Freispruch

"Alberto Contador wird munter weiter dopen"

Der frühere Dopingdealer Stefan Matschiner spricht mit Morgenpost Online über den Erfolg spanischer Athleten und die Parallelgesellschaft der Spitzensportler.

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Der Freispruch des dreimaligen Tour-de-France-Siegers Alberto Contador vom Dopingvorwurf empört auch zwei Tage nach Bekanntwerden die Öffentlichkeit. Der Österreicher Stefan Matschiner versorgte jahrelang Spitzensportler mit illegalen Substanzen. 2008 flog sein radelnder Kunde Bernhard Kohl auf. Matschiner wurde daraufhin zu 15 Monaten Haft, 14 davon auf Bewährung, verurteilt. All das beschreibt er in seinem Buch "Grenzwertig. Aus dem Leben eines Dopingdealers", das im Riva-Verlag (19,99 Euro) erschienen ist.

Morgenpost Online: Herr Matschiner, wie haben Sie den Freispruch für Alberto Contador erlebt?

Stefan Matschiner (35): Ich empfinde das, was dort in Spanien passiert ist und noch passiert, als ziemliche Frechheit. Es zeigt, wie sehr die Funktionärskaste in dem verlogenen „System Leistungssport“ mit drinhängt.

Morgenpost Online: Meinen Sie damit nur die spanischen Funktionäre, die im Fall Contador Druck aus der Politik bekamen?

Matschiner: In erster Linie, ja. Sie wollten den Fall von Anfang an vertuschen. Das hat dann nicht richtig geklappt, und jetzt versuchen sie, ihren großen Star ungeschoren aus der Affäre zu bekommen. Ich finde das gesamte Vorgehen in seiner Dreistigkeit übertrieben. Hier ist nun alles in die Öffentlichkeit gelangt. Aber es hat auch in anderen Ländern vergleichbare Fälle gegeben, in denen Politiker vertuscht und unter den Teppich gekehrt haben.

Morgenpost Online: Wo noch?

Matschiner: Überall, in Deutschland, Österreich. Ich will mich jetzt nicht hinstellen, und sagen, dass die Spanier die schlimmsten von allen sind. Aber der Umgang mit Contador ist unerreicht.

Morgenpost Online: Welches Licht wirft dieses Verhalten auf den gesamten, derzeit sehr erfolgreichen spanischen Sport?

Matschiner: Ein bisschen übertrieben haben es die Spanier schon in den vergangenen Jahren. Schauen Sie sich doch die Operacion Puerto (Dopingskandal 2006 – d.R.) an, und was daraus geworden.

Morgenpost Online: Sie waren lange im Umfeld des Radsports tätig. Welches Interesse hat der Weltverband UCI, seinen prominentesten Fahrer zu sperren?

Matschiner: Natürlich keinen, nehme ich an. Die UCI ist ein schwacher Verband. Denken Sie nur an Hans Holczer (ehemaliger Gerolsteiner-Teammanager – d.R.) und Christian Prudhomme (Direktor der Tour de France – d.R.), die immer gegen die UCI gekämpft haben. Daraus resultiert die Schwäche von Präsident Pat McQuaid. Andererseits ist es ohnehin egal, was mit Contador passiert, weil alle Tour-Sieger der vergangenen 15 Jahre eng mit Doping in Verbindung gebracht wurden. Es wäre für die UCI kein Super-Gau, sollte Contador eine Weile nicht fahren dürfen.

Morgenpost Online: Die UCI hat vor drei Jahren einen Blutpass für ihre Athleten eingeführt.

Matschiner: Es schaut so aus, als würde der versagen. Bald verhandelt der Cas den Fall Valjavec, der wegen seiner Sperre auf Grundlage des Blutpasses gegen die UCI klagt. Sollte der Blutpass fallen, wäre das das Ende der Indizienbeweisführung. Es wäre der Beweis, dass solche Verfahren nicht stichhaltig sind. Ohnehin sorgt der Blutpass eher dafür, dass die Athleten durchdopen, um jegliche Schwankungen bei den Werten auszuschließen.

Morgenpost Online: Demnach ist es an der Weltantidopingagentur Wada, die Sperre einzufordern. Das deutsche Innenministerium plant offenbar, die Zuschüsse für die Wada einzufrieren. Wie effektiv ist der internationale Antidopingkampf noch?

Matschiner: Meinen Sie diese Frage ernst? Im Peloton der Tour de France sind 95 Prozent gedopt, im olympischen 100-Meter-Finale 100 Prozent. Trotzdem fliegt fast niemand auf. Die Wada ist ein Papiertiger, mehr nicht.

Morgenpost Online: Dennoch besteht die Möglichkeit, dass der Sportgerichtshof Cas den Freispruch kassiert. Was würde eine Sperre für Contador bedeuten?

Matschiner: Eine solche Sperre ist doch die ideale Möglichkeit, ein paar neue Blutbeutel anzulegen. So funktionieren solche Sportler. Dann darf er im August wieder fahren, pünktlich zur Spanien-Rundfahrt – na so ein Zufall. Der hat soviel Geld verdient, das er nicht zurückzahlen muss; das wird ihm alles völlig egal sein.

Morgenpost Online: Contador sieht sich als Opfer und sagt: „Mein Image hat einen solchen Schaden erlitten, dass dieser nicht wieder gutzumachen ist.“ Andererseits feierte er gestern sein Comeback bei der Algarve-Rundfahrt.

Matschiner: Da muss ich nur noch lachen. Der Leistungssport ist wie ein abgeschlossener Raum, eine Parallelwelt, zu der kein Außenstehender Zugang hat. Contador tritt nun aus diesem Raum heraus und muss die Lügen herunterbeten, die die Öffentlichkeit hören will. Er hat sich im Sommer ein bisschen verkalkuliert. Aber auch er wird munter weiterdopen, wenn er nicht in Zukunft bei der Tour de France auf Platz 70 landen will.

Morgenpost Online: Herr Matschiner, Sie kennen Dutzende unenttarnte Dopingsünder. Dennoch nennen Sie in Ihrem Buch keinerlei Namen. Warum nicht?

Matschiner: Ich bin doch nicht der Messias. Ich könnte Ihnen jetzt 50 Namen von Sportlern nennen, die verbotene Mittel nehmen. Und dann? Reden die verlogenen Funktionäre von der Wada und von den Verbänden wieder von den schwarzen Schafen, die aufgeflogen sind. Aber in Wahrheit ist die ganze Herde schwarz bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Diejenigen, die ich nicht betreut habe und nicht belasten kann, lachen sich ins Fäustchen und freuen sich über ein paar Konkurrenten weniger.

Morgenpost Online: Die Öffentlichkeit würde auf 50 Betrüger weniger hereinfallen.

Matschiner: Ungedopt Hochleistungssport zu betreiben ist riskanter, als sich von ein paar Mittelchen helfen zu lassen. Bei einem Ausdauerathleten fällt nach einer harten Trainingseinheit der Testosteron-Spiegel dramatisch ab. Das macht ihn sehr anfällig für Krankheiten. Ein Radprofi, der vor der Tour de France einen Hämatokritwert von 43,5 hat und nichts nimmt, hat nach der Tour nur noch einen Wert von 36. Und das soll gesund sein? Deswegen sage ich: Bestimmte Arten von Doping sind – vorausgesetzt unter ärztlicher Kontrolle eingenommen – sogar gesund.

Morgenpost Online: Ihr Kollege Eufemiano Fuentes war 2006 zentrale Figur eines Dopingskandals. Trotzdem scheint er weitergemacht zu haben; im vergangenen Jahr flog er erneut auf. Planen Sie ebenfalls ein Comeback?

Matschiner: Wieso aufgeflogen? Fuentes hat nichts Verbotenes getan. Ich hingegen bin komplett raus. Ich habe mich beruflich verändert. Ich handele nun mit getrockneten Pilzen. Ziel ist es, die amerikanische Spitzmorchel im europäischen Markt neu zu positionieren.