Europa-League-Teilnehmer

So bekämpft Hannover 96 die Angst vor dem Absturz

Mirko Slomka lässt die Profis von Hannover 96 im Trainingslager hart arbeiten, um dem tiefen Fall in einer außergewöhnlichen Saison vorzubeugen.

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Dem euphorischen Slogan „Auf nach Europa“, mit dem Hannover 96 Lust auf die neue Fußballsaison macht, begegnet Mirko Slomka auf seine Art.

Wie im Vorjahr lässt der Erfolgstrainer seine Mannschaft dort schwitzen, wo die schönen Seiten von Europa enden. Im beschaulichen Örtchen Bad Radkersburg, an Österreichs Grenze zu Slowenien gelegen, scheucht Slomka sein Team fernab vom Luxusleben der Fußballprofis. Harte Arbeit soll dem tiefen Fall in einer außergewöhnlichen Saison vorbeugen.

Die Teilnahme an der Europa League birgt für Hannover 96 große Chancen, aber auch viele Risiken. „Ich hoffe, dass die Fans und das Umfeld ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben“, sagt Slomka und lässt die Angst vor einem Absturz nach einer überragenden Saison und Tabellenplatz vier anklingen.

Auf die Frage, was von einer Mannschaft zu erwarten ist, die mit ihrer überfallartigen Kontertaktik zuletzt alle etablierten Klubs verblüfft hat, gibt es kuriose Antworten. Wie im Vorjahr fehlt Didier Ya Konan, der alles überragende Stürmer im Team der Niedersachsen, wegen einer Verletzung in der Vorbereitung. Und mit den unbekannten Zugängen Henning Hauger (Stabaek IF), Artur Sobiech (Polonia Warschau) sowie dem lange Zeit verletzten Christian Pander (Schalke 04) ist die Personalplanung aller Voraussicht nach schon wieder abgeschlossen.

Manager Jörg Schmadtke musste erneut einer Mischung aus Vorsicht und Sparzwang gehorchen. „Wir haben alle Positionen doppelt besetzt“, versichert der enge Vertraute von Klubchef Martin Kind, ohne darauf einzugehen, ob die aktuelle Mannschaft wirklich die nötige Qualität mitbringt, um der Dreifachbelastung mit Bundesliga, DFB-Pokal und Europacup standzuhalten.

Wohin die Reise für Hannover 96 in sportlicher und geografischer Hinsicht geht, entscheidet sich am 5. August. Die Auslosung der 4. Runde in der Europa-League-Qualifikation, für die Hannover direkt startberechtigt ist, macht vor allem die hart gesottenen Anhänger des Vereins nervös.

Innerhalb von nur einer Woche sind rund 7000 Bestellungen von Dauerkartenbesitzern eingegangen, die einem unbekannten Gegner entgegenfiebern und sich ihr Ticket für das Europa-League-Heimspiel bereits gesichert haben – egal gegen wen ihre Idole antreten müssen. Auch bezüglich des Auswärtsspiels der Mannschaft ist das Interesse schon groß.

Offenbar könnte die Reise auch nach Transsilvanien gehen – nach einer 19-jährigen Abstinenz auf der internationalen Fußballbühne kennt die Vorfreude keine Grenzen.

Viele Medizinbälle

Cheftrainer Slomka, der für das derzeitige Trainingslager in der Steiermark eine stattliche Zahl an Medizinbällen mitnehmen ließ, ist darum bemüht, die Erwartungshaltung klein zu halten und die Mannschaft behutsam für ihre neue Rolle zu trimmen. „Wir werden unsere Vorbereitung auf die neue Saison nicht besonders umstellen. Aber wir dürfen eben nicht gleich überdrehen“, sagt der 43-Jährige.

Etablierte Spieler wie Innenverteidiger Karim Haggui waren mit einem Lächeln im Gesicht und voller Bewegungsdrang zum Trainingsauftakt von Hannover 96 erschienen, Slomkas ungeliebtes Reiseziel Bad Radkersburg, in dem es an schönen Dingen zur Ablenkung fehlt, wird aber zwangsläufig dafür sorgen, dass sich seine Profis bei aller Euphorie auf das Wesentliche konzentrieren.

Die Angst davor, das Geleistete einer fantastischen Saison nicht wiederholen zu können, ist aus der Historie begründet. Beispiel gefällig?

In der jüngeren Geschichte der Bundesliga war die TSG 1899 Hoffenheim vor zwei Jahren noch für ihre Erfindung eines so genannten Hochgeschwindigkeitsfußballs gelobt worden. Mittlerweile ist eine große Portion Ernüchterung eingetreten, die die Mannschaft im Mittelmaß der Tabelle verschwinden ließ.

Auch bei Hannover 96 kennen sie sich mit Überhöhungen aus, die aus einem Übermaß an Erfolg entstanden sind. 1992 war der Klub als Zweitligaverein so gut in Schuss, dass er durch einen Triumph nach Elfmeterschießen über Borussia Mönchengladbach überraschend Pokalsieger wurde.

"Messias des niedersächsischen Fußballs"

Die Belohnung im damaligen Pokal der Pokalsieger führte aber nicht nach Turin, Valencia oder Liverpool, sondern zu einem Duell mit Werder Bremen, in dem 96 chancenlos unterlag. Und vier Jahre später fand sich das vollends ernüchterte Hannover dann in den Niederungen der Regionalliga wieder.

Wenn es um die Höhen und Tiefen des bezahlten Fußballs geht, darf sich der aktuelle Trainer des derzeit besten norddeutschen Klubs als Experte fühlen. Slomka galt vor der vergangenen Saison als jener Kandidat, der am meisten um seinen Job fürchten musste.

Beim FC Schalke 04 war er im August 2008 entlassen worden, obwohl er mit den „Königsblauen“ erstaunlich viel Erfolg für sich verbucht hatte. Heute gilt jener Mann, der in Hannover nach einem schweren Start in die Saison 2010/2011 mit sechs Niederlagen in Folge auch vor der Entlassung stand, als Messias des niedersächsischen Fußballs und wird in der gesamten Region Hannover gefeiert.

Slomkas Erfolge gelten als Grundlage für den ehrgeizigen Weg von Vereinsboss Kind, der aus Hannover 96 eine etablierte Marke machen möchte. Mehr als 23.000 verkaufte Dauerkarten stimmen ihn zuversichtlich, aber längst noch nicht zufrieden. Der Haupteigner des Vereins nennt in dieser Bundesligasaison als Ziel eine Platzierung zwischen Rang sechs und zehn, die Slomka mit seiner Mannschaft unbedingt erreichen muss.