Tja, und jetzt? Wie geht das weiter mit den 96ern? Sie waren gut im vergangenen Jahr. Zu gut. Viel zu gut, Vierter am Saisonende . Vorher auch schon mal Dritter, die Bayern im Nacken, haarscharf, das wäre die Qualifikation zur Champions League gewesen.
Aber: Knapp vorbei ist auch daneben, es bleibt bei der Europa League , immerhin, und einige bei Hannover 96 sind nicht mal furchtbar traurig darüber. Im Konjunktiv lebt es sich leichter: wäre gewesen. Ist aber nicht. Die kleine Sensation, der vierte Platz, reicht erst mal. Es muss ja noch Luft sein, auch Luft nach oben.
Ein bisschen kommt sich Jörg Schmadtke (47) gerade vor wie in alten Zeiten. Scheinbar hatte er da manchmal hundert Hände und die brauchte er auch, wenn nichts an ihm vorbei kommen sollte. Schmadtke war ein guter Torwart, bestritt in der Bundesliga 266 Spiele für Fortuna Düsseldorf, den SC Freiburg und Bayer Leverkusen.
Als Manager von Alemannia Aachen stieg er dann in die Bundesliga auf, erreichte das DFB-Pokalfinale, feierte sogar im Uefa-Cup Erfolge. Rigoroses Abwehrverhalten ist ihm also bestens vertraut, und jeden Tag greift er jetzt auf die Erfahrung zurück. Fausten oder fangen, für einen Torwart ist das eine ganz wichtige Entscheidung, es bleibt ihm dafür kaum Zeit. Seit zwei Jahren ist Schmadtke Sportdirektor bei Hannover 96, und keiner soll glauben, das sei dort anders.
Fausten, wenn einer plötzlich so herum zählt: vier, drei, zwei, eins. Jedes Jahr ein Stück näher an Dortmund oder Bayern und bald muss dann ein Titel her. Nicht lang fackeln, dazwischen gehen.
Fangen, wenn Raum und Zeit für Argumente ist, wenn die Diskussion einen Sinn macht. Natürlich weckt so ein vierter Platz Begehrlichkeiten, das nennen wir den Fluch der guten Tat. „Wenn die Fans jetzt mehr wollen, kann ich das verstehen.“
Selten Lob
Dafür sind sie Fans und für nichts und niemanden verantwortlich. Ein Großteil der Verantwortung, vielleicht der größte, liegt bei Schmadtke, dem Sportdirektor. Sein Job ist der einer eierlegenden Wollmilchsau, mithin des Alleskönners.
Wünsche, Forderungen, Klagen und Beschwerden, alles versammelt sich bei ihm, ganz selten auch Lob. Die Fans wollen gute Unterhaltung, die Medien wollen gute Platzierungen, der Präsident will Sparsamkeit, und der Manager soll es richten. „Mal ehrlich, mir hilft diese gute Saison überhaupt nicht weiter“, sagt Schmadtke.
Weil er jetzt nicht mehr allein das Tempo bestimmt. Dabei sind seine Arbeitsbedingungen ja nicht eben besser geworden. 52 Millionen Euro Umsatz, ein Budget, das ihm grenzwertig erscheint, zumindest, wenn er auf Spielersuche ist.
Wenn andere mitbieten um ein Talent, dann braucht er schon besonders gute Argumente, weshalb Schmadtke, wo es eben geht, höchstpersönlich erscheint. Der Tachometer seines Dienstwagens gibt Zeugnis über den Fleiß, über den Arbeitsaufwand des Managers.
80.000 Kilometer jedes Jahr, sein Touareg kommt wirklich rum im Fußballland. Gute Transfers, die nach Möglichkeit nichts kosten, keiner spricht das aus, doch nichts anderes wird von ihm erwartet im Klub. Das Low-Budget-Konzept hat bisher ja auch gut funktioniert.
Doch Schmadtke sieht auch die Gefahren, sie liegen nicht nur im Anspruchsdenken der Leute. Dass Hannover 96 so schnell in Europa angekommen ist, hat eine ganz andere Belastung zur Folge, meint Schmadtke: „Wir sind in drei Wettbewerben vertreten, das muss man erst mal wegstecken.“
Stabilisierung
Das heißt: Stabilisierung ist jetzt sein Lieblingswort, das Niveau halten, okay, wenn es eben geht auch den Tabellenplatz. Inoffiziell. Offiziell haben sie sich im Klub darauf geeinigt, einen Platz in den Top 10 als Ziel herauszugeben.
Und mal ehrlich: Beinahe hätte die Geschichte um 96-Torwart Robert Enke den ganzen Verein mit in den Abgrund gezogen, dass dem Beinahe-Abstieg so ein kolossal erfolgreiches Jahr folgen würde, hat niemand ahnen können.
„Und jetzt fangen wieder alle bei Null an, ab sofort wird uns nichts mehr geschenkt.“ Stabilisierung heißt auch, sportlich nicht alles über den Haufen zu werfen, sie haben die wichtigsten Spieler im Kader ausnahmslos gehalten, die ersten 15 sind geblieben, auch das ist ein Erfolg. Die Mannschaft wird also eingespielt sein, die am Samstag zum Saisonstart gegen 1899 Hoffenheim antritt.
Mögen die Bedingungen weitgehend die gleichen geblieben sein für den Sportdirektor, er spürt schon auch Veränderungen, dafür hat er ein feines Näschen. „Unsere Wahrnehmung ist eine andere geworden, die anderen gucken schon eher, was wir jetzt machen.“
Vielmehr: Was er jetzt macht. Jörg Schmadtke ist schnell zur zentralen Figur geworden bei Hannover 96. Mit Trainer Mirko Slomka, den er sich Anfangs noch schön trinken musste, verbindet ihn heute ein „gutes, professionelles Verhältnis“, jeden Tag dem Erfolg untergeordnet. Präsident Martin Kind, vor dessen Alleingängen er gewarnt worden war, hat ihm erstmals einen unbefristeten Vertrag gegeben, größer kann ein Vertrauensbeweis ja nicht sein.
Den Einwand, dann könne im Falle eines Rauswurfs aber die Abfindung einmal schwerlich berechnet werden, kontert er mit einem seltenen Lachen: „Da machen sie sich mal keine Sorgen, das kriege ich dann auch noch hin.“ War ja auch nicht ernst gemeint. Das Ende von Geschäftsführer Jörg Schmadtke bei Hannover 96 ist ungefähr so weit entfernt wie der Mond. Oder besser: wie Bayern München.




