Radsport

Contador ist die große Reizfigur der Tour de France

Am Samstag beginnt die 98. Auflage der Tour de France. Titelverteidiger Alberto Contador aus Spanien geht wegen Dopingverdachts unter Vorbehalt an den Start.

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Die Tour de France ist in Frankreich ein Monument, über Radsport wird mitunter gesprochen wie über eine Religion. Hier lieben sie bildhafte Sprache und Symbolik. Was wäre zum Start der 98. Auflage also treffender gewesen, als dem Publikum die Starter des bedeutendsten Radrennens der Welt in der gallo-romanischen Arena des Erlebnisparks Puy du Fou zu präsentieren?

Dort rollten die 198 Fahrer Donnerstagnachmittag wie Gladiatoren auf ihren Rennmaschinen hinein und durften den Applaus von den Rängen genießen, bevor sie sich am Samstag (14 Uhr, Eurosport) auf ihren dreiwöchigen, 3430 Kilometer langen Weg nach Paris machen. Treffend heißt es in der Werbung für den Park: „Sie können während Ihres Aufenthalts in Puy du Fou der realen Welt komplett entfliehen“ – eine Aussicht, die Alberto Contador behagen könnte. Bei der offiziellen Teampräsentation wurde der Spanier als einziger Fahrer ausgebuht und ausgepfiffen.

Der Sieger der Jahre 2007, 2009 und 2010 ist auch in diesem Jahr der Favorit, allein die Halbwertszeit eines etwaigen erneuten Triumphs ist höchst fraglich – was das Rennen nachhaltig belastet. Contador fährt unter Vorbehalt, nachdem ihm nach der Tour im vergangenen Jahr sowohl Clenbuterol- als auch Spuren von Weichmachern im Blut nachgewiesen worden sind, die auf verbotene Bluttransfusionen hindeuten können.

Eine Suspendierung des Madrilenen wurde daheim recht rasch wieder aufgehoben, weil Spaniens Radsportverband seinen prominentesten Lizenznehmer nach Kräften protegiert und ihm die Legende vom verseuchten Kalbfleischkonsum – offenkundig gar zu gern – abnahm. Der Weltverband UCI und die Weltantidopingagentur Wada legten Einspruch ein, nun ist der Fall vor dem Internationalen Sportgerichtshof anhängig. Doch der Cas hat Contadors Anhörung von Juni auf Anfang August, also nach der Tour de France, verlegt.

Es ist eine skurrile Situation, für alle Beteiligten – und Unbeteiligten. „Klar ist das frustrierend. Vor allem, weil niemand, uns Radprofis eingeschlossen, sie versteht. Es ist eine Schande, dass eine Entscheidung nicht vor der Tour fällt“, maulte unlängst Thor Hushovd (33/Team Garmin-Cervelo) gegenüber der Zeitung „Dagbladet“, und nicht nur Norwegens Weltmeister dämmerte: „Das gibt wieder nur negative Schlagzeilen.“

Contador selbst mimte am Donnerstag Gelassenheit und will sich „allein auf das Rennen konzentrieren“, das er wie schon den diesjährigen Giro d’Italia aufreizend leichtfüßig zu gewinnen droht. „Ich bin zuversichtlich, dass es nicht passieren wird, aber sollten sie (Cas; d. Red.) mir den Sieg anschließend nehmen, wäre das komplett lächerlich“, sagte der 28-Jährige: „Von Beginn der Saison an bin ich der am meisten kontrollierte Fahrer. Hier wird es wieder so sein.“ Sein Teamchef vom Rennstall Saxo Bank-Sungard, Bjarne Riis, sagt lapidar: „Ich sehe nicht, warum Alberto bestraft oder suspendiert werden sollte. Er wurde frei gesprochen. Wenn Sie mit der Lösung ein Problem haben, sollten sie das System in Frage stellen – nicht uns. Wir halten uns nur an die Regeln.“

Contador taugt auch sonst zur Reizfigur bei dieser Grande Boucle, für die die Organisatoren eine so knifflige wie attraktive Streckenführung ausbaldowert haben. Im Raum steht der Vorwurf, Contador habe sich den Rundfahrtsieg voriges Jahr unfair verschafft, indem er seinen Verfolger Andy Schleck just dann attackiert und 39 Sekunden Vorsprung herausfuhr, als der eine Panne hatte. Contador habe sich tags darauf entschuldigt, erzählte Schleck der Zeitung „L’Equipe“: „Ich sagte ihm auf Englisch: ‚Ich verzeihe dir, aber ich vergesse nicht’.“ Contador bleibt unter Beobachtung. So oder so.