VfB Stuttgart

"Eines der schönsten Stadien in Europa"

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Klaus Schlütter

Der VfB Stuttgart spielt Samstag gegen Schalke erstmals in seiner runderneuerten Arena: Fans können im Stadion heiraten und vom Pissoir das Spiel verfolgen.

Für zehn Euro gibt es im Fanshop des VfB Stuttgart T-Shirts mit der Aufschrift "We have a grandios Stadion gebaut" zu kaufen. Mit dem Text in Anlehnung an den Ausspruch des Dortmunder Torwarts Roman Weidenfeller nehmen sich die Betreiber der Stadion-Gesellschaft selbst auf die Schippe. Dabei besteht kein Grund dafür, denn mit dem Umbau der Mercedes-Benz-Arena, der rechtzeitig zum Bundesliga-Start vollendet wurde, haben der VfB und die Stadt Großes vollbracht.

"Eines der schönsten Stadien in Europa", wie der neue VfB-Präsident Gerd E. Mäuser bei der feierlichen Eröffnung stolz verkündete. Eine reine Fußballarena, die den Besucher mit ideenreicher Funktionalität überzeugt und originellen Details zum Staunen bringt. Das Stadion hat das besondere Etwas. Beispiele gefällig?

Vom Pissoir das Spiel verfolgen

Wer im Toilettenbereich der Männer sein kleines Geschäft erledigt, braucht nicht auf das Spiel zu verzichten. Durch einen Fensterschlitz auf Augenhöhe kann der geneigte Fan vor dem Pissoir stehen und gleichzeitig das Geschehen auf dem Spielfeld im Stehen verfolgen . Dieses Privileg genießen aber nur die Herren. Auf Damen-Toiletten ist der Blick aufs Spielgeschehen lediglich beim Händewaschen möglich.

Weltweit einmalig und deshalb gleich zum Patent angemeldet sind die Klappsitze in der Cannstatter Kurve. Bei Ligaspielen wie am Samstag gegen Schalke (15.30 Uhr, Sky) verschwinden sie in einer Trittstufe und schaffen 8100 der bei Ultra-Fans so beliebten Stehplätze, getreu dem Kultspruch "Sitzen ist für den Arsch". Für internationale Partien wie am Mittwoch das Länderspiel gegen Brasilien sind Sitzplätze vorgeschrieben. Dann werden statt des sonst üblichen Umbaus die Sitzreihen einfach herausgeklappt und im Handumdrehen in 4050 Sitzplätze verwandelt. Eine Besonderheit getreu der schwäbischen Losung "Schaffen, putzen, sparen".

Ab sofort sind im neuen Stadion auch Hochzeiten möglich – ganz in Weiß bei den "Roten". Geheiratet werden kann entweder in der Event-Loge mit 50 oder in der noblen Soccer Lounge mit 100 und mehr Gästen. Die Räumlichkeiten inklusive Blumenschmuck kosten 500 Euro plus Mehrwertsteuer. Wer anschließend in der Soccer Lounge oder auf der Terrasse mit Aussicht auf das Mercedes-Museum oder die kaiserliche Grabkapelle auf dem Württemberg feiern will, muss stattliche 4000 Euro berappen. Verewigt wird der Tag mit einem Foto auf dem "heiligen Rasen".

Wohl kein Stadion in Deutschland ist so oft umgebaut und modernisiert worden wie das von Hauptbahnhof-Erbauer Paul Bonatz im Jahr 1929 konzipierte. Die jüngste Umgestaltung des Mehrzweckstadions in eine reine Fußballarena hat zwei lange Jahre gedauert. Die Laufbahn wurde entfernt. Sehr zum Missfallen der Leichtathleten. Beide Kurven wurden niedergerissen und deutlich näher an das Spielfeld herangerückt, das zum besseren Einblick 1,30 Meter abgesenkt wurde.

Platz für 4000 Zuschauer mehr

Für die Fans ein entscheidender Vorteil. Das charakteristische Membrandach wurde um rund 14 Meter erweitert, damit niemand mehr im Regen sitzen muss. In die Untertürkheimer Kurve wurde eine Sporthalle mit einem Fassungsvermögen von 2000 Zuschauern integriert. Das Oval fasst jetzt 60.441 Besucher, 4000 Zuschauer mehr als zuvor.

Die Umbaukosten betrugen 60,8 Millionen Euro. Mercedes-Benz hat sich indirekt mit einem Drittel beteiligt – für 20 Millionen hat das Unternehmen die Partnerschaft mit dem VfB, bei der es in erster Linie um das Namensrecht für das Stadion geht, vorzeitig um fünf Jahre bis 2017 verlängert. Die restlichen 40 Millionen hat die Stadion-Gesellschaft über Kredite finanziert. Mit den Mehreinnahmen aus Eintrittsgeldern und einer deutlich besseren Vermarktung stemmt der VfB als Betreiber des Stadions jährlich 6,3 Millionen Euro Pacht.

Mehreinnahmen von 3,4 Millionen Euro jährlich

Die Stadt Stuttgart bleibt Eigentümerin der Arena und rechnet mit Mehreinnahmen von 3,4 Millionen Euro im Jahr. "Für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation. Ein nachahmenswertes Beispiel für den sparsamen Umgang mit öffentlichen Mitteln", so VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt.

Die Umbauarbeiten im Stadion sind vorbei, in der Mannschaft gehen sie weiter. Vor dem Saisonstart dämpft VfB-Trainer Bruno Labbadia übertriebene Erwartungen: "Das Stadion wird mit einem Team eröffnet, das keine großen Ansprüche stellen kann. Wir haben im dritten Jahr den dritten Nationalspieler verloren (Träsch nach Khedria und Gomez; d. Red.), und es wird zwei bis drei Jahre dauern, bis der VfB wieder internationale Ambitionen entwickeln kann."