Neue Sportart

Pechstein macht sich im Radsport keine Freunde

Claudia Pechstein beendet ihr Debüt bei den deutschen Bahnrad-Meisterschaften als Zehnte: Olympia 2012 in London ist weit weg.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Donnerstag, 7. Juli 2011, 14.07 Uhr, Velodrom an der Landsberger Allee. Für Claudia Pechstein beginnt, zumindest ist es ihr heimlicher Wunsch, möglicherweise in diesem Moment der schwierige Weg hin zu den Olympischen Spielen 2012 in London. Es geht für die 39 Jahre alte Eisschnelllauf-Spezialisten wie gewohnt immer links herum, aber nicht auf Schlittschuhen, sondern erstmals bei deutschen Bahn-Meisterschaften auf dem Fahrrad.

3:56,641 Minuten später endet das Abenteuer 3000-Meter-Einzelverfolgung mit einem aus tiefster Seele gesprochenen „Vorbei“. Das Gesicht der Berlinerin zeigt die Strapazen und das dennoch empfundene Glücksgefühl. Ein flüchtiges Küsschen von Lebenspartner Matthias Große (42), schnell eine Trinkflasche, einmal kurz mit der rechten Hand durchs etwas platt gedrückte Haar gefahren. Die Fotografen…

Das Debüt auf fremdem Terrain ist für Claudia Pechstein absolut respektabel gelaufen. Platz zehn unter 21 Starterinnen, die alle einen mehr oder weniger neugierigen Blick auf Deutschlands derzeit wohl am kontroversesten beurteilte Sportlerin geworfen hatten.

Unter vier Minuten bleiben

„Ich bin stolz und glücklich, ich hoffe das sieht man mir an. Ich wollte unter vier Minuten bleiben, bloß nicht stürzen und gut durchkommen. Jetzt bin ich echt kaputt, aber wenn ich das nicht wäre, müsste ich ja nicht hier sein“, ließ Pechstein ihren Gefühlen freien Lauf. „Das heute soll keine Eintagsfliege bleiben. Da ist noch mehr drin. Ich muss mehr trainieren und ganz einfach Erfahrung auf der Bahn bekommen. Mein Trainer hat mich gut vorbereitet. Er hat das Rad so eingestellt, dass ich mich sofort wohl gefühlt habe“, nahm die Berlinerin Antworten auf noch zu stellende Fragen gleich vorweg und setzte, ganz Leistungssportlerin, hinzu: „Ich bin zum ersten Mal aus einer Startmaschine gefahren. Daran muss ich definitiv noch arbeiten.“

Trainer Werner Otto, 1969 und 1971 Tandem-Weltmeister mit Hans-Jürgen Geschke, war rundum zufrieden. „Sie ist ein wenig zu hastig gestartet, war anfangs wohl einen Tick zu fix unterwegs“, sagte der 63-Jährige. Doch Otto ließ keinerlei Zweifel daran, das Abenteuer fortsetzen zu wollen. „Das, was sie heute gezeigt hat, ist eine gute Basis. Natürlich fährt die Weltspitze gute 20 Sekunden schneller. Aber ich glaube, Claudias höchste Hürde auf dem Weg nach Olympia ist die Zeit, die sie für das Eis aufbringen muss. Da müssen wir sehen, ob und wie das zusammenzubringen ist.“

Vogel ist nicht begeistert

Mit seinem Optimismus im Hinblick auf London 2012 greift Otto dem Gang der Dinge aber gewaltig vor – und macht sich nicht zwingend Freunde unter den Rad-Spezialistinnen. Kristina Vogel aus Erfurt, Titelverteidigerin über die 500 Meter, im Sprint und im Keirin, sagte im Vorfeld: „Bei all ihren Verdiensten in ihrer Sportart – ich finde es ziemlich frech, wenn sie sagt, sie will nach drei Wochen Training in die Spitze fahren und damit zu Olympia.“ Klare Worte. „Ich gebe mein Bestes. Mehr kann ich nicht tun. Was darüber hinausgeht, wie und wer nominiert wird, entscheide ja nicht ich“, konterte Pechstein indirekt.

Für Bundestrainer Thomas Liese stellt sich nach Claudia Pechsteins Einsatz zweierlei dar. Die gezeigte Leistung war eine ordentliche. Doch von der besten Qualifikationszeit der Cottbuserin Stephanie Pohl (3:40,135) trennten Pechstein eben fast 16 Sekunden. Das ist gleichbedeutend mit der Nichtqualifikation für die anstehenden Weltcup-Wettbewerbe. Liese: „Respekt vor ihrer Leistung, aber international geht da noch nichts. Nur wer bei den Weltcups fährt, hat eine Olympia-Chance. Da gibt es auch keine Sonderregeln.“ Die vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) angesetzte Norm für einen Weltcup-Einsatz liegt bei 3:42 Minuten. Dazu kommt, dass es für den BDR nur vier Olympiaplätze für die Bahn-Frauen gibt. „Sportdirektor Burckhardt Bremer: „Unter diesem Blickwinkel macht es Sinn, dass alle vier Fahrerinnen in der Mannschaftsverfolgung einsetzbar sind. Die Einzelverfolgung ist ja nicht olympisch.“

Unabhängig von zu erwartenden Fortschritten auf dem Rad lässt die Variante Olympia in London auch den Schluss zu, dass Pechstein nicht zuletzt mit einer möglichen Qualifikation die zuständigen Gremien dazu bringen will, ihren „Fall“ neu zu beurteilen. Pechstein war wegen erhöhter Blutwerte bis Februar 2011 gesperrt. Sie will beweisen, dass sie unter einer Blutanomalie leidet und ihre Dopingsperre nicht rechtens war. Denn wegen Dopingvergehen gesperrte Athleten unterliegen der Oaska-Regel, nach der Claudia Pechstein sowohl bei den Sommerspielen von London als auch bei den Winterspielen 2014 in Sotchi (Russland) nicht an den Start gehen dürfte.