Schiedsrichterin

Berlinerin will als erste Frau mit Kopftuch pfeifen

Die 15-jährige Cennet hat einen Traum: Die Berlinerin will Deutschlands erste Kopftuch tragende Schiedsrichterin werden. Nach den Sommerferien beginnt sie beim Berliner Fußballverband dafür die Ausbildung – und erfährt viel Zuspruch.

Bislang waren es vor allem zwei Regeln, die im Leben von Cennet Celik eine wichtige Rolle spielten. Die erste sieht vor, dass sie sich bedeckt – gleich mehrere Stellen im Koran lassen sich so deuten. Die zweite steht im 256. Koranvers der zweiten Sure, sie lautet: Im Islam gibt es keinen Zwang. Cennet hält sich an beide: In der Öffentlichkeit trägt die 15-Jährige Muslima ein Kopftuch und „niemand zwingt mich dazu, auch nicht meine Eltern. Ich könnte es jederzeit ablegen.“

Schon bald werden neue Regeln für sie wichtig sein. Zum Beispiel die, dass ein Ball in vollem Umfang die Linie überschreiten muss, damit ein Tor gültig ist. Oder dass bei angelegtem Arm kein Handspiel zu ahnden ist.

Im Herzen Galatasaray Istanbul

Der Regen hat aufgehört, und über dem Fußballplatz des Neuköllner FC Rot-Weiß ziert ein Regenbogen den Himmel. Cennet bedeutet „Paradies“. Noch genießt die gebürtige Berlinerin ihre Sommerferien, doch Mitte August geht die Paukerei für sie früher los als bei ihren Schulkameraden. Dann wird Cennet beim Berliner Fußballverband eine Schiedsrichterausbildung absolvieren. Besteht sie die Prüfung, wird die Tochter türkischer Einwanderer die erste Schiedsrichterin mit Kopftuch in Deutschland sein.

„Ja, das habe ich auch gehört“, sagt sie und lächelt schüchtern. Fußball hat Cennet schon immer geliebt, ihr Lieblingsverein ist Galatasaray Istanbul. Zwei Jahre hat sie gespielt, jetzt will sie pfeifen. „Ich stelle mir das toll vor, wenn man darauf achten kann, dass alles richtig läuft.“

Heimatverein unterstützt Cennet

Im Verein sind sie stolz auf Cennet. Der Klub am Maybachufer ist Heimat vieler Muslime. Betreuer Ülver Sava, der Cennet zu dem Lehrgang ermutigt hat, erzählt, dass die Zahl der Mädchen bei Rot-Weiß in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. „Mädchen wie Cennet sind Vorbilder. Die Eltern sehen, dass beides, Fußball und Religion, möglich ist.“ Sava weiß auch, dass sich ein Engagement als Schiedsrichterin bei Mädchen mit Migrationshintergrund später gut im Lebenslauf liest. Nur Vater Ugur hat manchmal ein bisschen Angst um die Tochter. Manche Eltern sind am Spielfeldrand sehr aggressiv“, sagt er.

Einfach wird es für Cennet nicht. Von den 2500 muslimischen Spielerinnen, die unter dem Dach des Berliner Fußballverbands kicken, tragen nur eine Handvoll Kopftuch. Um schräge Blicke wird sie nicht herumkommen, auch von Seiten anderer Muslime. Mehmet Matur, Integrationsbeauftragter beim Berliner Fußballverband, weiß um die Problematik: „Viele Eltern erlauben ihren Töchtern nach wie vor nicht zu spielen. Sie haben Angst oder finden, dass es wegen der Religion falsch ist.“ Regelmäßig macht Matur Hausbesuche, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Erfolgsquote läge bei 80 Prozent, aber natürlich könne er nicht überall sein. Hinzu kommen Fälle, in denen der Verband schlicht hilflos ist. Bei Hertha 03 Zehlendorf spielte bis Herbst 2010 ein muslimisches Mädchen, „eine gute Spielerin“, wie Heidi Macholdt, Leiterin der Frauen- und Mädchenteams, zu berichten weiß. Doch dann war Schluss mit der jungen Karriere. Der Vater entschied, dass sich Fußball für seine zehnjährige Tochter nicht gehöre. „Wir haben ihm angeboten, das Mädchen zu fahren, wir haben alles versucht. Vergebens“, sagt Macholdt.

Spätestens seit Anfang Juni ist das Thema auch weltweit aktuell. Bei einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele weigerten sich die Spielerinnen der iranischen Nationalmannschaft auf ihre Hijabs zu verzichten und wurden dafür disqualifiziert. Die Fifa bezog sich auf Regel 4 des Regelwerks, der zufolge die Spielkleidung keine politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften aufweisen darf.

Kopftuchträgerinnen durfte bis 2007 nicht mitspielen

Auch in Berlin wurde es den Spielerinnen nicht immer leicht gemacht. Bis 2007 durften Schiedsrichter Kopftuchträgerinnen nicht mitspielen lassen. Fälle, in denen es zu Ausschlüssen kam, sind dokumentiert. Mittlerweile orientiert sich der BFV an den Vorgaben des DFB. Der Verband versucht dem Thema kompromissbreit zu begegnen. „Die Frage des Kopftuches auf dem Fußballplatz ist nicht abschließend geklärt. Ein Kopftuch ist sportlich unzweckmäßig“, sagt Willi Hink, DFB-Direktor für Sportentwicklung. Wenn die Bedeckung jedoch keine Verletzungsgefahr darstelle, dürften die Mädchen spielen. Sportlich gesehen ist das Kopftuch beim Fußball ein Nachteil. Während des Spiels können unter dem Stoff Temperaturen von bis zu 50 Grad entstehen.

Marlene Assmann, Linksverteidigerin beim BSV AL Dersimspor, weiß, wie das ist. 2006 bestritt die 29-Jährige mit ihrem Team das erste offizielle Frauenfußballspiel im Iran. Bei der Partie gegen die Nationalmannschaft trugen die Kreuzbergerinnen ein Kopftuch sowie langärmelige Trikots und Hosen. „Wir sahen alle gleich aus. Außerdem war es schwer, sich gegenseitig etwas zuzurufen“, erinnert sie sich. Assmann und AL Dersimspor engagieren sich seit Jahren für Integration im Fußball. Bis vor einem halben Jahr hatten sie selber eine Spielerin mit Kopftuch in der Mannschaft. „Da gab es immer mal wieder dumme Sprüche, aber wirklich diskriminiert wurde sie nie“, sagt sie. Trotzdem solle man muslimische Fußballerinnen unterstützen. Cennet selbst geht es nur um den Glauben. Und dass sie trotz des Fußballs davon nicht abweichen muss. Sie sagt, dass sie bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Und vor dem Schiedsrichtersein habe sie auch keine Furcht.