Integration durch Sport

Buschkowsky bewundert Kopftuch-Schiedsrichterin

Nicht erst seit Bajramaj und Özil weiß man um die Integrationskraft des Fußballs. Am runden Tisch diskutieren ein Botschafter, eine Filmemacherin, eine Schiedsrichterin und der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky darüber, was die Frauen-WM dazu beiträgt.

Foto: Reto Klar

Als leuchtende Beispiele für gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gelten die deutschen Nationalspielerinnen Fatmire Bajramaj und Celia Okoyino da Mbabi bereits nach der Vorrunde der Weltmeisterschaft in Deutschland. Solche Vorbilder seien enorm wichtig für die Gesellschaft, meinen die vier Berliner Teilnehmer eines lebhaften Gesprächs über Integration in der Redaktion von Morgenpost Online: Mit Vilson Mirdita, Botschafter des Kosovo in Deutschland, Filmemacherin Marlene Assmann, dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und der angehenden Schiedsrichterin Cennet Celik diskutierten Jens Bierschwale und Stefanie Straubel.

Morgenpost Online: In der Integrationsdebatte wird Sportvereinen in Deutschland eine große Bedeutung zugeschrieben. Ist das richtig? Kann der Sport, speziell der Fußball, tatsächlich helfen, um die Eingliederung ethnischer Minderheiten zu unterstützen?

Heinz Buschkowsky: Ja, aber die Menschen müssen sich auch integrieren wollen – das gilt in der Gesellschaft wie im Sport. Der Sport ist eine organisierte Möglichkeit dafür, dass Menschen sich treffen und sich im Wettstreit begegnen – mehr erst einmal nicht. Dort entscheiden sie dann, ob sie friedlich gemeinsam ihrem Freizeithobby nachgehen oder ob sie sich nur an anderen abreagieren wollen. Die Vorstellung, dass jeden Sonntag auf den Fußballplätzen Herzchen verteilt oder Friedenstauben steigen gelassen werden, ist zu romantisch. Auf so manchen Sportplätzen geht es sonntags schon rustikal und derb zu.

Morgenpost Online: Ein hartes Urteil.

Buschkowsky: Unterdrückten Vorurteilen oder Aggressionen wird auf Fußballplätzen und in Sporthallen nicht selten freier Lauf gelassen. Entweder man tritt oder schlägt zu. Da reicht das kleinste Foul. Besonders schlimm sind Eltern bei Kinderturnieren, die vom Spielfeldrand oder der Tribüne aus mit Schaum vor dem Mund die Kleinen, die Schiedsrichter, die Betreuer und andere Eltern beschimpfen. Das ist die unschöne Seite des Alltags. Es gibt aber auch die andere, bei der sich alle miteinander arrangiert haben und völlig problemlos zusammenleben. In Neukölln gibt es durchmischte oder auch ethnisch ausgerichtete Vereine. Einen türkischen und griechischen, bestimmt auch einen aus dem Kosovo…

Vilson Mirdita: …den FC Liria…

Buschkowsky: …ja, aber ein Sportverein ist auch nur das Spiegelbild der Gesellschaft. Wir haben es mit Menschen zu tun, die durch ihr Verhalten entscheiden, wie gut sie miteinander auskommen. Hinzu kommt, dass bestimmte Formen des Sports in anderen Kulturkreisen gar nicht verbreitet sind. Die Tradition, dass Jungs in einem bestimmten Alter im Fußballverein und Mädchen im Turnverein sind, stimmt nicht mehr. Das war vor 50 Jahren eben anders. Im Sportverein gab es den ersten Schliff des Lebens, die Botschaft: Du kannst nicht immer machen, was du willst, du trägst Verantwortung für die Mannschaft. Das erste Gewöhnen an ein Regelwerk, das unbewusste Einschleifen von sozialem Verhalten findet heute in einer Großstadt nur noch bedingt statt. Das sind auch Folgen unterschiedlicher kultureller Prägung. Für denjenigen, für den es unzüchtig ist, ein nacktes Bein zu zeigen, ist das öffentliche Auftreten seiner Tochter in Turnhose oder im Badeanzug undenkbar.

Morgenpost Online: Demnach ist also doch alles nur Fiktion mit der sozialen Integration durch den Sportverein?

Cennet Celik: Finde ich nicht. Ich habe früher im Neuköllner Fußballclub Rot-Weiß gespielt, Herkunft hat dort keine große Rolle gespielt. Nach Siegen haben wir gemeinsam in der Kabine gefeiert, nach Niederlagen getrauert.

Marlene Assmann: Als Deutsche in einem türkischen Verein werde ich oft auf das Thema Integration angesprochen. Das erste Thema lautet immer: Wie viele Nationalitäten sind bei euch versammelt, wie kommt ihr miteinander aus? Integration ist also ein ständiger Begleiter. Und nach Spielen, die wir gewonnen haben, sind auch schon mal Gegnerinnen angekommen und meinten: Dafür haben wir die besseren Schulabschlüsse! So etwas habe ich an anderen Orten noch nie zu hören bekommen. Sportvereine sind deshalb in meinen Augen durchaus förderlich für die Integration. Es geht nicht darum, wie gut man die Sprache spricht, wie gut man sich verständigen kann, welchen Hintergrund man mitbringt. Es geht darum, wie gut man laufen und schießen kann. Es geht um Fußball, und wer Fußball spielen kann, kann miteinander spielen.

Mirdita: Wir haben vorhin kurz über den FC Liria gesprochen. Liria heißt übersetzt Freiheit. Und ich bin Deutschland und seiner Bevölkerung sehr dankbar, dass Flüchtlinge aus dem Kosovo hier einen Verein gründen konnten, Freiheit und somit eine zweite Heimat gefunden haben. Das hat bei der Integration der Kosovaren sehr geholfen. Das beste Mittel bei der Integration ist der Sport, der mit seinen Regeln viele Verhaltenskodexe bestimmt. Mein Sohn spielt selbst Fußball, er muss sich an Regeln halten und der Mannschaftstaktik unterordnen, ein Pflichtgefühl entwickeln. Das sind alles Dinge, die auch im Alltag sehr, sehr wichtig sind.

Morgenpost Online: Was noch?

Mirdita: Sehen Sie, ich bin jetzt seit zwei Jahren Botschafter in Deutschland und versuche, an vielen Orten zu sein. Aber ich schaffe es bei weitem nicht, an die Popularität einer Lira Bajramaj oder eines Luan Krasniqi (aus dem Kosovo stammender Boxer, d.Red.) heranzureichen. Sie sind die Vorbilder für eine ganze Generation und der Stolz der Kosovaren. Vor allem derjenigen, die in Deutschland aufwachsen. Diese jungen Leute sehen: Wenn man sich integrieren möchte, gibt es keine Hindernisse. Es gibt überall Ellenbogengesellschaften, aber wenn man die Spielregeln einhält, kann man auch Erfolge erzielen wie etwa eine Lira Bajramaj.

Morgenpost Online: Sie sehen das anders, Herr Buschkowsky? Sie grinsen…

Buschkowsky: Ja, der Sport ist aber auch ein positives Beispiel für die Ellenbogen- und Leistungsgesellschaft. Es geht darum zu gewinnen, niemand tritt an, um zu verlieren. Dieses „Ich möchte besser sein als du“ in eine gesunde Ausdrucksform zu kanalisieren, halte ich für völlig in Ordnung. Sport heißt Ehrgeiz, Sport heißt Kampf gegen sich selbst, die Uhr oder den Gegner.

Assmann: …wir reden doch aber jetzt über Fußball, eine Mannschaftssportart. Es herrscht große Einigkeit darüber, dass elf gute Einzelspieler nicht so gut sind wie eine funktionierende, gut eingespielte Mannschaft. Da wird dann nicht nur die Ellenbogengesellschaft widergespiegelt, sondern auch die Gesellschaft, in der man sich helfen muss, um weiterzukommen.

Celik: Wir haben mal ein Jahr lang unsere Spiele nur verloren, und trotzdem hat’s Spaß gemacht.

Morgenpost Online: Liegt im gemeinsamen Erleben die größte integrative Kraft?

Mirdita: Auf jeden Fall. Vielleicht sollten wir in dieser Debatte Profi- und Breitensport voneinander trennen. Sport als Abbau von Aggression und als Kanalisieren von Energie ist absolut wichtig.

Assmann: Natürlich geht es auch ums Gewinnen. Niemand geht vorsätzlich auf den Platz, um zu verlieren. Aber ich glaube, dass Fußball noch viel mehr birgt als nur die Frage nach dem Gewinner und Verlierer. Fußball ist facettenreich. Es gibt zum Beispiel auch Fairplay-Regeln. Fußball ist deshalb auf jeden Fall ein hilfreiches Integrationsmodell für die Gesellschaft. In unserem Verein richten wir Turniere mit Mannschaften aus aller Welt aus. Fußball ist dabei ein Ventil, nicht nur für Ausländer, sondern auch für viele Frauen. Frauen können sich beim Spielen austoben, was eigentlich typisch männlich ist. Auch in Gesellschaftskreisen, wo Frauen sittlich sein müssen, haben Frauen die Möglichkeit, durch das Fußballspielen an ihre Grenzen zu gehen. Fußball ist deshalb in doppelter Hinsicht ein wichtiger Katalysator für Integration: für Menschen verschiedener Nationalitäten und auch für Menschen verschiedener Geschlechter.

Morgenpost Online: Frau Celik, Sie haben sich entschieden, im August am Schiedsrichterlehrgang teilzunehmen. Sie könnten Geschichte schreiben als erste Schiedsrichterin, die in Deutschland mit Kopftuch pfeift.

Celik: Das wäre schon etwas Besonderes. Ich weiß auch, dass ich es nicht einfach haben werde als Schiedsrichterin. Aber ich baue auf meine Erfahrungen, die ich als Spielerin gemacht habe: Niemand hat mich ausgegrenzt, nur weil ich ein Kopftuch trage.

Buschkowsky: Ich bewundere trotzdem Ihren Mut. Das Pfeifen mit einem Kopftuch ist etwas Außergewöhnliches, mit dem man Angriffsfläche bietet. Der Schiedsrichter verkörpert doch ohnehin eine Art Hassfigur, an der der Frust über das gesamte eigene Unvermögen auf dem Platz abreagiert werden kann. Wenn ein Spieler oder eine Spielerin beim Schussversuch in die Grasnarbe haut, und der Ball nicht im Tor landet, lag es doch am Schiedsrichter, der das klare Foulspiel zuvor nicht gepfiffen hat…

Celik: Das kann natürlich so sein. Aber ich lasse mich trotzdem nicht davon abbringen. Und am Anfang wird auch mein Vater mit am Spielfeldrand sein und mich unterstützen. Meine Eltern waren übrigens nie dagegen, dass ich Fußball spiele und nun auch noch Schiedsrichterin werden möchte. Sogar mein Opa aus der Türkei war mal hier, eigentlich hätte man denken können, dass er sagt: Mädchen und Fußball – das geht nicht. Aber er meinte nur: Ich finde es schön, dass du spielst.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielen Vorbilder beim Thema Integration? In der deutschen Männer-Nationalmannschaft gibt es inzwischen mehr Spieler mit Migrationshintergrund als ohne, bei den Frauen machten zuletzt die aus dem Kosovo stammende Lira Bajramaj und Celia Okoyino da Mbabi, deren Mutter Französin und deren Vater Kameruner ist, von sich reden.

Mirdita: Lira Bajramaj ist im Kosovo inzwischen so bekannt, dass viele Mädchen und Jungen dort Trikots von ihr tragen. Dabei ist nicht nur zu beachten, dass sie es nach ganz oben geschafft hat, sondern dass sie sich auch gegen die Vorbehalte ihres Vaters durchgesetzt hat, der am Anfang dagegen war, dass sie Fußball spielt. Fußball hat ihren Charakter gestärkt, sie ist dadurch zu einer richtigen Persönlichkeit geworden. Für uns ist sie die beste Botschafterin, die wir uns denken können.

Morgenpost Online: Sind solche Positivbeispiele für gelungene Integration hilfreicher als viele gut gemeinte Integrationsprojekte?

Buschkowsky: Na klar. Denn Projekte wirken immer nur temporär und punktuell. Wie viele Menschen erreichen Sie mit einem Projekt? Zehn? Hundert? Und irgendwann ist es vorbei. Solche Beispiele wie jenes von Lira Bajramaj haben eine viel stärkere und dauerhaftere Wirkung. Allein dadurch, dass viele nun genauso werden wollen wie sie. Das ist identitätsstiftend.

Mirdita: Spielerinnen wie Lira Bajramaj sind Brückenbauerinnen, weil sie zu Vorbildern taugen. Diese Wirkung ist beachtlich.

Assmann: Im Frauen-Fußball hat das Thema Vorbilder ja noch keine große Tradition. Ich war zum Beispiel beim Eröffnungsspiel der Frauen-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Kanada, und was mich am meisten gefreut hat, war die Tatsache, dass dort ganz viele Mädchen und Jungen im Stadion waren, die Namen der Nationalspielerinnen auf ihren Trikots getragen haben. Das ist etwas völlig Neues. Es gab ja auch gerade das erste Panini-Album für Frauen, zudem sind Spielerinnen als Barbie-Puppen nachgebildet worden. Man sieht also: Spätestens dadurch ist Frauen-Fußball als richtiger Beruf anerkannt worden.

Morgenpost Online: Jetzt könnte man kritisch nachlegen: Die Trikots gibt es aber nur in Frauen-Größen, klare Benachteiligung für die Männer, oder?

Buschkowsky: Frauensport wird nach wie vor oft belächelt. Es fehlt vielen der „Hero“-Faktor des Männersports. Stärke, Kampfbereitschaft bis hin zur Brutalität gelten nun einmal als männliche Domäne. Warum gehen die Menschen zum Boxen? Um die edle Beintechnik zu bewundern? Wohl kaum, die Zuschauer wollen, dass da jemand platt am Boden liegt. Das gilt auch für den Männer-Fußball, wo die Frage nach Sieger und Verlierer mehr Emotionen weckt als bei den Frauen. Den Gegner zu besiegen, ist eine Frage der Ehre. Deshalb kommt es auch zu dem Ungleichgewicht in der Bezahlung, das ich ungerecht finde. Der Verband sollte mit gleichen Prämien für das Erringen eines Titels vorangehen.

Mirdita: Ich bin mir sicher, dass sich das künftig ändern wird. Die Frauen werden zwar nie auf das Prämien-Niveau der Männer kommen, aber es wird bestimmt eine Angleichung geben – wobei ich allerdings annehme: Das wird schon noch Jahre dauern.

Assmann: Der Frauen-Fußball sollte dem Männer-Fußball nicht in allem nacheifern. Den Männern wird schließlich oft vorgeworfen, dass es nur ums Geschäft geht. Und darauf können die Frauen, denke ich, ganz gut verzichten. Viel wichtiger wäre für mich, dass Fußball spielende Frauen in Deutschland nicht mehr gegen Vorurteile kämpfen müssten. Ein Mädchen, das Fußball spielt, wird doch gern als Junge wahrgenommen. Da ist Fußball eben noch immer eine Männer-Domäne. Wir sehen doch gerade bei der Weltmeisterschaft, dass sogar dort viele Fußballerinnen aus der Nationalmannschaft in Werbeaufnahmen zeigen müssen, wie weiblich sie sind – weil sie Fußball spielen.