetz. Der österreichische Verteidiger, 2010 vom FC Middlesbrough verpflichtet, besitzt wie seine Abwehrkollegen Karim Haggui, Christian Schulz und Steven Cherundolo jede Menge Erfahrung im Europapokal.

Warum also soll diese Mannschaft im Play-off der Europa League nicht auch gegen einen Konkurrenten aus Spanien bestehen, dessen heimische Saison noch gar nicht begonnen hat?

Selbst der oftmals so kritische, aber extrem ehrgeizige Präsident Martin Kind sieht sich bei seinem Vorhaben, aus dem lange Zeit belächelten Hannover etwas auf Dauer Akzeptiertes zu machen, einen großen Schritt vorangekommen. „Bis wir als nationale und internationale Marke wahrgenommen werden, dauert es noch Jahre. Aber unser Erfolg ist kein Zufall. Das Problem ist: Sie glauben uns noch nicht ganz“, sagt der Klubchef.

Er deutet damit an, dass viele Experten und Beobachter auf den Leistungseinbruch einer Mannschaft warten, die in der Saison 2009/2010 erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft hatte und seither wie ausgewechselt wirkt. Nur eine sommerliche Einkaufstour und eine starke Saison später fand sich das 96-Team auf dem vierten Tabellenplatz der Bundesliga wieder.

„Das Team ist in sich gereift und glaubt an sich“, versichert Slomka, dessen erfolgreiches Spielsystem auf schnelle Stürmer wie Didier Ya Konan und Mohammed Abdellaoue sowie aggressive Mittelfeldspieler wie Lars Stindl und Sergio Pinto abgestimmt ist.

Es ist lange her, dass in ihrem schönen Stadion am Maschsee für große internationale Spiele das Flutlicht angeknipst werden musste. Zwischen 1958 und 1969 durfte sich Hannover 96 im Messepokal mit Klubs wie dem FC Barcelona oder Ajax Amsterdam messen.

Zurück nach 19 Jahren

Und vor 19 Jahren hatten sie als überraschender Pokalsieger das große Pech, in der ersten Runde des dazugehörigen Europapokals an Werder Bremen zu scheitern. Seither war sich Europas Fußball seiner Ruhe vor Hannover sicher.

Nun ist 96 also zurück auf der internationalen Bühne. Und die Aussicht auf eine europäische Erfolgsgeschichte hat nun auch in der Stadt die letzten Skeptiker mobilisiert. 44.000 Zuschauer verschafften Hannover am Donnerstag ein ausverkauftes Haus gegen Sevilla, nachdem am ersten Spieltag gegen Hoffenheim noch viele Plätze leer geblieben waren.

Präsident Kind nimmt es mit einer Mischung aus Genugtuung und feiner Ironie zur Kenntnis, dass Hannover 96 in der eigenen Stadt endlich angekommen sein dürfte.

Dabei ist ein Teil des Erfolgs, der Hannover und seine Region ins Schwärmen bringt, aus der Not geboren. Wer wenig Geld hat und nichts ausgeben darf, muss erfinderisch arbeiten.

Vor einem Jahr noch, als der Trainer Slomka den von ihm ungeliebten 96-Manager Jörg Schmadtke wegen dessen defensiver Einkaufspolitik angefeindet hatte, war die Frage im Spiel, warum sich Hannover nicht mal einen prominenten Profi wie Piotr Trochowski leistet.

Zumal der Klub über Jahre hinweg berühmt dafür war, für teures Geld Profis zu kaufen, die ihren Karrierehöhepunkt schon überschritten hatten. Seit sparsamer und klüger eingekauft wird, geht es deutlich besser voran. „Wir suchen da nach Spielern, wo andere nicht mehr hinsehen“, verrät Schmadtke, der sein Sturmduo Ya Konan/Abdellaoue im fernen Norwegen entdeckt hat.

"Paroli bieten"

Einen Mann wie Trochowski, der beim Hamburger SV unzufrieden war und ihr Budget stark strapaziert hätte, treffen die 96-Macher heute Abend wieder. Der ehemalige Nationalspieler gehört dem Kader des FC Sevilla an und kann seinen neuen Kollegen möglicherweise wertvolle Tipps geben, damit sie den Gegner nicht unterschätzen.

„Sevilla ist ein klasse Gegner und das schwerste Los, das wir bekommen konnten. Aber ich bin trotzdem davon überzeugt, dass wir Paroli bieten können“, glaubt Hannovers Trainer Slomka, dessen Mannschaft in einer Woche dann zum Rückspiel nach Sevilla muss.