WM 2010

WM-Gastgeber Südafrika lässt Kritiker verstummen

Vor einigen Wochen war unklar, ob Südafrika der Gastgeberrolle gewachsen ist. Jetzt steht fest, dass das Land zufrieden und stolz sein kann.

Foto: Getty Images/Getty

Vielleicht erzählt diese kleine Anekdote am besten vom überschaubaren Kriminalitätsproblem dieser Weltmeisterschaft. Am Mittwoch, kurz vor dem Halbfinale gegen Deutschland, wurde Spaniens Mittelfeldspieler Sergio Busquets bestohlen. Diebe brachen in sein Hotelzimmer ein, entwendeten rund 800 Euro und einige Dokumente. Ärgerlich, ohne Frage, aber der Spanier reagierte mit äußerster Gelassenheit. Niemand werde gerne bestohlen, sagte Busquets nach dem Sieg, „aber ich würde alle meine Dokumente gegen die WM-Trophäe eintauschen.“

Kriminalität als Nebensache also – und nach derzeitigem Stand nicht mehr als eine Randnotiz bei der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. Erinnert sich noch jemand an die Worte von Uli Hoeneß? Der Präsident des FC Bayern bezeichnete vor einem halben Jahr die Vergabe des Turniers an Südafrika als „eine der größten Fehlentscheidungen“ von Fifa-Präsident Joseph Blatter. Er fahre da nicht hin, polterte er, ein in Südafrika gar nicht einmal unwillkommenes Versprechen, das der Deutsche ja auch hielt. Hoeneß war einer der auffälligsten Vertreter des Afro-Pessimismus.

Schwierige Voraussetzungen

Die Skepsis gegenüber Afrika hat während dieser WM an Kraft verloren – soviel steht schon vor dem Finale am Sonntag zwischen Spanien und den Niederlanden fest. Denn wer hätte schon gedacht, dass laute Plastiktröten das größte Problem dieses Turniers sein würden?

Dabei hat wohl noch nie in der jüngeren Geschichte der Fifa ein Gastgeber seine Vorbereitung unter so schwierigen Voraussetzungen absolvieren müssen. Der Weltverband hatte vor sechs Jahren mit der Vergabe des Turniers an das Schwellenland zwar beachtlichen Mut bewiesen. Seine aus der ersten Welt gewohnte Inszenierung wandte er dann aber eins zu eins auf die Dritte Welt an. Längst nicht alle neun Stadien hätten so aufwendig gebaut werden müssen.

In Kapstadt zum Beispiel. Dort sollte ein Stadion in einem schwarzen Township entstehen. Doch dann flog Blatter im Hubschrauber über die Stadt, zeigte mit dem Finger auf einen freien Fleck inmitten eines Edelviertels in Kapstadt. Hier habe es bitte schön gebaut zu werden, der Tafelberg im Hintergrund, ein gut vermarktbares Erkennungszeichen für Milliarden Zuschauer.

Der Boden: schwer bebaubarer Granit. Die Kosten: mehr als 400 Millionen Euro. Die Anwohner klagten, die Arbeiten gerieten nicht nur hier in Verzug, und die Fifa brachte vor drei Jahren einen „Plan B“ ins Gespräch, einen alternativen Ausrichter. Die Organisatoren ließen sich nicht beirren, obwohl es manchmal so schien, als habe sich das Schicksal gegen Südafrika verschworen.

Die Weltwirtschaftskrise kostete allein am Kap eine Million Jobs und hielt wohl auch zehntausende Touristen davon ab, die teure WM-Reise zu buchen. Die steigenden Rohstoffpreise sprengten die Kostenkalkulationen, und über allem schwebte die Frage nach der Sicherheit. Denn selbst ein Anschlag im 2000 Kilometer entfernten Angola wurde mit dem Turnier in Verbindung gebracht.

Nun aber bricht der letzte Tag der WM 2010 an. 780 Künstler werden vor dem Finale noch einmal die Lebensfreude der vergangenen viereinhalb Wochen feiern. Am Morgen will der ehemalige Präsident Nelson Mandela, 91, entscheiden, ob er sich stark genug fühlt, sich auf den Weg in das Soccer City Stadion von Johannesburg zu machen. Seine Anwesenheit wäre einer der emotionalen Höhepunkte dieses Turniers.

Für Blatter steht der Erfolg des Turniers aber schon jetzt fest. „Afrika kann stolz sein. Südafrika kann noch stolzer sein. Sie haben einen großartigen Job gemacht“, sagte der oberste Fußball-Funktionär. Und Finanzminister Pravin Gordhan zitierte selbstbewusst und berechtigt den Wahlslogan des ersten schwarzen US-Präsidenten, Barack Obama: „Yes, we can“.

Transport funktionierte

Ja, sie können es, gegen alle Widerstände, mit einer erstaunlichen Leistung. Der Transport funktionierte vorbildlich – bis auf wenige Ausnahmen: 600 Fans verpassten wegen einer Planungspanne am Flughafen von Durban das Halbfinale der Deutschen.

Entsprechend zufrieden zeigte sich auch Danny Jordaan, Chef des Organisationskomitees: „Wir müssen sicherstellen, dass unser Stolz nicht nur 90 Minuten währt. Wir müssen dieses Gefühl auf andere Lebensbereiche übertragen“, sagte er. Ein erster Schritt ist die erhöhte Polizeipräsenz: Die 41.000 speziell für die WM ausgebildeten Polizisten sollen im Dienst bleiben und machen Hoffnung, das Kriminalitätsproblem einzudämmen.

Und auch auf den Tourismus darf das Land hoffen, selbst wenn weniger Gäste kamen als erhofft. 25 Prozent mehr ausländische Besucher im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichneten die Behörden. Das bedeutet rund 200.000 Fußball-Touristen anstelle der erhofften 450.000. Die Regierung kalkuliert dennoch mit Einnahmen von rund vier Milliarden Euro, die in etwa den Investitionen entsprechen. Diese Prognose wird sich vermutlich nicht erfüllen, doch das Pro und Kontra dieser WM bleibt eine abstrakte Rechnung. Eine, deren Ertrag kaum in Zahlen zu messen ist, so wie jede PR-Kampagne. Und nichts anderes ist eine Weltmeisterschaft, vielleicht die größte der Welt. „Die WM ist die beste Werbung, die wir je hatten“, sagte Gordhan. Und Tourismus-Minister Marthinus van Schalkwyk bezeichnete das Turnier als eines „der herausragenden Vorzeigeprojekte“ für den Kontinent.

Südafrika glaube wieder an sich

„Man fühlt es überall, egal, wohin man geht“, sagte Mike Lee, der Vorsitzende des Denker-Netzwerks „World Future Society of South Africa“, Südafrika glaube wieder an sich. Das Turnier habe seinen Beitrag zur Einigung der Nation geleistet. Der ehemalige Erzbischof von Kapstadt, Desmond Tutu, zog sogar den Vergleich zu der Euphorie, die nach dem Fall der Apartheid im Jahr 1994 herrschte.

Natürlich: Eine WM bleibt immer auch eine Momentaufnahme. Ab wer weiß, vielleicht ist der Identitätsbildende Effekt dieses Turniers nachhaltiger als gedacht.

Am letzten WM-Wochenende jedenfalls sieht es danach aus. Über Monate hinweg hatten unzählige Südafrikaner jeden Freitag das gelbe Trikot der Nationalmannschaft übergestreift – eine großartige Geste der Unterstützung. Es ist knapp drei Wochen her, dass „Bafana Bafana“ ausgeschieden ist, als erster WM-Gastgeber überhaupt bereits in der Vorrunde. Vorgestern trugen viele Fans das Trikot dennoch wieder, auf Baustellen, im Büro, in den Behörden. Wie selbstverständlich.