Kanadischer Botschafter

"Fußball in Kanda ist ein bisschen anders"

Am Sonntag wird Peter Boehm sein Land im Olympiastadion vertreten. Im Interview mit Morgenpost Online spricht der kanadische Botschafter über Frauenfußball in seiner Heimat, seine Vorfahren aus Sachsen und das komische Wort "Mannschaft".

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Am Sonntag hat Peter Boehm, Botschafter von Kanada, einen schönen Job: Er sitzt auf der Ehrentribüne, wenn sein Land im Spiel gegen Deutschland die Fußball-WM der Frauen eröffnet. Seit 2008 vertritt der Historiker Boehm Kanada in Deutschland. Sein Alter verrät er im Gespräch mit Christina Brüning nicht. Nicht aus Eitelkeit, sondern, weil man Privates in Kanada nicht erzähle – um Diskriminierung vorzubeugen. Und auch in Sachen Frauenfußball läuft in Nordamerika offensichtlich einiges anders als in Deutschland.

Morgenpost Online: Herr Botschafter, haben Sie schon mal ein Frauenfußballspiel angeschaut?

Peter Boehm: Natürlich. Das war allerdings ein Spiel von jüngeren Kindern. Was man in Deutschland nicht so weiß: Unser nationaler Fußballverein besteht schon seit 1912.

Morgenpost Online: Auch mit Frauenfußballmannschaft?

Peter Boehm: Die Frauen haben nicht ganz so früh angefangen. Aber in all unseren Provinzen ist Fußball sehr beliebt. Auch bei den Frauen. Wir zählen ungefähr 370.000 registrierte Fußballspielerinnen in Kanada, in allen Altersgruppen. Und die Vereine wachsen schneller als die der Männer.

Morgenpost Online: Ich gehe mal davon aus, dass Sie am Sonntag auch im Stadion sitzen werden…

Peter Boehm: Unbedingt! Ich werde auf der Tribüne sitzen mit der politischen Prominenz, wie man mir gesagt hat. Leider kann keine politische Persönlichkeit aus Kanada nach Deutschland kommen, weil wir gerade Wahlen hatten und viel zu tun ist. So bin ich dann der Vertreter unseres Landes.

Morgenpost Online: Und was meinen Sie – wie hoch werden die Deutschen die Kanadierinnen besiegen?

Peter Boehm: Ach, meinen Sie, ja? Ich bin mir da nicht so sicher. Es sind beide sehr gute Mannschaften. Auch wenn ich das Wort „Mannschaft“ ein wenig komisch finde in diesem Kontext – eine weibliche Mannschaft. Also die beiden Teams sind gut trainiert, beim letzten Zusammentreffen hat Deutschland Kanada besiegt. Aber unsere Frauen haben ihre letzten Spiele alle gewonnen. Es wird ein spannendes Spiel. Und ich finde es besonders gut, dass das Stadion ausverkauft ist.

Morgenpost Online: Ist die WM auch in Kanada ein Ereignis?

Peter Boehm: Die Spiele werden nicht nur hier, sondern auch bei uns im Fernsehen gezeigt. Für die Mädchen und Frauen in Kanada, die Fußball spielen, ist das fantastisch. Sie können die große Begeisterung in Deutschland sehen – ob man gewinnt oder verliert, wird dann fast zur Nebensache. Und wir sind 2015 die nächsten Gastgeber, von daher wird diese WM hier besonders beachtet.

Morgenpost Online: Wagen Sie einen Tipp fürs Eröffnungsspiel?

Peter Boehm: In meinem Beruf ist mir das versagt.

Morgenpost Online: In Deutschland fällt gerade besonders auf, in all der Werbung und den Medienberichten über die WM, dass dieses Ereignis schnell nur auf die Frauen reduziert wird, der Fokus liegt nicht auf dem Sport.

Peter Boehm: Oh ja, das ist mir auch aufgefallen.

Morgenpost Online: Ist das in Kanada anders?

Peter Boehm: Ehrlich gesagt, ja. Es sind bei uns in erster Linie Athletinnen. Der Fokus liegt auf dem Können. Ich muss sagen, mich hat der Umgang mit Frauensport hier sehr gewundert. Bei uns in den Medien wird das Thema nicht so sehr zu einer Ausbeutung des Weiblichen gemacht. Das ist meine persönliche Meinung.

Morgenpost Online: Ist der entspannte Umgang mit Frauensport eine Sache, die man lernen kann oder ist das eine Mentalitätsfrage?

Peter Boehm: Unser Nationalsport ist Eishockey. Und wir haben da auch Frauenmannschaften – die haben eine Medaille in Vancouver gewonnen. Aber es hat einige Jahre gedauert, bis man einsah, dass Eishockey nicht unbedingt ein Macho-Sport ist. Fußball in Kanada ist aber ein bisschen anders, das wird schon in den Kindergärten von Mädchen gespielt. Meine Tochter war auch in einer Mannschaft, unser jüngstes Kind, sie ist jetzt sieben Jahre alt. Und sie wird am Sonntag auch mit mir im Stadion sein.

Morgenpost Online: Gehen Sie in Berlin sonst auch ins Stadion?

Peter Boehm: Oh ja. Beim Eishockey bei den Eisbären war ich schon mehrmals. Auch bei der zweiten Liga war ich schon mal in Weißwasser in Sachsen. Da sind manchmal auch kanadische Spieler dabei, die schon etwas älter sind und deren Knie schon zu kaputt sind für die Profi-Liga in Nordamerika. Fußball schaue ich auch gern im Fernsehen. Ich habe alle deutschen Spiele bei der WM in Südafrika verfolgt. Nur Frauenfußball habe ich hier noch nicht gesehen. Aber ich habe am Mittwoch schon unsere Mannschaft in Berlin begrüßt.

Morgenpost Online: Wie war die Stimmung?

Peter Boehm: Wunderbar. Sie haben mir ein Trikot geschenkt mit all ihren Unterschriften drauf. Das fand ich gut.

Morgenpost Online: Schade, das werden Sie wahrscheinlich nicht tragen auf der Politiker-Tribüne…

Peter Boehm: Aah, ich weiß nicht. Ich werde auf jeden Fall eine Flagge dabei haben und auch zeigen, wen ich vertrete.

Morgenpost Online: Welche Orte besuchen Sie sonst gern hier?

Peter Boehm: Ich bin jetzt drei Jahre hier und habe sehr viel gesehen. Der Fokus meiner Arbeit liegt natürlich auf der Regierung. Aber ich bin in ganz Deutschland viel unterwegs. Wir haben Konsulate in München und Düsseldorf, ich vertrete kanadische Interessen in Sachen Investitionen oder auch akademische Interessen – Werbung für unser Land bei Studenten, wissenschaftlicher Austausch und es gibt Partnerschaften zwischen Bundesländern und unseren Provinzen. Wir arbeiten mit Deutschland auf vielen Ebenen zusammen: in der G8, in der UNO, in Afghanistan…

Morgenpost Online: …das klingt nicht nach viel Freizeit.

Peter Boehm: Die nehme ich mir, Privatleben muss sein. Und Berlin ist eine wunderbare Stadt dafür, wir genießen sie sehr. Spaziergänge, Schwimmen im Grunewald oder auch in Brandenburg, und wir fahren begeistert Fahrrad wie die Berliner!

Morgenpost Online: Verrät Ihr Nachname deutsche Wurzeln?

Peter Boehm: Zehn Prozent der Kanadier haben deutsche Wurzeln. Meine Vorfahren sind Siebenbürger Sachsen. Das teile ich mit dem Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler und mit Peter Maffay. Aber ich bin in Kanada geboren, meine Eltern sind im Krieg geflüchtet. Meine Geschwister und ich haben auf einer Samstagsschule Deutsch lesen und schreiben gelernt. Die Sprache bei meinen Eltern zu Hause ist Deutsch.

Morgenpost Online: Sie pflegen die Traditionen der Heimat?

Peter Boehm: Ja, das sieht man in Kanada viel. Das gehört natürlich zur Integrationsfrage. Unsere Neuankömmlinge – so nennen wir sie, nicht „Personen mit Migrationshintergrund“, das klingt ein wenig diskriminierend, finde ich – werden von verschiedenen Organisationen in Empfang genommen, die ihnen helfen, zurecht zu kommen. Die eigenen Bräuche werden trotzdem gepflegt. Wir haben eine Viertelmillion Zuwanderer im Jahr. Wenn man bedenkt, dass wir insgesamt nur 34 Millionen Einwohner haben, ist das eine Menge.

Morgenpost Online: Wir schlagen uns gerade mit der Suche nach Lösungen für den Fachkräftemangel herum. Kanada gilt dabei als Musterland – was funktioniert bei Ihnen denn so gut?

Peter Boehm: Was gut funktioniert, ist, dass wir schon viele, viele Jahre Praxis haben. Wir hatten auch Zeit, aus Fehlern zu lernen. Wegen unseres großen Landes haben wir immer viele Leute anlocken wollen. Deshalb versuchen wir seit dem 19. Jahrhundert schon, die Zuwanderung zu steuern. Oft wird von unserem Punkte-System gesprochen, nach dem wir die Zuwanderer auswählen. Etwa 60 Prozent kommen so ins Land. Da geht es um Sprachkenntnisse, um Beruf und Abschlüsse. Aber dieses System ist kein Gesetz, sondern ein Werkzeug, das wir kalibrieren, wenn nötig.

Morgenpost Online: Aber damit ist die Integration in die Gesellschaft ja noch nicht getan.

Peter Boehm: Bei uns funktioniert gerade die Integration der zweiten Generation gut. Die Leute kommen aus aller Welt, die Eltern haben manchmal zwei oder drei Jobs und hohe Erwartungen an die Bildungserfolge ihrer Kinder, die sich dadurch gut integrieren können. Und es gibt für Zuwandererkinder Extra-Unterricht an den Schulen, damit sie Englisch oder Französisch lernen – aber gleichzeitig auch ihre Muttersprache behalten. Das ist ein Kern unseres Multikulturalismus, mindestens zwei Sprachen zu können über Generationen. Ein anderer Faktor, den es in Deutschland nicht gibt, ist die Art des Schulsystems. Bei uns sind die Kinder viel länger gemeinsam in einer Klasse. Dadurch ist die Integration einfacher, weil die Kinder sich gut kennen.

Morgenpost Online: 67 Prozent der Kanadier sehen laut Umfrage Integration positiv, weil sie gut für die Wirtschaft sei. Hier hat man eher Angst, Zuwanderer könnten Jobs wegnehmen. Wie kommt man zu einer positiveren Sicht?

Peter Boehm: Nur mit der Zeit. Und bei uns wurde Zuwanderung bei den Betroffenen immer als Neuanfang begriffen. Hier war das Konzept lange das der „Gastarbeiter“, die wieder gehen sollen. Dazu kommt bei uns auch eine Willkommenskultur, die man lange aufbauen muss.

Morgenpost Online: Mittlerweile sind wir Konkurrenten um die Fachkräfte dieser Welt, Sie suchen nach den gleichen Berufen wie Deutschland…

Peter Boehm: Ja, wir wollen deutsche Köche haben! Und Ärzte. Der weltweite Wettbewerb wird da immer härter. Da muss man etwas bieten, und nicht nur Geld. Auch Staatsbürgerschaft, soziale Sicherheit, schnelle Integration und ein gutes Gesundheitssystem.