Frauenfussball

WM-Auftakt – Traumquote und ein verrücktes Spiel

Möchte man den Zahlen glauben, so war der WM-Auftakt der deutschen Frauen-Nationalmannschaft ein voller Erfolg. Der 2:1 Sieg und Spitzenquoten mit 10,37 Millionen Zuschauern sprechen für sich. Doch die Partie selbst war phasenweise alles andere als überzeugend.

Die deutschen Fußball-Frauen haben die erste Hürde auf dem Weg zum Titel-Hattrick glücklich gemeistert, doch in WM-Form präsentierte sich zum Auftakt der dreiwöchigen Sommer-Party vor allem das euphorische Publikum und weniger die Spielerinnen. „Das war überwältigend. Wir saugen die Stimmung auf. Wenn wir zum dritten Weltmeister werden wollen, brauchen wir die Energie der Fans“, schwärmte Torhüterin Nadine Angerer von der einmaligen Atmosphäre im ausverkauften Berliner Olympiastadion.

Das Spiel selbst war phasenweise alles andere als überzeugend oder gar zuschauerfreundlich - Fehlpässe und planlose Aktionen irritierten. Auch wirkten die Spielerinnen ein wenig gehemmt. Bundestrainerin Silvia Neid sprach von einem "verrückten Spiel". Aber nicht im positiven Sinne. Sie wunderte sich mehr über den Auftritt ihrer Mannschaft: "Wir wollten anders spielen, standen nicht kompakt genug – und haben trotzdem zwei Tore in der ersten Hälfte erzielt."

Angetan war aber auch sie von dem Zuspruch der Fans. Neid verneigte sich vor der europäischen Rekordkulisse von 73.680 Zuschauern, die ihre Mannschaft auch in kritischen Situationen nach vorne trieb. „Das Publikum war wirklich klasse“, sagte die Bundestrainerin, „und ich hoffe, wir konnten etwas zurückgeben.“

Deutschland das "Fußball-Paradies"

Trotz ihrer unerwarteten Ersatzrolle wähnte sich Stürmerin Inka Grings nach dem 2:1 (2:0) am Sonntag gegen Kanada im „Fußball-Paradies“, Kerstin Garefrekes hatte „Gänsehaut pur“, und Steffi Jones sprach von einem „traumhaften“ WM-Auftakt. „Es hätte gar nicht besser sein können. Die Stimmung im Stadion war sensationell“, befand die Präsidentin des deutschen WM-Organisationskomitees. „Es war sicher nicht einfach, vor einer solch großen Kulisse zu spielen, aber die Mädels haben die ungewohnte Situation gemeistert, dem Druck standgehalten und ein richtig gutes Spiel gezeigt“, lobte DFB-Präsident Theo Zwanziger, der die Partie neben der begeistert klatschenden Kanzlerin Angela Merkel verfolgte.

Mit dem Kopfball-Führungstreffer von Kerstin Garefrekes (10.) sprang der Funke früh auf das Publikum über, und nach dem 2:0 kurz vor der Pause durch WM-Debütantin Celia Okoyino da Mbabi (42.) kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Einen Tag vor ihrem 23. Geburtstag mochte die Offensivspielerin aus Bad Neuenahr von einem vorzeitigen Geschenk aber nichts wissen. „Das macht man ja nicht, das bringt Unglück und das will ich nicht“, sagte Okoyino da Mbabi, die sich umso mehr über den Kuchen und das vom Team am Montag dargebrachte Ständchen freute.

Wie die beiden überragenden Flügelspielerinnen Garefrekes und Melanie Behringer erhielt Okoyino da Mbabi ein Sonderlob von Neid. „Celia hat in der Vorbereitung sehr gute Spiele gemacht hat. Diese Leistungen hat sie im Training bestätigt“, erläuterte die Bundestrainerin, warum sie den Shootingstar statt der etablierten Stürmerin Grings in der Startelf aufgeboten hatte. Ihre anfängliche Nervosität legte Okoyino da Mbabi schnell ab, rechtfertigte das Vertrauen und stahl im Wechselspiel mit Birgit Prinz auf der Spielmacherrolle sogar Deutschlands WM-Rekordspielerin die Show, die in ihrem 23. WM-Einsatz nur sporadisch Akzente setzen konnte.

Erste Nasenbeinbruch dann Anschlusstor

Dass der Sieg nach dem Anschlusstor von Kanadas Starstürmerin Christine Sinclair, die in der 82. Minute trotz eines zuvor erlittenen Nasenbeinbruchs einen Freistoß direkt in den Winkel zirkelte, noch einmal ernsthaft in Gefahr geriet, fand Prinz nicht so tragisch. „Übermorgen fragt keiner mehr, wie das Spiel war. Mir ist es so lieber, als dumm verloren zu haben“, sagte die 33-Jährige.

Gleichwohl herrschte die pure Erleichterung über den zehnten Sieg im zehnten Duell mit Kanada. „Ich bin total happy, weil wir jetzt drei Punkte auf dem Konto haben“, meinte Angerer, die nach 622 WM-Minuten erstmals bezwungen wurde. „Das mit dem Gegentor war für mich nie ein Thema, ganz ehrlich“, meinte die Torhüterin gelassen. „Wenn wir es ganz realistisch sehen, hätten wir 2:2 oder 4:0 spielen können. Ich bin echt froh, dass wir nicht 4:0 gespielt haben, weil es das Ganze, was heute passiert ist, verfälscht hätte“, bilanzierte Neid, die vor allem im spielerischen Bereich und im Ausnutzen der Torchancen noch großes Steigerungspotenzial sieht.

Bis zum zweiten Vorrundenspiel am Donnerstag in Frankfurt (20.45 Uhr) gegen die Nigerianerinnen, die zum Auftakt 0:1 in Sinsheim gegen Frankreich verloren, werde man versuchen, an den Schwächen zu arbeiten, kündigte Neid vor dem Umzug in die Mainmetropole am Montag an. „Wir können es ja, das haben wir oft gezeigt. Vielleicht haben wir uns die Tore aufgehoben für die nächsten Spiele“, sagte sie zu den Lattentreffern von Simone Laudehr und Alexandra Popp. „Ich hoffe, das war nur Pech.“

Am meisten ärgerte sich Garefrekes, die zwar zurecht zur besten Spielerin gekürt wurde, aber in der 66. Minute auch kläglich die mögliche Entscheidung vergab. In ähnlicher Manier wie Mario Gomez bei der Europameisterschaft 2008 säbelte sie frei stehend den Ball aus sechs Metern über das Tor. „Das war eine Tausendprozentige. Wenn man die vergeigt, ist das kein schönes Gefühl“, sagte die 31-Jährige.

Angerer sprach vom „ersten Meilenstein“ auf dem Weg zum Titel, zur Euphorie sieht die Keeperin aber keinen Anlass. Auch wenn die DFB-Auswahl als Spitzenreiter der Gruppe A gut dasteht. „Durchmarschieren werden wir nicht. Wir müssen uns das alles hart erarbeiten.“

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Traum-Quote

Deutschlands Fußball-Männer haben eine ernsthafte Konkurrenz bekommen. Den Sieg der deutschen Frauen-Nationalmannschaft zum WM-Start am Sonntag gegen Kanada (2:1) verfolgten ab 17.40 Uhr in der ARD 14,09 Millionen Zuschauer. Dies entspricht einem Marktanteil von 58,0 Prozent, wie die GfK-Fernsehforschung in Nürnberg ermittelte - Rekord für den Frauenfußball. Die bisherige Höchstmarke hielt das Frauen-WM-Finale gegen Schweden vor acht Jahren, das inklusive Verlängerung 10,37 Millionen Zuschauer einschalteten.

Die Herren erreichten in der Europameisterschafts-Qualifikation zuletzt Werte um die zehn Millionen Zuschauer. Zu Beginn großer Turniere liegt die Zuschauerbeteiligung in der Regel allerdings noch etwas höher als am Sonntag bei den Damen. Auch die Übertragung des ersten Spiels zwischen Frankreich und Nigeria (1:0) lief ordentlich: Ab 14.45 Uhr waren – auch in der ARD – 3,21 Millionen Fans (19,9 Prozent) dabei. In diesem Fall musste sich der Fußball dem Formel-1-Rennen in Valencia geschlagen geben. Sebastian Vettels Sieg interessierte auf RTL 6,35 Millionen Menschen (38,3 Prozent).

Für die ARD setzte sich der Höhenflug nach dem WM-Auftakt fort. Die „Tagesschau“ verbuchte um 20 Uhr 13,11 Millionen Zuschauer (45,3 Prozent). Der neue „Polizeiruf 110“ (Titel: „Die verlorene Tochter“) mit Maria Simon als neue Kommissarin in Brandenburg erreichte 8,22 Millionen Zuschauer (26,5 Prozent) und damit glatt „Tatort“-Niveau. Die ARD holte mit Sport und Krimi einen Gesamttagesmarktanteil von 23,6 Prozent.

Wowereit hätte sich mehr WM-Spiele in Berlin gewünscht

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hätte sich mehr als ein Spiel der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Berlin gewünscht. Das Olympiastadion sei eine wunderbare Kulisse gewesen, sagte er am Montagmorgen im Inforadio des RBB. „Viele haben den DFB für verrückt erklärt, das Eröffnungsspiel in Berlin zu machen – und es war in kurzer Zeit ausverkauft. Man hätte sich einfach mehr trauen sollen.“

Die deutsche Nationalmannschaft hatte ihr Auftaktspiel gegen Kanada im Berliner Olympiastadion mit 2:1 gewonnen. Wowereit war vom Spiel der Mannschaft sehr angetan. „Der Frauenfußball ist insgesamt viel technischer geworden, viel athletischer, und dadurch auch attraktiver.“

An ein Sommermärchen wie bei der Männer-WM vor fünf Jahren glaubt Wowereit aber nicht. „Die Frauen-WM wird sicherlich ein Märchen, vor allem wenn die Frauen so märchenhaft spielen und dann auch wieder Weltmeisterinnen werden. Aber ohne Public Viewings und Fanmeilen wird das keine Massenbewegung.“