Brasiliens Metropole

Rio de Janeiro – ein Paradies für junge Leute

Lebenslust, ein beeindruckendes Nachtleben, vielfältige Freizeitmöglichkeiten, günstige Preise und ein im Straßenbild sehr präsenter Körperkult. Mit dieser nicht nur für junge Menschen attraktiven Mischung hofft Rio de Janeiro im Oktober auf den Zuschlag als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2016.

Mitternacht ist lange vorbei, die Band im „Rio Scenarium“ spielt Samba, Bossa Nova und Forró. Die Tanzfläche ist überfüllt, die Stimmung mitreißend und folgendes Bild ein Klischee: An der Bar steht ein Berliner Tourist, nennen wir ihn Jens. Er genießt die Musik, er hält ein kühles Bier in der Hand, als zwei dunkelhaarige Schönheiten seine Nähe suchen. Versonnen blickt er in die Ferne und wirft eine Frage in den mit zahlreichen Menschen und noch mehr Film- und Theaterrequisiten vollgestopften Raum hinein: „Kann Leben schöner sein?“


Tja. Wer das vorher nur vom Hörensagen kannte und dann live vor Ort miterlebt, wie sich alle Klischees einer typischen brasilianischen Partynacht – zwanghaft in die Beine gehende Musik und ausgelassene, entspannte Stimmung im Einklang mit ersten Anwerbungsversuchen offensiver Damen – bewahrheiten, der kann auf diese Frage nur mit einem „Nein“ antworten. Denn zu faszinierend ist diese Samstagnacht in Lapa. Das frühere Problemviertel Rio de Janeiros hat sich mittlerweile zum beliebten Szenebezirk entwickelt und so mit dafür gesorgt, dass die Sechs-Millionen-Metropole viele junge Menschen aus aller Welt anzieht, die an einem Abend wie diesem das Gleiche sagen wie Jens aus Berlin.

Dabei lag der heruntergekommene Innenstadtbezirk Ende der 90er-Jahre am Boden. Doch dann hatte der Antiquitätenhändler Plinio Fróes die rettende Idee: Er funktionierte seinen Laden mit alten Requisiten, die dort heute noch an den Wänden und unter der Decke hängen, in einen Nachtklub um – und hatte damit Erfolg. Weil die Mieten in der Gegend günstig waren, begeisterte er andere Restaurantbesitzer für einen Umzug nach Lapa, das dadurch bald zum beliebtesten Ausgehbezirk wurde.

Mittlerweile reihen sich hier in vielen Straßen Kneipen, Restaurants, Klubs, Billardbars und Tanzschulen aneinander. Und das Ausgehen muss hier gar nicht teuer sein: So beträgt der Eintritt im „Rio Scenarium“, dessen Räumlichkeiten sich auf drei Etagen mit insgesamt über 1000 Quadratmetern erstrecken, umgerechnet neun Euro. Wegen des großen Erfolgs plant die Stadt im Hafenviertel ein zweites Lapa: Derzeit werden leer stehende Lagerhallen zu Partytempeln umgebaut – 2011 soll alles fertig sein.

Aber Lapa und das „Rio Scenarium“ sind natürlich nicht der einzige lohnende Grund einer Rio-Reise für Junge und Junggebliebene, die auf das Geld schauen müssen. Dazu gehört zum Beispiel auch der Hippie Market auf der Praça General Osório. Er lässt sich perfekt mit einer durchfeierten Samstagnacht kombinieren, weil er nur sonntags geöffnet hat. Mitten im Wohnviertel von Ipanema gelegen, findet man hier zwar nicht mehr jene Hippies, die den Markt vor 40 Jahren gründeten. Dafür aber reiht sich auf dem Platz rund um den Springbrunnen eine große Auswahl an Kleidung, Schmuck, (Hand-)Taschen, Postkarten und Bildern, bunten Tüchern, Teppichen, Spielzeug und kulinarischen Spezialitäten aneinander, die eines gemeinsam haben: Alles ist handgemacht – und erschwinglich! Wer hier keine Mitbringsel findet, ist selber schuld.

Sparen lässt sich übrigens auch bei den Übernachtungen. Man muss nur das sogenannte „Cama e Café“-Projekt nutzen, die brasilianische „Bed and Breakfast“-Adaption in Santa Teresa. Im Künstlerbezirk am Hang mit der traditionellen Straßenbahn nehmen Privatpersonen in 50 Häusern Touristen auf. Die Gäste haben ein eigenes Zimmer mit Frühstück zu zivilen Preisen, Anschluss an den brasilianischen Alltag und den Vorteil, mitten in einem pulsierenden Viertel zu wohnen. Das Projekt wird von Franzosen, Kanadiern, Engländern und Holländern gut angenommen – die meisten Gäste kommen jedoch aus Deutschland.

Auch in der Altstadt Arco dos Telles mit ihren engen Gassen, unzähligen Restaurants, Kneipen und Cafés kann man viele Stunden verbringen. Abends ist es hier oft so voll, dass man anstatt auf Stühlen auf Bierfässern sitzt. Und die öffentliche Probe einer Sambaschule passt perfekt zu einer Stadt, die Bewegung, Sportlichkeit, Fitness und Körperkult zum Lebensmotto erhoben zu haben scheint. Schon früh am Morgen rennen Einheimische fast jeden Alters am Strand von Ipanema und Copacabana entlang oder spielen stundenlang Beachvolleyball. Hier scheint einfach jeder sportlich zu sein: Selbst die Müll- und Feuerwehrmänner joggen.

Wer während des Urlaubs nicht genug Disziplin aufbringt, sich ihnen anzuschließen, der sollte auf jeden Fall das 1950 erbaute Maracanã-Stadion besuchen. Werktags gibt es täglich mehrere Führungen durch die einstmals größte Fußballarena der Welt, in der Pele das 1000. Tor seiner Karriere erzielte. Man sieht die Kabinen, in denen sich die Stars umziehen, aber auch die VIP-Loge, von der einst Papst Johannes Paul II. eine Partie verfolgte. Noch beeindruckender ist allerdings der Besuch eines Live-Spiels in der heute „nur noch“ 96.000 Zuschauer fassenden Arena – im Idealfall eines der Lokalderbys zwischen zwei der vier großen Klubs Fluminense, Flamengo, Botafogo und Vasco da Gama. Wer glaubt, in Deutschland oder Europa schon einige stimmungsvolle Spiele gesehen zu haben, wird hier eines Besseren belehrt: Schon Stunden vor dem Anpfiff werden beide Teams von ihren Fans frenetisch gefeiert (das gegnerische Lager wird entsprechend fanatisch beleidigt). Während des Spiels herrscht überall eine friedliche Begeisterung auf den Rängen, die ihresgleichen sucht. Ein wirklich unvergessliches Gänsehauterlebnis – nicht nur für männliche Fußballfans.

Nach den früh gescheiterten Kandidaturen für 2004 und 2012 gehört Rio de Janeiro nun neben Chicago, Madrid und Tokio zu den vier Bewerbern für die Olympischen Sommerspiele 2016. Angesichts der starken Konkurrenz gilt die brasilianische Hafenmetropole nur als Außenseiter – obwohl Olympia vom Lebensgefühl der gesamten Bevölkerung in keine andere Stadt so perfekt passen würde. Entscheidet sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) am 2. Oktober für Rio de Janeiro, dann sicher auch wegen der großen Sportbegeisterung, der überall zu greifenden herzlichen Leichtigkeit, die man persönlich erleben muss, um sie anschließend so zu beschreiben: Das Leben kann nicht schöner sein!

Anreise : Von Frankfurt mit TAM Airlines über São Paulo, mit Air France über Paris oder mit Iberia über Madrid nach Rio de Janeiro.

Unterkunft : Cama e Café, Doppelzimmer ab 35 Euro, www.camaecafe.com
„Caesar Park Ipanema“, Doppelzimmer ab 320 Dollar plus 33 Dollar Frühstück pro Person, Telefon 0055/11-30 49 66 66, www.caesarpark-rio.com

Auskunft: Brasilianisches Fremdenverkehrsamt Embratur, Frankfurt, Telefon 069/96 23 87 33, www.braziltour.com
Rio Convention & Visitors Bureau, www.rioconventionbureau.com.br