Schauspiel-Legende

Warum Mario Adorf großer Fan des FC Bayern ist

Film-Legende Mario Adorf spricht im Interview mit Morgenpost Online über seine Liebe zum FC Bayern, seine Zeit als Torwart, blutige Füße und Schwalben.

Seit seiner Kindheit ist Mario Adorf Fußball-Fan, sein Verein ist der FC Bayern München. Und der 80-jährige Schauspieler mag die kleinen Kultklubs. Daher sagte er sofort zu, als er die Anfrage erhielt, in „Gegengerade“ (Kinostart 31. März) eine Rolle zu übernehmen. In dem Film über den FC St. Pauli spielt er einen Mann, der einen Kiosk am Millerntorstadion betreibt und in guten und schlechten Zeiten zu seinem Klub steht.

Morgenpost Online: Herr Adorf, was fasziniert Sie am Fußball?

Mario Adorf: Der Fußball ist ein Teil meiner Geschichte. Ich bin mit Fußball aufgewachsen. Sonntags ging man zu einem Spiel. In meiner Jugend hatte er zwar nicht die Dimension wie heute, war aber auch damals schon eine wichtige Sache. Während des Krieges gab es einen Fußballfilm, „Das große Spiel“ mit René Deltgen. Er hatte die Rolle eines Fußballspielers. Ich habe ihn bewundert, er wurde auch als Schauspieler mein Vorbild. Und ich habe schon als Kind selbst gespielt.

Morgenpost Online: Welche Position?

Adorf: Ich war Torwart, und manchmal auch Linksaußen in der B-Jugend von der TuS Mayen. Zu den Auswärtsspielen sind wir damals auf der offenen Ladefläche von Lastwagen gefahren. Dort saßen wir auf Bänken, auch im Winter, und haben Fußballlieder gesungen. Die Wagen wurden mit Holzgas betrieben und stanken wie der Teufel. Einmal erlitten wir auf dem Weg zu einem Spiel eine regelrechte Rauchvergiftung und wankten auf den Platz. Wir haben trotzdem gespielt und mit mir im Tor 3:9 verloren. Mir war schwindelig, ich musste dauernd husten und bin herumgetorkelt, hab mich aber in jeden Ball geschmissen. Danach sagten alle, dass es mein bestes Spiel war. (lacht) Meine Karriere als Torwart habe ich nach dem Spiel trotzdem beendet.

Morgenpost Online: Im Fußball heißt es: Torhüter und Linksaußen haben einen Schuss weg.

Adorf: Mag sein. Ich hatte einen ordentlichen linken Schuss und konnte gut Flanken schlagen. Ins Tor habe ich mich wohl auch deshalb gestellt, weil meine Schuhe immer zu klein waren und die Füße beim Laufen zu sehr schmerzten. Im Tor muss man weniger laufen. Zur Ersten Kommunion habe ich meine ersten Fußballschuhe bekommen, gebrauchte natürlich. Aber auch die waren zu klein. Ich habe sie trotzdem drei Jahre lang getragen, es war eine Tortur. Es kam vor, dass ich nach dem Spiel das Blut rauskippte. Wir haben damals auf Aschen-Plätzen gespielt und hatten immer aufgeschürfte Knie, besonders ich als Torwart. Deshalb hat meine Mutter mir Knieschützer gemacht, rosafarbene Knieschützer.

Morgenpost Online: Rosa?

Adorf: Ja, aus einem alten Hüfthalter. Ich habe mich etwas geschämt, aber sie haben gute Dienste geleistet.

Morgenpost Online: Heute ist das undenkbar. In „Gegengerade“ geht es auch um die Kommerzialisierung des Fußballs. Wie sehen Sie die Fußball-Entwicklung?

Adorf: Sie gefällt mir nicht besonders. Der Fußball hat sich sehr verändert. Heute ist es nicht nur Sport, sondern auch Unterhaltung. Ich kenne ja noch – sagen wir – den „puren“ Sport. Damals haben die Spieler viel weniger verdient als heute. Wir haben nie überlegt, was ein Fritz Walter bekommt. Es ging immer nur um die Qualität des Spielers. Es war einfacher. Den großen Rummel um zig Millionen Ablösesummen gab es nicht. Jetzt ist es viel internationaler, die ganze Welt weiß sofort, wenn sich Lionel Messi den Fuß verknackst hat und ob Franck Ribery und Arjen Robben endlich wieder zusammen spielen können.

Morgenpost Online: Müssen Fußballprofis auch Schauspieler sein?

Adorf: Ja, das sind sie alle ein bisschen. Man muss sich nach einem Foul ja nicht wirklich dreimal rollen. Einmal würde es auch tun. Aber das gehört heute dazu. Eine Schwalbe oder ein gut gespieltes Foul kann einen Elfmeter oder eine Rote Karte bringen. Fußball ist ja Unterhaltung, es ist Theater, es ist Spiel. Das haben die Menschen schon immer gemocht. Das macht den Fußball attraktiv. Das Publikum kann sich abreagieren. Man sollte aber nie vergessen, dass der auf den Spielern lastende Druck immens ist. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Adorf: Für einen Film haben wir mal im berühmten Maracanà-Stadion in Rio de Janeiro gespielt, vor einem Spiel der brasilianischen Liga. Es waren 120.000 Zuschauer da. Wir sollten vor dem Spiel nur zehn Minuten herumkicken, ich habe trotzdem Lampenfieber bekommen, wie im Theater. Als der Ball zum ersten Mal auf mich zukam, schien er mir immer kleiner zu werden. Am Ende so klein wie ein Tennisball. Ich habe daneben gehauen. Ich bin oft vor vielen Menschen aufgetreten, zum Beispiel in der Berliner Waldbühne vor über 20.000 Menschen. Aber eine Kulisse wie im Stadion ist eine Belastung, das sollte man nicht unterschätzen. Und da ausgepfiffen zu werden, das ist hart. Und sicher schwer wegzustecken.

Morgenpost Online: Treffen Sie oft Fußballer?

Adorf: Nicht sehr oft, der Einzige, mit dem ich befreundet bin, ist Günter Netzer. Wir sehen uns öfter. Franz Beckenbauer habe ich vor Jahren auf einem Filmball getroffen. Er hatte gerade sein letztes Spiel als Spieler gemacht. Ich merkte im Gespräch, dass er ratlos war und nicht wusste, was er mit seinem Leben nach dem Fußball machen soll. Franz Beckenbauer! Das muss man sich vorstellen. Wir haben über seine Zukunft gesprochen. Mich hat sehr beeindruckt, wie offen er sagte, dass er nicht wusste, wie es weitergeht. Wie es mit ihm weiterging, das wissen wir heute alle.

Morgenpost Online: Wer ist Ihr Lieblingsspieler?

Adorf: Eines der ersten Spiele, bei denen ich dabei war, war gleich nach dem Krieg ein Freundschaftsspiel zwischen Schalke und TuS Neuendorf in Koblenz. Für Schalke spielten damals noch Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Berni Klodt. Ich bin auch mit Freunden nach Kaiserslautern gefahren. Fritz und Ottmar Walter und Horst Eckel fand ich toll. Jahrzehnte später durfte ich in einem Wohltätigkeitsspiel gegen sie spielen. Als ich in Rom lebte, schwärmte ich für Inter Mailand. Sandro Mazzola war grandios, die Mannschaft hat in den 60er- und 70er-Jahren wunderbar gespielt. Bei Mönchengladbach war ich auch einige Male.

Morgenpost Online: Sorgen Sie sich, dass der Klub absteigt?

Adorf: Ja. Das wäre sehr schade. Es gibt Vereine, die sind einem egal. Mönchengladbach nicht. Wegen der Tradition. Der tolle Start des FSV Mainz hat mich hingegen gefreut, ich habe in der Stadt studiert. Allerdings hatte ich schon früh die Befürchtung, dass die Mannschaft eine Spitzenposition nicht lange halten können wird. Das scheint sich zu bestätigen.

Morgenpost Online: Wer ist Ihr Favorit bei den Bayern?

Adorf: Mir gefallen die meisten Spieler, besonders die technisch versierten. Franck Ribery und Arjen Robben zuzusehen, ist ein Vergnügen – wenn sie spielen – Luca Toni mochte ich weniger. Bei Mario Gomez war ich am Anfang auch skeptisch, aber er hat mich inzwischen überzeugt. Als Torhüter fand ich Sepp Maier und Oliver Kahn ganz großartig.

Morgenpost Online: Im Achtelfinale der Champions League spielen Ihre Bayern gegen Inter Mailand, das Hinspiel haben sie 1:0 gewonnen. Wem drücken Sie als Sohn eines Italieners die Daumen?

Adorf: Früher war ich da tatsächlich sehr hin und hergerissen. Heute bin ich für die Bayern. Als ich in München meine Schauspielausbildung absolviert habe, wohnte ich in der Nähe des Stadions. Die Rivalität zwischen dem FC und 1860 war damals viel größer als heute. Ich habe mich damals für die Bayern entschieden und bin dabei geblieben.

Morgenpost Online: Sehen Sie eigentlich lieber einen Film an oder Fußball?

Adorf: Ich bin keiner, der mehrere Filme am Stück sehen will. Aber der Sport begeistert mich so sehr, dass ich auch mal ein Tennismatch und hinterher ein Fußballspiel ansehe. Die Bundesligaergebnisse will ich immer sofort erfahren. Wenn ich samstags unterwegs bin, ruft mich mein Manager immer um 17.20 Uhr an und liest mir die Ergebnisse vor.

Morgenpost Online: Zuerst immer das der Bayern?

Adorf: Natürlich. Wenn nicht, ist das ein Zeichen, dass sie nicht gewonnen haben.

Morgenpost Online: Dann dürften die Hinrunde und die ersten Wochen in diesem Jahr nicht leicht für Sie gewesen sein.

Adorf: Das Spiel gegen den 1. FC Köln hätten sie nicht mehr verlieren dürfen. Aber Zweiter können die Bayern sicher noch werden. Ich glaube fest daran. Falls nicht, muss ich mal ein ernstes Wort mit Uli Hoeneß sprechen (lacht).

Morgenpost Online: Die Meisterschaft haben Sie abgeschrieben?

Adorf: Ja. Dortmund hat eine einmalige Hinrunde gespielt. Das hat es selten gegeben, dass ein Tabellenführer zur Winterpause einen so großen Abstand auf den Zweiten hat. Leider macht es den Kampf um die Meisterschaft etwas langweiliger.

Morgenpost Online: Sind Sie durch die Dreharbeiten auf dem Hamburger Kiez auch zum St. Pauli-Fan geworden?

Adorf: Der Klub ist mir sympathisch. Es ist ein Kultklub, so wie Alemannia Aachen im Rheinland, wo ich Ehrenmitglied bin. Mir gefällt, dass sich St. Pauli klar gegen Rechtsradikalismus und Rassismus positioniert. Ich habe die Rolle mit Vergnügen gespielt. Seitdem interessieren mich die Ergebnisse des Klubs mehr als früher. Im Augenblick steht er gut da. Ich kann nur sagen: Weiter so!