Surfer Kelly Slater

"Der Tod in unserem Leben ist realer als bei anderen"

Surf-Idol Kelly Slater spricht im Interview mit Morgenpost Online über den Tod des Kollegen Andy Irons und berühmte Freundinnen.

Binnen weniger Tage geriet die Welt der Surfer aus den Fugen: Zuerst wurde der frühere Weltmeister Andy Irons (32) in einem Hotelzimmer in Dallas tot aufgefunden. Bei dem Wettbewerb in Puerto Rico, vom dem Irons abgereist war, eroberte dessen Rivale Kelly Slater (38) den zehnten WM-Titel.

Morgenpost Online: Die Obduktionsergebnisse des verstorbenen Andy Irons liegen noch immer nicht vor. Im Hotel wurden Medikamente gegen Angstzustände und Schlaflosigkeit sowie Methadon gefunden. Haben Sie beobachtet, dass Irons so etwas nimmt?

Kelly Slater: Ich habe nie beobachtet, dass Andy so was nimmt, aber es war ja keiner bei ihm. Deswegen wissen wir nicht, was passiert ist. Es hieß ja auch, er habe Denguefieber gehabt, aber ich weiß nicht, ob sie ihn darauf getestet haben.

Morgenpost Online: Wie haben Sie sich gefühlt, nach der Nachricht vom Tode Irons einfach weiter zu surfen?

Slater: Als wir davon hörten, bekamen wir einen Schock. Wir waren alle wie gelähmt, konnten das nicht glauben. Ich bin dann surfen gegangen, eine halbe Stunde später. Ich habe gedacht: Ich gehe ins Wasser und denke über Andy nach. Es wäre hart gewesen, am nächsten Tag im Wettbewerb mitmachen zu müssen, aber sie haben die Wettkämpfe zwei Tage ausgesetzt. Das war gut.

Morgenpost Online: Irons hatte Sie einst als Weltmeister abgelöst, bis Sie ihm den Titel wieder abnahmen. Wie erbittert war Ihre Rivalität: freundschaftlicher Wettbewerb, Feindschaft?

Slater: Wahrscheinlich all das. Andy war ein sehr emotionaler Mensch. Er konnte es nicht ausstehen zu verlieren. Nicht einmal beim Pokern. Natürlich gab es Reibung zwischen uns. Aber wenn jemand verstirbt, vergisst du das. Unsere Probleme waren klein.

Morgenpost Online: Drei Ihrer Freunde kamen beim Surfen in Monsterwellen um. Irons wurde nur 32 Jahre alt. Ist der Tod im Leben eines Surfers gegenwärtiger als bei Normalmenschen?

Slater: Ich glaube schon. Wir reisen viel, sind müde, wenn wir ankommen, und gehen dann doch enorme Risiken ein. Vielleicht ist der Tod in unserem Leben wirklich realer als in dem der meisten Menschen.

Morgenpost Online: In den olympischen Sportarten zählen Dopingtests zum Alltag, bei denen auch ein Medikamentenmissbrauch auffiele. Würden Sie sie im Surfsport befürworten?

Slater: Ich finde, dass sie auch bei uns testen sollten. Die Franzosen werden wegen des französischen Gesetzes schon drei-, viermal im Jahr getestet. Ich weiß nicht, warum das nicht gängig ist. Mir würde das nichts ausmachen. Der Sport wird immer professioneller, es fließt mehr Geld hinein. Ich finde, dass Dopingtests dann dazu gehören sollten.

Morgenpost Online: Wie fühlt es sich an, mit zehn Weltmeistertiteln etwas geleistet zu haben, dass einen unvergesslich macht?

Slater: Das ist schön. Teils bin ich sehr gefühlsduselig, sehr glücklich, teils auch gar nicht, weil ich denke: Das ist mein Job, das war mein Ziel.

Morgenpost Online: Können Sie die Faktoren beschreiben, die Sie so souverän über Jahre vom Rest des Feldes abheben?

Slater: Das ist beim Surfen nicht anders als in allen Sportarten: Du brauchst deine physische Fitness, deine Kraft, deine mentale Fähigkeit, die Erfahrung und das Selbstvertrauen. Und dann ist das Material ein wichtiger Faktor und die Auswahl der Wellen. Du musst die Faktoren ausmachen und verbessern, bei denen du nicht so gut bist.

Morgenpost Online: Ihnen wird nachgesagt, einen Vertrag mit dem Meer zu haben, dass es Ihnen immer Wellen schickte, wenn Sie welche benötigten.

Slater: Wenn du dein ganzes Leben etwas leidenschaftlich machst, verstehst du es immer besser. Ich weiß, wie sich der Ozean bewegt, was ich erwarten muss, meistens jedenfalls. Deswegen kann ich Vorhersagen treffen, was passieren wird. Der Ozean hat mich das gut gelehrt.

Morgenpost Online: Sie haben einige Jahre wegen Motivationsmangel pausiert. Wird Ihr Leben nach dem Rekord nun langweilig?

Slater: Dafür gibt es keinen Grund. Aber manchmal musst du dich intensiver mit der Frage befassen, was du vom Leben erwartest, und dann findest du schon neue Aufregung.

Morgenpost Online: Die meisten Leistungssportler träumen von einer Teilnahme an Olympischen Spielen. Wie wichtig ist es Ihnen, möglicherweise auch Ihren Sport dort zu erleben?

Slater: Ich weiß nicht, ob ich sehr aufgeregt wäre. Aber ich bin mir sicher, dass ich teilnehmen würde. Das wäre wohl spannend, weil es noch mehr Interesse auf der ganzen Welt fördern würde. Wir würden Leute erreichen, die sonst keinen Zugang hätten.

Morgenpost Online: Es gibt Neider, die Sie als kommerzorientierten Surfer mit berühmten Freundinnen wie Pamela Anderson oder Cameron Diaz kritisierten. Nagen solche Vorwürfe an Ihrer Selbsteinschätzung?

Slater: Ich muss solche Dinge einfach akzeptieren. Die Leute kriegen da ja nicht einmal die Fakten fehlerfrei hin. Die Leute reden einfach gern. Cameron ist nur eine gute Freundin, sie war nie meine Lebensgefährtin. Nicht einmal das stimmt also. Macht es mich kommerziell, weil ich mit berühmten Frauen ausgehe? Ich fürchte, die Leute meinen das, und ich kann es nicht ändern.

Morgenpost Online: Sicher auch, weil Sie große Sponsorenverträge haben. Einer zahlt angeblich zehn Millionen Dollar für den zehnten Titel.

Slater: Ich wünschte, das wäre richtig. Sie sorgen für mich, generell können heute viel mehr Jungs als früher vom Surfen leben, aber es ist nicht so, wie es berichtet wird.

Morgenpost Online: Wie stehen die Chancen, Sie bald mal auf der Welle im Englischen Garten von München surfen zu sehen?

Slater: Viele meiner Freunde sind da schon gesurft. Ich werde ganz sicher mal nach Deutschland kommen, um da zu surfen. Ich weiß nur noch nicht, wann.

Morgenpost Online: Wie sehen Ihre Pläne nun aus?

Slater: Ich habe noch nicht entschieden, ob ich den Titel verteidigen werde im nächsten Jahr, oder was ich mache.