Bundesliga-Aufsteiger

Hertha und Augsburg sind gekommen, um zu bleiben

Mit Hertha BSC und dem FC Augsburg hat die Bundesliga zwei Aufsteiger, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Nur das Ziel eint die beiden Vereine.

Wenn es um die Euphorie in Berlin geht, dann lohnt sich ein Besuch im so genannten Medienraum. Dort finden die täglichen Gesprächsrunden für Journalisten statt. Am Donnerstag etwa stellte der Klub einen neuen Sponsor vor, kein Hauptsponsor, sondern ein Exklusivpartner, so die offizielle Bezeichnung. Der Raum aber war gefüllt, als gehe es darum, die ersten Worte eines millionenteuren neuen Spielers zu erhaschen.

Nach einem Jahr Abstinenz ist Hertha BSC wieder erstklassig, ebenso wie der FC Augsburg. Doch die beiden Aufsteiger kommen so unterschiedlich daher wie selten zuvor zwei Neulinge. Sie eint nur eines: Diese Saison in der ersten Liga soll keine kurze Episode bleiben, so die jeweilige Zielsetzung.

Wobei das vor allem im Fall von Rückkehrer Hertha äußerst realistisch anmutet. Der Personaletat von 24,8 Millionen Euro (gesamt: 57,6 Millionen Euro) ist zwar im Vergleich zu anderen Bundesligaklubs ein Wert im unteren Drittel. Und auch 31 Millionen Euro Verbindlichkeiten, die die Berliner, drücken, ließen auf dem Transfermarkt keine „großen Sprünge zu“ (Manager Michael Preetz).

Dennoch hat sich Hertha sehr effektiv verstärkt. Neben Werders defensiver Mittelfeldkraft Peter Niemeyer, der einzige Zugang, bei dem mit 800.000 Euro eine Ablöse fällig war, kamen Maik Franz von Eintracht Frankfurt, Tunay Torun vom Hamburger SV und die beiden Münchner Spieler Andreas Ottl und Thomas Kraft nach Berlin.

In der Fraktion der ehemaligen Bayern sind Kraft und Ottl nach Trainer Markus Babbel und Verteidiger Christian Lell die Nummern drei und vier. Und allein aufgrund ihrer Herkunft wird ihnen das zugestanden, was Hertha zu Erstligazeiten oft vermissen ließ: Das Münchner Selbstverständnis, jenes klischeehaft genutzte Siegergen. „Wer von den Bayern kommt, hat gelernt, unter extremen Druck zu arbeiten“, sagt Preetz.

Vorfreude und Unischerheit

Dennoch mischt sich in Berlin unter die Vorfreude auch ein Gefühl von Unsicherheit. Noch wissen sie nicht recht, wie sie in der Bundesliga bestehen werden. „Erst nach vier, fünf Spielen werden wir das sehen“, sagt Babbel, gegebenenfalls müsse der Klub nachjustieren.

Forsche Töne jedenfalls sind selten, der Abstieg 2010 hat vielen Demut gelehrt. Und so verwundert nicht, dass folgende Aussage von Zugang Torun stammt, der in der Vorbereitung so furios aufspielte, dass er Aufstiegsstar Raffael wohl auf die Bank verdrängen wird: „Vom Kader her müssten wir sicher im Mittelfeld einlaufen“, sagt er, „vielleicht sogar besser.“

Im Umfeld des Klubs wird gern auf die Tradition der Hertha verwiesen, die schon so viel erlebt hat, zwischen Champions League und Abstieg, die zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga gehörte. Und die sich wieder dort wähnt, wo sie nach eigenem Anspruch hingehört. Im Februar bestreiten die Berliner ihre 1000. Partie in der höchsten Spielklasse, ein Heimspiel gegen Meister Borussia Dortmund.

Augsburg startet gegen Freiburg

Konträr dazu stehen die Zahlen von Mitaufsteiger Augsburg, dem 51. Verein der Bundesliga, der am Samstag gegen Freiburg seine Premiere gibt. Der Klub verfügt über den kleinsten Etat. Mit 30 Millionen Euro plant Augsburg, die Hälfte davon fließt ins Personal.

Es ist eine Mannschaft ohne Stars, mit einigen ehemaligen Bundesligaspielern, die sich in der obersten Spielklasse nie sonderlich hervortaten. Im Tor etwa steht der ehemalige Wolfsburger Simon Jentzsch, in der Innenverteidigung Uwe Möhrle, im Mittelfeld der einstige Leverkusener Jan-Ingwer Callsen-Bracker.

Die Abgänge jedenfalls lesen sich prominenter als die Zugänge. Moritz Leitner etwa ist zurück nach Dortmund gegangen, Ibrahima Traore spielt jetzt in Stuttgart. Mit „Nischenpolitik" und „Transferausgabenallergie“ umschreibt Manager Andreas Rettig die Augsburger Strategie.

Oder auf gut Deutsch: Nur wenige zieht es nach Augsburg. Die Stadt ist die drittgrößte in Bayern, aber fußballerisch lag vieles lange brach, mehr als 20 Jahre Amateurfußball prägen noch immer die Wahrnehmung, trotz der soliden Arbeit der Vereinsoberen und einer wirtschaftlich enorm starken Region. Ein Klub ohne Image ist der FCA, das sagen sie selbst in Augsburg.

„Wir liegen an der Nahtstelle zwischen Erster und Zweiter Liga. Das wird auch in den nächsten Jahren so bleiben“, sagt Rettig. Er ist einer, der sein Handeln mit markigen Sprüchen verkaufen kann. „Wer arm ist, muss fleißig sein“, ist einer davon.

Und dass es wichtig ist, mit wirtschaftlicher Vernunft zu agieren. Das ist überhaupt das allgemeine Credo des Klubs. „Wir müssen uns finanziell so aufstellen, dass sich keine Spirale nach unten dreht, wenn wir absteigen sollten. Sondern dass wir finanziell in der Lage sind, noch mal neu anzugreifen“, sagt Klubchef Walther Seinsch . Viele andere Vereine hätten diesen Fehler gemacht. „Das dürfen wir nicht.“

Ungewöhnliche Jobgarantie

In Augsburg, so sagt Rettig, gehe alles ein Stück beschaulicher zu. „Unsere Situation ist vergleichbar mit den Anfängen von Freiburg oder Mainz.“ Als Verein zum Anfassen, so wollen sie daherkommen, beständig und unaufgeregt. Vor einigen Wochen schon hatte Seinsch seinem Trainer eine recht ungewöhnliche Jobgarantie ausgestellt: Jos Luhukay könne auch alle 34 Spiele verlieren, hatte er gesagt, „wir werden ihn nicht entlassen“ .

Doch ausgerechnet die in diesem Punkt so romantisch angehauchten Augsburger sorgten in den vergangenen Tagen für den ersten größeren Aufreger, der es auch zu überregionaler Beachtung schaffte.

Zu Wochenbeginn stellten sie ihren Torjäger Michael Thurk frei . Aus sportlichen Gründen, so die offizielle Begründung. Er passe nicht mehr ins System. Die Ursache jedoch dürfte in disziplinarischen Dingen liegen, auch wenn Thurk sagt, er habe sich nichts vorzuwerfen.

Causa Thurk

In Augsburg jedenfalls hat die Personalie Thurk für reichlich Unruhe gesorgt und von der elementaren Frage abgelenkt: Ist der Aufsteiger reif für den Abstiegskampf? Sein System hat Luhukay umgestellt, statt dominant wie in der Zweiten Liga soll es nun weit abwartender zugehen. In Augsburg jedenfalls setzen sie darauf, dass sie unterschätzt werden, dass viele sie schon vor dem ersten Spieltag abschreiben.

Entsprechende Erkenntnisse hat auch Professor Alfons Madeja erlangt. Madeja ist Lehrbeauftragter der Universität Bayreuth. In einer von ihm bei der GfK in Auftrag gegebenen repräsentativen Studie hat er Deutschlands Fußballfans befragen lassen. Es ging um die Abschlusstabelle der Saison und welcher Verein überraschen wird. Nach Meinung der Fans ist für Augsburg das Abenteuer Bundesliga im Mai 2012 schon wieder passe. Als Tabellenletzter müssen sie zurück in die Zweite Liga.

Und Hertha? Der Klub, so votierten mit 16,8 Prozent die meisten Befragten, werde die Mannschaft sein, die in dieser Saison für ein positive Überraschung sorgen wird. Das ausgegebene Ziel Klassenerhalt wäre mit Rang 13 jedenfalls locker erreicht.