Mäuser gegen Roleder

VfB Stuttgart vor brisanter Präsidentschaftswahl

Aufruhr beim VfB: Für Sonntag kündigt Noch-Präsident Staudt eine "delikate Mitgliederversammlung" an. Die Opposition verlangt die Abwahl von Hundt.

Foto: dpa/DPA

Francisco Javier Rodríguez Pinedo ist Aufregung gewohnt. Der neue mexikanische Verteidiger des VfB Stuttgart wurde vor einem Monat nach einem positiven Dopingtest vom Gold Cup suspendiert, danach von seinem Verband freigesprochen und am Ende von einer späteren, negativen Probe entlastet.

Am Freitag stellte sich der 29-Jährige mit dem Künstlernamen „Maza“ bei seinem neuen Verein vor, der gerade ebenfalls in Aufruhr begriffen ist. Am Sonntag steht die mit Spannung erwartete Mitgliederversammlung des schwäbischen Bundesligaklubs an. Es steht zu erwarten, dass es hoch hergehen wird.

Acht Jahre lang lenkte Erwin Staudt als bezahlter Präsident die Geschicke des Vereins. Auch wenn es viele vor dem Hintergrund der verkorksten vergangenen Saison verdrängt haben sollten: Der 63-Jährige kann auf eine der erfolgreichsten Phasen der VfB-Geschichte zurückblicken.

In seine Amtszeit sind die Stuttgarter Deutscher Meister geworden, nahmen drei Mal an der Champions League und vier Mal an der Europa League teil. Der Umbau des Stadions in eine reine Fußballarena und die Vervielfachung der Mitgliederzahl auf 45.000 kommen dazu. Wirtschaftlich hat sich der VfB zu einem der gesündesten Vereine der Liga entwickelt.

Am Freitag nun leitete Staudt seine letzte Bilanz-Pressekonferenz, auf der er stolz berichten konnte, dass der Verein trotz geringerer Einnahmen auf gesunden Beinen steht. Der Macher hört auf und zieht sich ins Privatleben zurück. Er hat sich an der Uni Tübingen einschreiben lassen, studiert ab dem Wintersemester Germanistik.

In der Zwischenzeit will er versuchen, sein Golfhandicap von derzeit 51 zu drücken. „30 ist meine Zielvorstellung“, sagt er. Auch mehrere Aufsichtsrats- und Beiratsmandate werden dafür sorgen, dass der Frührentner genug zu tun hat.

Für Sonntag kündigte Staudt eine „delikate Mitgliederversammlung“ an, wenn sein Nachfolger gewählt wird. Wegen des zu erwartenden Andrangs wurde die große Schleyer-Halle als Austragungsort gewählt, die Anfangszeit auf 12 Uhr mittags vorgezogen, „damit wir ohne Druck Richtung Mitternacht operieren können“, so Staudt.

Denn die Gefahr besteht, dass der Wahlkampf zu einer Schlammschlacht ausartet. Im Mittelpunkt: Aufsichtsratsmitglied und Präsidentschaftskandidat Gerd Mäuser (53). Der frühere Porsche-Manager ist der Kandidat des Aufsichtsrats, der laut Vereinssatzung nur einen Anwärter zur Wahl vorschlagen darf. An diesem Passus und der Nähe Mäusers zu Aufsichtsratschef Dieter Hundt entzündet sich die Kritik der beiden Oppositionsgruppen.

Schon lange im Vorfeld schwirrten Anwaltsschreiben hin und her, gegenseitige Anschuldigungen machten die Runde und alle möglichen Erklärungen wurden abgegeben. Hundt ist bei vielen Fans nicht mehr wohl gelitten. Ein Vorwurf lautet, er mische sich zu sehr in das operative Geschäft ein, was er selber heftig bestreitet: „Das ist absoluter Unsinn.“ Mäuser versichert: „In den neun Jahren meiner Aufsichtsratstätigkeit hat es das nicht gegeben.“

Antrag von Roleder

Doch das mögen die Gegner nicht glauben. Die eine Oppositionsgruppe wird von Bankmanager Björn Seemann geführt, die andere vom ehemaligen VfB-Torwart Helmut Roleder. Beide Initiativen haben wochenlang zahlreiche Fanklubs besucht, für sich und dafür geworben, dass die Mitglieder mehr Mitspracherecht erhalten. Bei der Versammlung wird Roleder den Antrag stellen, Hundt abzuwählen.

Der Verein hat diesen Vorstoß zwar vorab zurückgewiesen, begibt sich damit allerdings rechtlich auf Glatteis. Um Hundts Abwahl zu erreichen, müssten drei Viertel der anwesenden Mitglieder zustimmen. Dann wäre auch Mäuser gescheitert – und Roleder wohl der neue Präsident. Ansonsten genügt Hundts Kandidat die einfache Mehrheit, um für die nächsten vier Jahre Nachfolger von Staudt zu werden. Für ihn soll Ex-Nationalspieler Hansi Müller in den Aufsichtsrat nachrücken.

Ungewiss wie der Ausgang der Wahl ist die sportliche Zukunft des VfB. Mäuser will, wenn er gewählt wird, das Konzept der „Jungen Wilden“ wiederbeleben und die gute Jugendarbeit weiter intensivieren.

VfB setzt auf Talente

Dafür hat der Verein bereits neun Talente mit langfristigen Verträgen gebunden, die über die zweite Mannschaft an höhere Aufgaben herangeführt werden sollen. Nötig könnte es werden, denn Abwehrchef Matthieu Delpierre droht wegen eines Sehnen- und Muskelrisses über der Hüfte die ganze Hinrunde auszufallen.

Der Bundesligakader wurde dagegen neben Maza (PSV Eindhoven) mit dem dänischen Nationalspieler William Kvist (FC Kopenhagen), Ibrahima Traore (FC Augsburg) und Julian Schieber, Rückkehrer vom 1. FC Nürnberg, verstärkt. Der VfB ist damit über seinen Schatten gesprungen.

Eine Vorgabe von Aufsichtsrat und Vorstand ist es, die Personalkosten von 56 auf 50 Millionen zu senken und auf dem Transfermarkt nur Geld auszugeben, wenn durch Spielerverkäufe welches eingenommen wird. Das ist nicht gelungen.

Nur der Vertrag mit Ciprian Marica, der sich mit Trainer Bruno Labbadia überworfen hatte, wurde aufgelöst. Demnächst ist aber mit dem Transfer des Nationalspielers Christian Träsch, den der Verein gern behalten hätte, zum VfL Wolfsburg zu rechnen. Offenbar sind sich die beiden Klubs bei der Ablösesumme auf halbem Weg näher gekommen. Der VfB verlangte zehn Millionen, Wolfsburg bot bislang sechs.