Vor der IOC-Entscheidung

Warum Rio de Janeiro Favorit auf Olympia 2016 ist

Freitag entscheidet das IOC in Kopenhagen, ob die Olympischen Sommerspiele 2016 in Chicago, Rio de Janeiro, Tokio oder Madrid ausgetragen werden. Die brasilianische Metropole am Zuckerhut gilt als Favorit – doch die drei Konkurrenten versuchen das Blatt mit Finten und prominenten Lobbyisten noch zu wenden.

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Das Schlimmste soll der Terminplan verhindern. Dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) steht am Freitag eine heikle Abstimmung bevor. Es muss in Kopenhagen unter den Bewerbern Chicago, Rio de Janeiro, Tokio und Madrid den geeignetsten Ausrichter für die Sommerspiele 2016 aussuchen. „Ich erwarte, dass nur wenige Stimmen den Ausschlag geben“, prophezeit IOC-Chef Jacques Rogge, „es gibt keinen Favoriten. Keine Bewerbung hinkt hinterher. Alle Szenarios scheinen möglich.“

Doch sein Komitee hat schlechte Erfahrungen gemacht mit diesen Abstimmungen, bei denen das höchste Gut der Bewegung auf dem Spiel steht. Da für Olympia riesige Bau-, Handels- und andere Aufträge vergeben und Milliarden Euro bewegt werden, bescherte die Spielevergabe dem IOC die größte Existenzkrise: Auch seinem Versprechen, eine Ära besserer Transparenz und Sauberkeit einzuleiten, verdankt der Belgier Rogge 2001 seine Wahl zum Anführer, nachdem mit dem Skandal um die Winterspiele in Salt Lake City 2002 die Bestechlichkeit im IOC aufflog.

Daher lässt sich die Handschrift des Präsidenten erahnen, wenn in Kopenhagen der Abstimmung am Freitag erstmals keine vorbereitenden Sitzungen des IOC-Vorstands vorausgehen. Nachdem bereits die Reisen der Olympier in die Kandidatenstädte gestrichen wurden, engt das den Spielraum trickreicher Lobbyisten weiter ein: Es bleibt nur der Donnerstagabend um die offizielle Eröffnung der Session und schließlich der Freitag, an dem sich im Bella Center noch mal alle Kandidaten präsentieren.

Die Sensibilität wirkt keineswegs unbegründet. Wegen der Bedeutung des Entscheids können die Herren der Ringe ihren eigenen Einfluss und ihre Bedeutung der sich anbahnenden Gästeliste entnehmen: Kopenhagen verspricht, zur Fortsetzung des Weltwirtschaftsgipfels auf sportlicher Ebene zu geraten. Madrid, aufgrund der halbherzigen Antidopingbemühungen und zwei vorausgehender Olympischer Spiele auf dem Kontinent Europa ans Ende der Favoritenliste gesunken, karrt seinen König Juan Carlos und Premierminister Jose Luis Rodriguez Zapatero an. Außerdem baut Madrid, zuletzt vor vier Jahren London unterlegen, auf den fortdauernden Einfluss des früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch aus Spanien, der nach der Einleitung der kommerziellen Ära Olympias ab 1980 vielen IOC-Mitgliedern persönlich den Weg ins Komitee samt Segnungen ebnete.

Tokio setzt auf die kaiserliche Familie


Tokio, ebenfalls in eine Außenseiterposition geraten, setzt auf die Unterstützung durch ein Mitglied der kaiserlichen Familie und den neuen Ministerpräsidenten Hatoyama. Und Chicago baut noch immer darauf, den in der Wählergunst offenbar in Front liegenden Kandidaten Rio mit dem berühmtesten Aufbruchstimmungserzeuger der Welt zu überrunden. Seit eine Vorhut aus dem Weißen Haus sich in Kopenhagen umgesehen hat, spekulieren alle, dass Barack Obama die Lehre des britischen Premiers Tony Blair vor vier Jahren beherzigt: Als Charmeur vor Ort in Singapur lotste der so viele Stimmen zu London, dass Olympia 2012 überraschend in England landete. „Wenn Obama zur Reise überredet werden kann, glaube ich, dass das einen großen Unterschied macht“, sagt der Kanadier Richard Pound, einer der erfahrensten und einflussreichsten Olympier im Komitee, „er ist eine Veränderungen bewirkende Figur in der Welt von heute.“

Bisher hat Obama offiziell auf seine Beanspruchung durch die Arbeit an der Gesundheitsreform verwiesen und sich nur in einem pathetischen Brief an die 106 IOC-Mitglieder gewendet: „Ich glaube, wir haben eine historische Chance Möglichkeit, gemeinsam große Dinge zu bewerkstelligen“ schrieb der Schöpfer der Wir-können-das-Parole: „Chicago ist geschaffen, globale Feierlichkeiten auszurichten und es wird eine spektakuläre olympische Erfahrung bieten.“

Wer bekommt die Stimmen des Erstrundenverlierers?

Prognosen sind auch deswegen gefährlich, weil viel davon abhängt, welche Stadt die Stimmen des Erstrundenverlierers ergattern kann, weil kaum ein Bewerber sofort eine eindeutige Mehrheit bekommt.

Trotz des Obama-Faktors sympathisieren bislang offenkundig viele Olympier mit Rio de Janeiro, weil die Spiele noch nie in Südamerika stattfanden. Bei einer Präsentation im Sommer in Lausanne am Sitz des IOC haben die Brasilianer geschickt das Alleinstellungsmerkmal herausgearbeitet: Auf einer Weltkarte waren bisherige Ausrichterstädte markiert, nur Afrika und Südamerika blieben blank. „Im Prinzip wäre es schön für die Universalität der Spiele, gingen wir auf einen Kontinent, der sie noch nie organisiert hat“, sagt der Schweizer IOC-Vorständler Denis Oswald, „aber nur, wenn wir Vertrauen haben, dass technische und alle weiteren Voraussetzungen erfüllt sind.“

Brasilien ist überzeugt, schon für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 seine Sicherheitslage so verbessern zu können, dass sich auch Olympia 2016 keine Sorgen machen muss. Emsig bereist der charismatische Staatspräsident Luis Inacio Lula da Silva seit Wochen die Welt, um vollmundig Überzeugungsarbeit zu leisten. „Für andere wäre das einfach nur ein weiteres Olympia, für Brasilien wäre es etwas, das die Selbstachtung der Menschen erhöht“, sagte er vorigen Dienstag in New York, „keine andere Stadt muss unbedingt Olympia ausrichten. Brasilien aber braucht es.“