Fussball-WM der Frauen

Lesbischer Zickenkrieg kostete Voss fast die Karriere

Als Europameisterin 1989 bekam Martina Voss vom DFB als Prämie das legendäre Kaffeeservice. Danach verstrickte sie sich in einen Zickenkrieg mit Inka Grings.

Foto: Reto Klar

Vor ihr auf dem Tresen türmen sich Teller und Tassen aus weißem Porzellan, die Ränder verziert mit zarten blauen, gelben und roten Blüten – Mariposa, jenes legendär gewordene Kaffeeservice, das Deutschlands beste Fußballfrauen 1989 als Prämie für ihren Sieg bei der Europameisterschaft im eigenen Land erhalten hatten, den ersten von inzwischen insgesamt sieben EM-Titeln des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Das Kaffeeservice, „es steht für unseren Sport und es steht für diese Zeit“, sagt Martina Voss, 43. Und für all die Irrungen und Wirrungen ihres Sports seit Anfang der 80er-Jahre steht kaum jemand so sehr wie sie.

Sie erlebte sportliche Erfolge und Zickenkriege und all die Klischees, die den Frauenfußball begleiten. Die Ehe mit Hermann Tecklenburg, einem fast 20 Jahre älteren Bauunternehmer, soll der Schlusspunkt eines bisweilen turbulenten Liebeslebens sein – und eines steht sowieso fest: „Nie wieder“, sagt die heutige Frau Voss-Tecklenburg, werde sie eine Frau lieben.

Aus ihrem Leben erzählt sie ohne Tabus, weil es die auch in ihrem Leben nicht gegeben hat. Sie hat eine Tochter, Dana, die bald volljährig wird. Das große, schlanke Mädchen mit den braunen Haaren stammt aus einer Beziehung, die zerbrach, und an deren Ende Voss sich in die Arme einer Frau flüchtete; besser: in die einer Mitspielerin. Inka Grings , die zum Aufgebot von Silvia Neid für die am Sonntag beginnende Heim-WM gehört.

Die Liebe zu Grings, die entflammte, „weil Frauen einander nun mal schneller und leichter in den Arm nehmen“, endete auf hässliche Weise. Und Voss’ Karriere als Nationalspielerin gleich mit. Fünf Monate vor den Olympischen Spielen in Sydney. 125 Länderspiele, das Kapitänsamt – mit einem Mal war das alles nichts mehr wert. Offiziell wegen „atmosphärischer Störungen“. Tatsächlich war ein Zickenkrieg entbrannt, den der keusche DFB unter allen Umständen vor der Öffentlichkeit geheim halten wollte. An den offenen Umgang mit dem Thema Homosexualität, den der Verband heute propagiert, war seinerzeit nicht zu denken.

Zwei Tage vor einem Länderspiel gegen Italien hatte Voss von einer Affäre ihrer Lebensgefährtin erfahren, mit der sie sechs Jahre zusammen war. Sie wurde hysterisch, panisch – und flüchtete sich in die Notlüge, eine gute Freundin sei schwer verunglückt. Erst nach Stunden erklärte Voss der damaligen Bundestrainerin Tina Theune-Meyer, was wirklich vorgefallen war. Sie erntete Verständnis und Mitgefühl, das tat gut. Umso mehr schmerzte es am nächsten Tag, dass die Bundestrainerin ihr untersagte, am Training teilzunehmen. Sie sei psychisch nicht in der nötigen Verfassung. „Ich will, dass du abreist“, befahl Theune-Meyer ihrer Spielführerin – der Eklat war perfekt.

Tagelang rätselten die Medien über die Hintergründe, und Voss sagt, sie habe bis heute keine Begründung für ihren Rauswurf erhalten; jedenfalls keine, die sie nachvollziehen könne. Das Wort „Bauchentscheidung“, das Theune-Meyer benutzte, fiel erstaunlicherweise nicht in diese Kategorie. Enttäuscht war Voss aber auch von ihren wissenden Mitspielerinnen, „feige“ nannte sie sie. Der Vorwurf richtete sich in erster Linie an Doris Fitschen , damals ihre Kapitäns-Stellvertreterin. Steffi Jones dagegen, die Cheforganisatorin der WM 2011, habe sich „später für ihr fehlendes Rückgrat bei mir entschuldigt“, sagt Voss.

Martina Voss strahlt heute Ruhe aus, ihre Ausgeglichenheit ist auffällt. Sanft führt sie den Löffel durch die Tasse. Als „ruhiger, positiver und gelassener als früher“ beschreibt sie sich und kann sogar über den Spätsommer 2000 sprechen. Eines Morgens wachte sie da in ihrer Duisburger Dachgeschosswohnung auf, es war einer dieser Momente, von denen es gut ist, dass es sie gegeben hat. Vögel zwitscherten, die Sonne schien warm durch die Scheiben des zum Schlafzimmer umfunktionierten Wintergartens, und die Frau, die damals keine Nationalspielerin mehr war, richtete an sich in Gedanken die entscheidenden Fragen: Warum lässt du zu, dass die Menschen dir weh tun? Dass Heulkrämpfe dich plagen, du in Selbstmitleid zerfließt und Hass verspürst?

Emotional ist Voss geblieben. Sie sagt, sie kann „glücklicher sein als andere Menschen, aber auch trauriger“. Mit dem Unterschied, dass diese Gefühlsausschläge sie heute in geordneten Bahnen durchströmen. Damals hätten die Selbstzweifel in einer Tragödie enden können.

„Ich kann die Menschen verstehen, die in einer solchen Situation abdriften“, sagt Voss, „die dem Alkohol verfallen oder sich vor den Zug werfen“. Voss hatte liebe Menschen, die nachts um vier an ihrer Bettkante saßen und ihre Hand hielten, wenn sie sich wieder einmal in den Schlaf zu weinen versuchte. Wochenlang ging das so, über Monate.

Begonnen hatte die internationale Karriere der Martina Voss 16 Jahre zuvor, 1984. Gerade einmal seit zwei Jahren fanden zu der Zeit offizielle Länderspiele statt, im Eiltempo war die Blondine in den Elitekreis vorgedrungen. Ihre Anfänge sind die von hunderten anderer Frauen ihrer Generation: Die Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter spielt: „Mädchen“, sagte die Mama, „du bist so zart, ich will das nicht, mach’ was anderes.“ Also Handball, Tischtennis. „Aber Fußball war meine Liebe“, sagt Voss, und als dann zum ersten Mal in der Zeitung von ihr berichtet wurde, war auch die Mama furchtbar stolz.

Doch wie war es erst in jenen Tagen im Juni und Juli 1989: Die Mauer, die das Land noch teilte, bekam erste Risse. Aber das Thema in den Nachrichten war ein anderes, und das war eine veritable Premiere. Zum ersten Mal beschäftigte sich eine breitere Öffentlichkeit mit Frauen in Stollenschuhen. Das EM-Halbfinale gegen Italien war nicht nur das erste Frauenfußball-Spiel, das live im Fernsehen übertragen wurde. Für den abschließenden Elfmeterkrimi wurde sogar die heilige Tagesschau nach hinten verschoben. Zum Finale gegen Norwegen (4:1) kamen 22.000 Zuschauer ins Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück.

Als Prämie spendierte der DFB seinen Amateurkickerinnen statt Geld zunächst ein Schreiben des damaligen Verbandspräsidenten Hermann Neuberger, das aus heutiger Sicht der Gipfel des Chauvinismus ist. Sie hätten sich im kleinsten Kreise des Präsidiums darüber Gedanken gemacht, wie man den Spielerinnen „wohl am besten eine Freude machen“ könne. Und bei diesem Brainstorming, das damals noch Nachdenken genannt wurde, kam „ein praktisches Geschenk“ heraus. Jenes berühmte 23-teilige Kaffee- und 18-teilige Tafelservice mit Namen „Mariposa“. Und weil der großherzige Verband seine Champions ganz gentleman-like nicht damit belasten wollte, „von dem nächsten Treffpunkt der Nationalmannschaft aus die zwei riesigen Pakete mit in ihr Heim schleppen zu müssen“, wurden Anschrift und Telefonnummer, „soweit wir letztere kennen“, an den Hersteller geleitet.

Es war die Zeit der Fußballerin Martina Voss. Wenn sie heute darüber spricht, muss sie selbst lachen. Eine schöne Zeit war es dennoch. Der Pioniergedanke, zur ersten Generation von Nationalspielerinnen gezählt zu haben, wurde von außen an sie herangetragen. „Wir wollten nur eines: Fußball spielen.“ Inklusive der Flurpartys nach Länderspielen. In deren Rahmen residierten die Auswahlkickerinnen noch nicht wie die Spielerinnen von heute in noblen Hotels. Ihre Heimat waren die Sportschulen im Land, nach den Spielen trafen sich alle auf den Fluren, „mit einem Bier in der Hand und mit ordentlich Musik“. Sie reisten ins Ausland, „in Länder, in denen wir vorher nie waren“. Im Trainingslager auf Island grillten sie einmal frisch gefangene Fische von gewaltiger Größe, und am Ende des lustigen Abends tanzten sie auf den Tischen. Auch Gero Bisanz, ihr Trainer, der zu diesem Job von seinen Kollegen eher gezwungen werden musste.

Mag im Hier und Jetzt des zunehmend professionalisierten Frauenfußballs auch „das Miteinander, das Menschliche gelitten haben“, so wäre Voss doch zu gerne noch mal Anfang 20 und wie der aktuelle Shootingstar Alexandra Popp auf ein Fußball-Internat gegangen. „Ich wäre die Erste gewesen, die gesagt hätte: Mama, ich bin weg!“

Doch so sehr die Frauen im Fußball auch vorangekommen sein mögen – es grämt Voss zutiefst, dass sie es nicht schaffen, ein letztes Tabu zu durchbrechen. Sie, die 1997 die Ausbildung zur Fußballlehrerin mit der Durchschnittsnote 2,0 abschloss, beklagt, dass kein Klub im Männerfußball den Mut aufbringt und auch einmal einer Frau eine Chance als Trainerin gibt. Sie wird dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Von der kommenden Saison an übernimmt sie aber zunächst das Amt in Jena, ein Frauen-Bundesligist zwar, doch ein solcher, der im heterogenen Zwölferfeld stets nur gegen den Abstieg kämpft. Das zu verändern, ist Voss’ Motivation; dafür ist sie auch bereit, fortan zu pendeln zwischen Thüringen und der Gegend kurz vor der holländischen Grenze.

Bis Februar hatte sie noch ganz in der Nähe den FCR Duisburg betreut. Wie es da zum Aus kam, passt ebenso zur ungewöhnlichen Vita der Martina Voss wie das, was im Anschluss daran passierte. Entlassen wurde sie, weil der Vorstand ihr zum Vorwurf machte, erfolgsbesessen zu sein und enormen Druck auf die Mannschaft ausgeübt zu haben. Es passt eher nicht in diese Darstellung, dass ihre Spielerinnen in einem offenen Brief erklärten, „dass wir deine Beurlaubung sehr bedauern“. Vorgetragen wurde dieser bei einer Pressekonferenz übrigens von der Spielführerin des FCR – Inka Grings.

Mag das nach dieser Vorgeschichte verwundern, Voss wundert sich nicht. Sie hat Frieden geschlossen mit den Dingen der Vergangenheit. Die Geschehnisse des Sommers 2000 „haben lange im Herzen wehgetan“, sagt Voss, „aber die Zeit heilt Wunden.“ Mit ihrer ehemaligen Geliebten Inka Grings hat sie sich ausgesöhnt, und auch mit der damaligen Nationaltrainerin Theune-Meyer sind die Dinge wieder auf Kurs gebracht worden. Seit etwa drei Jahren sprechen sie wieder miteinander. Aber über das, was damals vorgefallen ist, haben sie nie wirklich geredet. „Vielleicht irgendwann mal“, sagt Voss, „am offenen Kamin bei einer Flasche Wein.“

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