Lira Bajramaj schloss die Augen und atmete tief durch. Sie musste sich jetzt konzentrieren, richtig konzentrieren. Nicht auf einen siegbringenden Elfmeter auf dem Fußballfeld. Die Aufgabe für Deutschlands schönste Kickerin war eine andere, deswegen aber nicht minder reich an Verantwortung für sich und ihre 20 Kolleginnen, mit denen Bajramaj heute in die WM der Frauen startet.

Von zwei Karabinergurten gesichert, hing die zierliche junge Frau am Donnerstagnachmittag in der Waagerechten – dann hangelte sie los beim Teambuilding-Wettbewerb auf der Insel Scharfenberg im Tegeler See, an einem straff gespannten Stahlseil dem Ziel entgegen. Ihre Mitspielerinnen feuerten Bajramaj an, als die sich anschickte, das letzte Puzzlestück zum gemeinsamen Erfolg zu ergattern: eine Abschussrampe, von der aus sie johlend eine Signalrakete in den Himmel über Berlin feuerten. Nach dem Motto: Seht alle her, wir haben es geschafft! Gemeinsam!

Titelhattrick im eigenen Land

Auf dem Stadionrasen haben sie es noch nicht vollbracht. Da wartet noch die Aufgabe, Deutschland ein drittes Mal in Folge zum Weltmeister zu machen. 73680 Zuschauer werden sie im Eröffnungsspiel dieser sechsten WM der Frauen am Sonntag (18 Uhr, ARD und live bei Morgenpost Online ) im Olympiastadion gegen Kanada anfeuern, auf dass der Startsieg gelingen möge. Für eine, für die es das letzte Hurra im DFB-Trikot werden soll, schließt sich sogar ein Kreis: Birgit Prinz (33). Die Stürmerin, die mehr Spiele für Deutschland bestritten (212) und dabei mehr Tore (128) als jede andere geschossen hat, debütierte einst als 16-Jährige gegen Kanada. Im Juli 1994 war das, in Montreal traf sie zum 2:1-Sieg für Deutschland. Nun möchte sie mit dem Titelhattrick abtreten. Im eigenen Land, „mehr geht nicht“, sagt sie. Prinz war mehr als die Hälfte ihres bisherigen Lebens das Gesicht einer Sportart, die kaum jemanden interessierte. Jetzt, spätestens von heute an, steht sie mit ihren Kolleginnen drei Wochen lang im Mittelpunkt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer lange kaum für möglich gehaltenen Entwicklung.

Frauenfußball – das wurde als Sport von Möchtegernmännern in kurzen Hosen und mit kurzen Haaren verpönt. Wie die Zeiten sich geändert haben. Bei Fotoshootings präsentieren sich nun junge, hübsche Nationalspielerinnen, an denen nur eines noch länger ist als ihre perfekt gestylten Haare: ihre langen Beine.

Spannend wird nun nur zu beobachten sein, inwieweit die kickenden Frauen es auch auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen schaffen, die von Millionen Fans gefeiert werden wie Popstars.

Im Vorfeld hat das Land seine Frauen schon fest an sich gedrückt; so fest, dass den National-Elfen die Luft wegzubleiben droht. Die Spielerinnen wollen ja selbst alle nichts lieber als Weltmeisterinnen werden. Doch wehe, wenn es schiefgeht! Die öffentliche Erwartungshaltung hat spätestens nach vier Testspielsiegen mit 15:0 Toren ein solches Ausmaß erreicht, dass die Weltmeisterschaft in sportlicher Hinsicht praktisch nur noch als Erfolg bewertet werden kann, wenn der Gastgeber am 17. Juli auch den WM-Pokal in den Frankfurter Abendhimmel stemmt. Die Spielerinnen ärgert das. „Einige verstehen einfach nicht, dass man nicht im Vorbeigehen Weltmeister werden kann“, tadelt Abwehrspielerin Babett Peter: „Viele sehen nicht, wie viel Arbeit wir aufbringen müssen und wie viel Glück auch dazu gehört, einen Titel zu gewinnen.“ Doch was will man machen, wenn sogar das Fernsehen die DFB-Elf mit ihrem – wenn auch witzig gemeinten – Turnierslogan unter Druck setzt: „Dritte Plätze sind was für Männer.“ Die waren 2006 und auch 2010 in Südafrika jeweils im Halbfinale am späteren Weltmeister gescheitert. An fehlendem Komfort abseits der Spiele konnte es nicht gelegen haben. Der DFB hat seinen Kickern wahre Wohlfühloasen geschaffen – und erstmals kommen nun auch ihre weiblichen Pendants in den Genuss von Player's Lounges und Rundumbetreuung. 34 Männer und Frauen bilden das Team hinter dem Team, von Managerin Doris Fitschen bis zum Busfahrer. Jose, der Bodyguard der Männer-Elf, sichert auch das Trainingsgelände der Frauen gegen unerwünschte Eindringlinge. Und eine Personenschützerin des Bundeskriminalamtes ist auch neu.

Mögen tatsächlich nur 17 Jahre liegen zwischen Prinz' internationalem Debüt und dem Hier und Jetzt – gefühlt sind es doch Welten. „Damals in Kanada hatten wir einen Arzt, einen Physiotherapeuten und zwei Trainerinnen dabei. Das war's“, sagt Prinz: „Man kann heute überall drauf gucken und sagen: Das hat sich verändert und das und das.“ Wann etwa gab es schon mal solchen Trubel um unsere Fußballfrauen, dass DFB-Managerin Fitschen sagt, sie hätten ihm mit dem teambildenden Ausflug ins Grüne „einfach mal entfliehen“ wollen.

Im Inneren des von Fans und TV-Übertragungswagen umlagerten Teamquartiers am Berliner Lützowufer hat der DFB eine Suite im siebten Stockwerk angemietet. Dort finden die Spielerinnen eine Tischtennis-Platte und einen Tischkicker vor, dazu Brettspiele und eine Playstation der modernsten Generation. Die Spiele dafür hat Kim Kulig mitgebracht, 21 Jahre jung und doch schon so etwas wie die neue Chefin auf und auch neben dem Platz. Und so zocken sie in freien Stunden nun „Fifa 11“ und Basketball und simulieren auf einem futuristischen Snowboard die wilde Fahrt durch verschneite Landschaften. In Frankfurt, wohin der DFB-Tross nach dem Auftaktspiel morgen Mittag weiterzieht, kommt noch ein Airhockey-Tisch dazu. Eine fünfstellige Summe lässt sich der Verband Anschaffung und Transport des Equipments sowie die dazu nötigen Räume in den Hotels kosten.

Klinsmanns Motivations-Video

Überspitzt ließe sich sagen, dass nicht in ihren Gegnerinnen die größte Herausforderung für Deutschlands Fußballfrauen liegt. Sondern darin, über den für sie neuen Annehmlichkeiten nicht den Fokus für das Wesentliche zu verlieren. Denn ein Aus im Halbfinale, wovor Bundestrainerin Silvia Neid mit Blick auf das gestiegene Niveau des Frauenfußballs warnt, wäre eine Steilvorlage für Kritiker: Kaum wird den Frauen der Luxus der Männer zuteil, siegen sie nicht mehr.

Begründer der Sperenzchen im Umfeld war übrigens der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der im WM-Jahr 2006 im „Teamgeist das Fundament unseres Erfolges“ sah. Er ließ Motivations-Videos drehen und seinen Profis im Bus Bilder von den Trümmerfrauen nach Ende des Zweiten Weltkriegs vorführen. Das Video sollte sie für Deutschland, ihr Land, sensibilisieren. Der für die damaligen Zusammenschnitte verantwortliche Uli Voigt gehört jetzt auch zur Frauen-Entourage. Noch, sagt er, seien für die Frauen keine vergleichbaren Suggestivmaßnahmen geplant. „Aber das kann sich ändern.“