Deutsche Meisterschaften

Trotz Sieg - Britta Steffen verfehlt WM-Norm

Bei den deutschen Meisterschaften siegte die Berlinerin Britta Steffen zwar über 100 Meter Freistil, zur WM-Norm reicht es jedoch nicht. Auch Lebensgefährte Paul Biedermann kann das Ticket nicht lösen. Beide haben am Sonntag ihre nächste Chance.

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Von weitem sah es so aus, als gratulieren sich Deutschlands Schwimmstars Britta Steffen (27) und Paul Biedermann (24) gegenseitig zu ihren Erfolgen. Eng umschlungen standen sie in einer Ecke nahe des Ausschwimmbeckens, redeten miteinander und küssten sich. Doch bei genauerem Hinsehen wirkte es dann eher wie ein Trösten, was Doppelweltmeister Biedermann am Sonnabend in der Berliner Halle im Europa-Sportpark versuchte. Zwar könnten Steffens Deutscher Meistertitel über 100 Meter Freistil und auch Biedermanns zweiter Platz über die gleiche Strecke, die für ihn nur ein Nebenschauplatz ist, durchaus zu einer kleinen Feier taugen. Die Zeiten der beiden gaben jedoch keinen Anlass zu Jubelarien. „Wenn man die eigenen Erwartungen nicht erfüllt, ist man erst mal geschockt“, sagte die Doppel-Olympiasiegerin, denn sowohl Steffen als auch Biedermann verpassten die WM-Norm. Alleine sind sie damit bei diesen Titelkämpfen jedoch nicht.

Am Ende des zweiten Finaltages haben gerade einmal sieben Athleten die vom Deutschen Schwimm-Verband (DSV) geforderten Richtzeiten für die WM in Schanghai (16. bis 31. Juli) geschafft, darunter am Freitag auch die Berlinerin Dorothea Brandt (27) über 50 Meter Brust. Tim Wallburger (21) schlug zwar gestern als Schnellster nach 200 Metern Schmetterling an und sorgte damit nach Steffens Titel für den zweiten Tagessieg eines Berliners, blieb aber deutlich hinter dem deutschen Rekord von Michael Groß. Für die WM-Norm hätte er sogar noch schneller schwimmen müssen als die Bestmarke von 1986.

Steffen schrammte in 54,14 Sekunden hingegen nur knapp an der geforderten Zeit vorbei. Gerade einmal sechs Hundertstelsekunden fehlten der 27-Jährigen, die in den Vorläufen noch deutlich lockerer gewirkt hatte. „Ich bin ein kleines bisschen unklug geschwommen“, analysierte sie. „Ich hatte mir vorgenommen, das Rennen schneller anzugehen.“ Genauso wie über die Zeit, ärgerte sie sich nach dem Rennen noch über etwas anderes, dass sie vor dem Start aus der Konzentration gebracht hatte. Als sie mit ihren Finalgegnerinnen in einem kleinen weißen Zelt darauf wartete, für den Endlauf aufgerufen zu werden, zeigte das ZDF einen kurzen Einspieler, der auch über die Leinwand in der Schwimmhalle flackerte. Zu sehen waren unter anderem private Szenen von ihr und Biedermann. Steffen konnte das zwar aus dem Zelt heraus nicht sehen, hörte aber auf einmal ihre eigene Stimme – und war irritiert. „Die Erwartungen werden aufgebauscht. Das war wie in einem Boxkampf“, sagte sie und ergänzte mit Blick auf die Konkurrenz: „Mir taten die anderen Mädels leid.“

Nach dem ersten Ärger und der Enttäuschung entspannten sich aber ihre Gesichtszüge, und sie spürte vor allem eines: „Erleichterung“. Erleichterung darüber, dass dieses erste wichtige Finale nach der WM 2009 in Rom vorbei ist. Eine Woche lang musste sie immer wieder Fragen nach ihrem Gefühl, ihren Erwartungen und Wünschen beantworten, der Druck steigerte sich von Tag zu Tag. Trotz der knapp verpassten Norm geht sie davon aus, in Schanghai die Titelverteidigung über 100 Meter Freistil in Angriff nehmen zu dürfen. „Der Herr Lange hat gesagt, Britta du bist Weltmeisterin, du fährst zur WM, wenn du Erste bist“, schildert sie ein Gespräch mit Bundestrainer Dirk Lange. Zudem belegt sie mit ihrer Zeit jetzt Rang sechs der Weltrangliste dieses Jahres. „Wenn man mich da nicht mitnimmt, könnte ich das nicht verstehen“, sagt sie. Am Sonntag kann Steffen sich über die 50-Meter-Distanz endgültig das Ticket sichern.

Auch Biedermann muss Sonntagnachmittag über die 200 Meter Freistil noch beweisen, dass er nach Schanghai gehört, sieht die Sache aber relativ entspannt. „Wir schauen jetzt, dass wir uns Sonntag qualifizieren. Ich freue mich jedenfalls auf die 200 Meter“, sagte er. Nur ein paar Schritte entfernt ließ gerade ein Rotschopf aus Frankfurt eine kalte Sektdusche über sich ergehen. Seine Trainingskollegen hatten geahnt, zu was Marco di Carli (26) fähig ist, und hatten sich schon vor dem Rennen Pappkronen gebastelt und die Flasche in die Halle geschmuggelt. Di Carli schnappte Biedermann nicht nur den Titel weg, sondern verbesserte auch dessen deutschen Rekord auf 48,24 Sekunden, unterbot die WM-Norm und führt jetzt die Weltrangliste an. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht. Das war unglaublich“, sagte di Carlo, der 2007 schon einmal Landesrekord geschwommen war. Vier Jahre war er aus der Spitze verschwunden, jetzt hat er sich wieder aufgerappelt und ein Signal an die internationalen Topschwimmer geschickt. Steffen und Biedermann müssen ihm das heute noch nachmachen.